Wenn er wissen will, was er schon alles erledigt hat, blättert Peter Bergel in seinem großen Buch. Viele Seiten sind noch weiß, schließlich ist der 69-Jährige erst seit gut zwei Monaten im Amt. Zwischen einigen Blättern liegen Schreiben mit dem Wappen der Gemeinde Euerdorf drauf, auf manchen Seiten stehen viele handschriftliche Notizen. "Ich bin ein Papier-Mensch", sagt Bergel lachend. Natürlich müsse er viel mit Handy und Computer arbeiten, aber: "Die wichtigen Dinge stehen bei mir nach wie vor auf Papier." Dadurch könne er sich auch daheim im Garten in Themen einlesen.

"Im Moment ist es ein Vollzeit-Job", fasst Bergel seine zwei Monate als neuer Euerdorfer Bürgermeister zusammen. Es war eine der großen Überraschungen der Kommunalwahlen im März: Peter Bergel vom Bürgerblock warf die amtierende CSU-Bürgermeisterin Patricia Schießer mit fast zwei Dritteln der Stimmen aus dem Amt. Das Verhalten seiner Vorgängerin nach der Niederlage irritiert Bergel bis heute: "Ich hatte keine Einarbeitung", fasst er die Übergabe zusammen. Lediglich den Generalschlüssel und zwei Seiten mit Notizen habe ihm Schießer in die Hand gedrückt. Das war's. Keine fünf Minuten habe das Gespräch gedauert, sonst keine weiteren Kontakte.

Viele erleichterten den Start

Trotzdem fiel ihm der Start leicht: "Ich bin hier fantastisch empfangen worden", berichtet er über die Zusammenarbeit in der Verwaltungsgemeinschaft (VG). Natürlich helfen ihm auch seine Ortskenntnis und seine kommunalpolitische Erfahrung: Peter Bergel war jahrzehntelang Hausarzt in Euerdorf, 24 Jahre lang saß er selbst im Marktgemeinderat, in den vergangenen sechs Jahren gehörte seine Frau Gisela dem Gremium an. Beide allerdings unter anderen Vorzeichen: Der Bürgerblock stellte nur vier Räte unter einem CSU-Bürgermeister, jetzt sind es fünf Räte plus Bürgermeister.

Allerdings baut Bergel nicht auf seine Fraktion, sondern setzt auf Transparenz. "Ich gebe alle meine Termine mit Firmen oder Behörden bekannt, jeder Gemeinderat kann gerne dazu kommen", nennt Bergel als Beispiel. Das komme gut im Gremium an. Auch sonst gibt sich Bergel offen: "Wenn ich was nicht weiß, frage ich." Ganz selbstverständlich bespreche er mit dem Bauhof etwa die Ausstattung des neuen Saalestrandes oder des Friedhofes. Diese Offenheit seien Gemeinderäte und Mitarbeiter offenbar von seiner Vorgängerin nicht gewohnt. "Ich habe das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind", ist Bergel zufrieden mit dem Start.

Auch im Umgang mit den Bürgern setzt Bergel auf den direkten Kontakt: "Ich schaue mir jedes Problem direkt vor Ort an", erzählt er, und: "Da fallen manche Bürger aus allen Wolken." Ob er das wirklich sechs Jahre so durchhalten könne, wisse er nicht, aber bis jetzt gelte: "Ich beteilige jeden gerne, ich halte kein Wissen zurück."

Für die Ehrenamtlichkeit

Bergel freut sich, dass er sich im Gegensatz zu seinen Amtskollegen aus Aura und Ramsthal voll auf sein Amt konzentrieren kann. Die Entscheidung, wieder von der Haupt- zur Ehrenamtlichkeit zu wechseln, findet er richtig. Schließlich habe Euerdorf nur noch knapp 1500 Einwohner. Trotzdem habe die Marktgemeinde viel zu bieten: "Wir haben alles, was man sich nur vorstellen kann: vom Bäcker über Ärzte und Apotheke bis zu einem international agierenden Unternehmen." Bergel sieht es als Verpflichtung: "Ich tue alles dafür, dass das auch so bleibt", sagt er, und weiter: "Ich bin stolz, Bürgermeister von Euerdorf zu sein."

Gegen zu viel Flächenfraß

Und was steht nun in dem großen Buch? "Ich habe schon viel abgearbeitet", berichtet Bergel. Beim Gewerbegebiet "Auraer Straße" habe er nachverhandelt, dass die Gemeinde eine Gewerbefläche zu einem guten Preis bekomme. Für das geplante Baugebiet "Neuländer Weg" möchte er neue Wege gehen. "Ich möchte viel Grün", sagt er, außerdem sollten keine 43, sondern vorerst nur 30 Bauplätze erschlossen werden, denn: "Ich bin gegen diesen Flächenfraß." Das Thema werde demnächst im Gemeinderat behandelt.

Die Idee eines Bürgerbusses sei selbst in Ramsthal gut angekommen. Die Gemeinde habe für eine Test-Phase den Bus des Sportvereins angeboten, Bergel könnte sich sogar eine Ausweitung auf die gesamte VG vorstellen. Auch im Rathaus gehe viel voran. Zunächst sei er "schockiert" gewesen, dass die anderen VG-Bürgermeister bisher kaum einbezogen worden seien. Das habe er geändert, unter anderem habe der Sulzthaler Bürgermeister August Weingart ein neues Zimmer als VG-Vorsitzender bekommen. Bergel geht davon aus, dass der Neubau "mindestens sechs Millionen Euro" kostet und im Oktober fertig wird. Fest stehe, dass das aktuelle VG-Gebäude im März geräumt sein muss.

Die Zusammenarbeit in der VG bezeichnet Bergel als "sachlich und freundschaftlich". Dass der VG-Vorsitz an Sulzthal ging, habe auch viel damit zu tun, dass die anderen drei Bürgermeister abgelehnt hätten: "Wenn ich gewusst hätte, wie schnell ich mich hier einarbeite, hätte ich vielleicht kandidiert", sagt Bergel heute. Er sei zudem ein Verfechter einer Einheitsgemeinde: "Es kocht jeder sein eigenes Süppchen", verweist er auf Themen wie Kläranlage, Wasser, Feuerwehr oder Bauhöfe.

"Ich habe auch schon meine erste Absage", sagt Bergel beim weiteren Blättern in seinem Buch: Seine Idee eines Zebrastreifens in der Euerdorfer Ortsdurchfahrt sei im Landratsamt auf Ablehnung gestoßen. Damit wolle er sich aber nicht so einfach zufriedengeben. "Es kann sich leider dort keiner vorstellen, wie sich ein älterer Mensch fühlt, wenn er dort an der Straße steht", bedauert Bergel.

Viele Ortstermine geplant

Wichtig sind dem Bürgermeister Ortstermine: Die Quelle und den Innenhof des neuen Rathauses hat er bereits mit dem Gemeinderat besucht, als Nächstes sollen das Rathaus selbst und weitere Einrichtungen der Gemeinde folgen. "Ich fühle mich hier pudelwohl", fasst er seine bisherige Amtszeit zusammen, und: "Ich arbeite alles ab, was reinkommt, da zähle ich auch keine Stunden." Und selbst eine erneute Kandidatur in sechs Jahren will Bergel momentan auf Nachfrage nicht ausschließen: "Wer weiß, wenn es mir mit 75 immer noch so einen Heidenspaß macht", sagt er lachend.

Zur Person

Privat Die Familie von Peter Bergel stammt aus dem Raum Oldenburg, sie zog zunächst ins Ruhrgebiet, als Peter Bergel 13 Jahre alt war, dann nach Euerdorf. Gisela und Peter Bergel haben drei erwachsene Kinder, zwei davon leben in Euerdorf.

Beruf Nach dem Medizin-Studium arbeitete Bergel ab 1980 im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Bad Kissingen. 1984 eröffnete er eine Hausarzt-Praxis in Euerdorf, die er Ende 2016 übergab und in Ruhestand ging.

Hobbies Von 1984 bis 2008 saß Peter Bergel für den Bürgerblock im Marktgemeinderat von Euerdorf. Fit hält er sich bis heute mit Tennis und Nordic Walking. Außerdem liest er gerne, malt ab und an Aquarelle, schnitzt Holzfiguren und genießt den eigenen Garten. rr