Eine Jahreshauptversammlung soll die Vereinsaktivitäten bilanzieren und den Mitgliedern gegenüber Rechenschaft ablegen: Was bei "Kidro e. V. Niederschwellige Hilfen" präsentiert wurde, ging weit über diese Vorgaben hinaus, denn es zeigte sich die besondere soziale Bedeutung des Vereins für Menschen außerhalb des Systems - und dies auch in Zeiten, in denen die Corona-Pandemie erschwerte Rahmenbedingungen mit sich brachte.

Die Kissinger Wärmestube war der Treffpunkt für die 15 Mitglieder, die an der Versammlung teilnahmen und Einblick in die vielschichtigen Aktivitäten von Kidro erhielten. Nach kurzer Begrüßung durch den Vorsitzenden Daniel Wolf übernahm Christian Fenn als weiterer Vorsitzender die Regie des Abends. Den Mitgliederstand bezifferte er auf 65 Privatpersonen und sieben Institutionen. Danach gab es einen detaillierten Einblick in die sechs Bereiche, in die sich der Verein untergliedert.

"Nachholbedarf": Präventionsarbeit an Schulen durch Corona weggefallen

Der Bereich "Drogenhilfe", den Fenn seit 22 Jahren als "Streetworker" betreut, sei mehr als eine Suchtberatungsstelle. Hier gehe es außerdem um Substitutionsangebote für Drogenabhängige, um Drogenscreening im Auftrag von Jugendamt oder Gericht, um erforderliche Alltagshilfe bei der Wohnungssuche, bei Gerichtsterminen oder beim Briefeschreiben - "alltägliche Sachen, die für Betroffene eine Hürde darstellen", so Fenn. Beispielhaft schilderte er den Fall einer jungen Frau auf ihrem schweren Weg "zurück in das Leben", der durch die Entscheidung des Vereins, auf eigene Kosten eine Wohnung für "betreute Personen" anzumieten, begünstigt wird.

Coronabedingt ruhte die wichtige Präventionsarbeit an Schulen, wodurch sich "Nachholbedarf" für das laufende Schuljahr ergab. In seinen bislang 35 Schulterminen erkannte Fenn die "massiven Veränderungen", deren Ursache er im "Homeschooling" sieht: steigender Drogenkonsum in immer jüngeren Jahren, aber auch vermehrt Mobbing mit Schutzgelderpressungen. In den fünf Unterrichtsstunden pro Klasse geht er nicht nur darauf ein, sondern auch auf die Stärkung der Jugendlichen: Nicht wegducken - Zivilcourage zeigen, so sein Appell.

Als nächsten Bereich nannte Fenn die "Wärmestube" als Treffpunkt für Menschen mit kleinem Geldbeutel. Warmes Essen, alkoholfreie Getränke, Wäschewaschen oder für das Jobcenter das Tagesgeld an Obdachlose mit Berechtigungsschein auszahlen - Beispiele, die in Coronazeiten besonders wichtig waren, denn: "Corona war für bestimmte Personengruppen nicht planbar, zum Beispiel Ausgangssperre für Obdachlose oder das Einhalten von Hygieneregeln." Nach einem Rückgang seien die Besucherzahlen wieder gestiegen.

Auch das "Kissinger Integrationsprojekt" - besser bekannt unter KIP - musste mit den Pandemie-Einschränkungen flexibel umgehen. KIP steht für die "Reintegration von Langzeitarbeitslosen und schwer vermittelbaren Personen", und für die Verantwortlichen bedeutet dies: Man muss die passende Arbeit für diese Personengruppe finden. Zwar lief die Zusammenarbeit mit dem Wildpark Klaushof aus, jedoch konnte man Holzeinschlag und -verkauf weiterführen, und über den Kreisjugendring war man beim Renovieren der Landkreis-Zeltplätze und beim Entkernen des "Dicken Turms" in Münnerstadt eingesetzt. Nach einem Rückgang steht wieder ein knappes Dutzend Arbeitskräfte zur Verfügung, die monatlich zwischen 300 und 500 Arbeitsstunden ableisten und über das Job-Center beziehungsweise Kidro abgerechnet werden. Neben der Suche nach der passenden Arbeit geht es auch um Einzelfallbetreuung.

"SOFA steht für gebrauchte Möbel günstig kaufen" - so Fenn in seiner Überleitung zum Gebrauchtmöbellager, das auf einer Fläche von etwa 330 Quadratmeter günstige Einrichtungsgegenstände anbietet und dadurch auch die Umweltbilanz verbessert. SOFA stehe unter der besonderen Vorgabe, dass es sich wirtschaftlich tragen muss und das bedeute einen Umsatz von 5400 Euro monatlich. Hilfreich sei dabei u.a. die neue Internetpräsentation unter dem Motto "Online anschauen, aber vor Ort einkaufen", die täglich gepflegt werde und die gebrauchten Einzelstücke virtuell präsentiere. Mit dem Erfolg sei der Verein sehr zufrieden und von daher könne man dem zehnjährigen SOFA-Jubiläum im Jahr 2022 beruhigt entgegensehen. Mit dem Bereich "Sport" und den Hinweisen auf das Aushängeschild "Sambo" schloss Christian Fenn seinen Streifzug durch die Kidro-Aktivitäten, um deren finanziellen Seiten zu betrachten.

Detailliert schilderte er die finanziellen Bewegungen auf den Konten, die in der Summe einen Jahresumsatz jenseits der 300 000 Euro-Grenze und auch unter den erschwerten Corona-Bedingungen in den letzten beiden Jahren jeweils einen Überschuss ergaben. Der Verein finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Strafgeldern, in den übrigen Bereichen ergeben sich die Einnahmen aus den Aktivitäten für das Job-Center sowie Zuschüsse von Stadt und Landkreis oder aus dem Holzverkauf. Fenns Fazit: "Der Verein mit all seinen Sparten steht stabil da." Dies bestätigten auch die Kassenprüfer.

In den Neuwahlen wurde das bisherige Team für die nächste Amtszeit bestätigt: Vorstände blieben Christian Fenn und Daniel Wolf, als Beisitzerinnen fungieren Manuela Kriesel und Nicole Oppelt. Ergänzt wird die Vorstandschaft durch drei delegierte Vertreter: Rainer Müller (Landratsamt Bad Kissingen), Philipp Pfülb (Stadt Bad Kissingen), und anstelle von Jochen Kessler-Rosa möchte Margit Schmaus vom BRK das Amt als Vertreterin der Wohlfahrtsverbände übernehmen. Als Kassenprüfer wurden Ulrich Feldmann und Martin Pfeuffer bestätigt.