Beginn und Finale. Gestern Abend ging er los, der "Kissinger Sommer 2016". Furios mit Cecilia Bartoli. Welch ein Start! Angemessen für das Finale. Welches Finale? Das von Kari Kahl-Wolfsjäger, der Intendantin des "Kissinger Sommer". Nach 30 Jahren geht sie und übergibt ihrem Nachfolger Tilman Schlömp die Aufgabe.
Als das Festival 1986 aus der Taufe gehoben wurde, war sie die erste und bis heute einzige Intendantin des Festivals. Aber was macht eine Intendantin eigentlich? Der Beruf wird in etwa so beschrieben: "Der/die Intendant/in ist Leiter/in des künstlerischen, technischen und administrativ-wirtschaftlichen Theaterbetriebs, eines Musik- oder Theaterfestivals oder einer öffentlichen Fernseh- oder Rundfunkanstalt. Seine/ihre Aufgabe ist es, die Ziele des Trägers mit den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln in eine künstlerische Gesamtkonzeption umzusetzen. Er/sie richtet den Spielplan bzw. Programmplan auf diese Konzeption hin aus und steuert den Betrieb organisatorisch, finanziell und personalwirtschaftlich."


Mehr als ein paar Telefonanrufe

Das grob umrissen ist es, was Kari Kahl-Wolfsjäger in den vergangenen 30 Jahren in und für Bad Kissingen und den "Kissinger Sommer" zu verantworten hatte. Eine Aufgabe, die nicht nur damit getan ist, ein paar Künstler anzurufen und mit ihnen Verträge für einen Auftritt zu machen. Intendanz ist eine sehr vielschichtige, intellektuelle Aufgabe. Es geht nicht nur darum, Abende mit Musik zu füllen, sondern dem Ganzen Leben zu geben. Leben durch ein Konzept, das alles umschließt; Leben durch die Künstler und ihre Darbietungen; Leben durch und in das Umfeld. Ein Konzert hat eine Wirkung nach außen, es beeinflusst Menschen in ihrem Tun ... die Intendanz schafft Raum für kulturelles Leben.
Wir haben mit Kari Kahl-Wolfsjäger anlässlich des letzten von ihr verantworteten "Kissinger Sommers" ein Interview geführt und ihr Fragen gestellt.

Saale-Zeitung: Mit welchem Gefühl gehen Sie in das erste Konzert des diesjährigen Kissinger Sommers? Mit Wehmut? mit Zufriedenheit? oder einfach gelassen?
Kari Kahl-Wolfsjäger: Es ist Zufriedenheit und Freude, in der Hoffnung, dass bis zum letzten Tag alles nach Plan läuft. Es ist im Übrigen schon das fünfte Mal, dass ich ein Festival hinter mir lasse.

Frage: Welche waren die anderen Festivals?
Wolfsjäger: Das waren das Beethovenfest in Bonn, das ich dreimal geleitet habe; das Kunstfest Weimar, das ich 1990 im Auftrag der Bundesregierung gründet und dreimal leitete; es war die Alpen-Klassik in Bad Reichenhall, wo ich viermal tätig war; und den "Kissinger Winterzauber" habe ich gegründet und ungefähr fünf- oder sechsmal durchgeführt.

Vor 30 Jahren war der Beginn des Kissinger Sommers sicherlich von vielen Zweifeln geprägt. Wann haben sich die verloren?
Wolfsjäger: Nach dem dritten Mal. Da haben wir gesagt "Jetzt läuft es."

Erinnern Sie sich an besondere Probleme in den Anfangsjahren?
Wolfsjäger: Na ja, Probleme. Weil das Publikum zahlreich nicht kam, wie wir das erhofft hatten. Es hat nicht so richtig jeder geglaubt, dass in Bad Kissingen Kultur auf höchstem internationalen Niveau stattfinden könnte. Man hat es Kissingen nicht zugetraut, das war eigentlich mein größtes Problem.

Was haben eigentlich die Künstler zu Bad Kissingen vor 30 Jahren gesagt? Haben die die Stadt überhaupt gekannt?
Wolfsjäger: Nein, sie haben Bad Kissingen überhaupt nicht gekannt. Aber sie kannten mich. Als Journalistin. Ich war Kultur-Journalistin bei "Capital", bei Johannes Gross, und natürlich habe ich die Künstler gefragt, die ich kannte. Das war die erste Garnitur. Peter Ustinov, Rene Kollo, Peter Schreier, Katia Ricciarelli, Rudolf Buchbinder, der junge Frank Peter Zimmermann ... das war die Truppe, die ich kannte, und die ich gefragt habe. Fremde Künstler waren schwierig, weil Bad Kissingen als Festivalort nicht bekannt war.

Ich erinnere mich immer wieder gern an Peter Ustinov. Sie haben ihn einmal in London abgeholt und zu seinem Auftritt nach Bad Kissingen gebracht ...
Wolfsjäger: ... ich hab' ihn aus Wimbledon geholt.

Müssen alle Künstler so verhätschelt werden, wenn sie nach Bad Kissingen kommen sollen?
Wolfsjäger: Nein, das nicht. Aber Peter Ustinov war eben ein absoluter Weltstar. Er wäre nie nach Bad Kissingen gekommen, wenn ich ihn nicht schon sieben oder acht Jahre gekannt hätte. Ich habe ihn auch in seinem Zuhause in der Schweiz besucht, in Paris, ich habe ihn an der Cote d'Azur getroffen und so weiter. Johannes Gross war ein großer Fan von ihm und er hat immer zu mir gesagt, dass ich Ustinov auf den Fersen bleiben sollte. Peter hat mir versprochen, dass er nach Bad Kissingen kommt und er ist auch gekommen. Aber zur Sicherheit habe ich ihn in London abgeholt.

Wie entsteht ein "Kissinger Sommer" überhaupt? Es ist ja nicht damit getan, einige Künstler auszusuchen. Es geht ja auch darum, ein Ganzes zu konzeptionieren, das in sich schlüssig ist.
Wolfsjäger: Es ist zunächst eine geistige Arbeit. Ich gehe nicht hin und rufe Künstler an, sondern ich setze mich an einen schönen Ort - da habe ich einen besonderen - und überlege mir vor einem Blatt Papier, was ich in dem betroffenen Jahr, meist drei Jahre im Voraus, machen will, was ich damit sagen will und was ich dafür brauche. Dass ich nicht alle Künstler bekomme, ist klar, aber man muss einen Entwurf haben. Es ist fast genauso, als wenn man einen wichtigen Artikel schreibt, zunächst ist es eine geistige Arbeit.

Welchen Kissinger Sommer werden Sie nie vergessen?
Wolfsjäger: Das weiß ich nicht, da wir keine Katastrophen hatten ... Vielleicht den letzten, weil es eben der letzte ist.

Was war Ihr persönliches Kissinger Sommer Highlight?
Wolfsjäger: Das ist schwer zu sagen. Die Konzerte mit Cecilia Bartoli sind absolute Höhepunkte; Konzerte mit dem jungen Lang Lang, der bei uns seine Karriere in Europa praktisch begann. Ich erkannte, was in ihm steckt. Und natürlich die Konzerte mit Igor Levit. Den Igor Levit seit seinem 16. Lebensjahr verfolgt zu haben, damals bei der Klavier-Olympiade, und zwölf Jahre später ist er der absolute Weltstar, das ist ein Highlight. Diana Damrau war genau dasselbe, die bei uns den zweiten Liederabend in ihrem Leben im Kloster Maria Bildhausen vortrug und die jetzt neben Anna Netrebko die führende Sopranistin der Welt ist. Diese Konzerte mit diesen Künstlern verfolgt zu haben, zu sehen, wie diese Saat aufgegangen ist, das waren besondere Konzerte und besondere Highlights. Da standen junge Leute auf der Bühne, die waren fertig ausgebildet und man hat zum Beispiel bei Igor Levit mit seinen 16 Jahren gesehen, was in diesem dicklichen Jungen steckt. Heute ist er ein durchtrainierter junger Mann mit 28, und ein Weltstar.

Sind Sie heute stolz auf "Ihren" Kissinger Sommer?
Wolfsjäger: Wissen Sie, ich bin Journalistin. Ich bin nie besonders stolz. Nein. Ich denke, die Künstler sollen wirken und es ist meine Aufgabe, das im Hintergrund zu ermöglichen. Stolz? Nein.

Dann kann es jetzt losgehen ...
Wolfsjäger: Ich freue mich auf meinen letzten "Kissinger Sommer". Ich hoffe, dass alles nach Plan geht.

Das Gespräch mit Kari Kahl-Wolfsjäger führte Paul Ziegler