Irmgard Müller hat ihren Einkaufskorb in die Armbeuge geklemmt. Wie jede Woche. Sie geht über den Marktplatz in Burkardroth und steuert einen Verkaufswagen mit Wurst- und Fleischauslage an. Bianca Alles steht hinter der Theke und tauscht mit einer Dame aus dem Dorf Bärlauch-Rezepte aus. Die Stammkundin hat Lammbratwürste vorbestellt. Die ist der Renner der Rhöner Spezialitätenmetzgerei. Gerade jetzt in der Grillzeit. Jeden Mittwoch steht die Familie Alles mit ihrem weißen Anhänger auf dem Dorfplatz. Die Märkte in der Region sind für Direktvermarkter wie sie Motor und Einnahmequelle.

"Die Bauernmärkte waren der Startschuss in der Region", sagt Karl-Heinz Suhl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bad Neustadt. Er berät Direktvermarkter aus den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld. Mit der Einführung der Bauernmärkte Anfang der 90er-Jahre konnten sich die Direktvermarkter etablieren.

Kollegen tauschen Produkte

Was zur guten Werbung und Einnahmequelle wurde, sorgte außerdem für neue Zusammenschlüsse: "Die Anbieter können Kontakte knüpfen und eine Zusammenarbeit aufbauen", sagt Karl-Heinz Suhl. Start frei für den Produktaustausch. Auf den komme es besonders an, um das Sortiment für den Kunden attraktiv zu halten. Der typische Direktvermarkter habe eine Handvoll Leitprodukte, die er selbst erzeugt. "Dazu bestückt er sich mit zehn, 20 oder 30 Produkten anderer Kollegen", sagt Karl-Heinz Suhl. So wie Ludwig Weber vom Steffeshof in Oberleichtersbach.

Zwei Drittel seiner verkauften Waren kommen von regionalen Erzeugern. Er bietet neben seinen eigenen Waren, wie Holzofen-Brot, Rind-, Lammfleisch und Wild, zugekaufte Bioprodukte. Für sein Dinkelbrot kommt die Kundschaft bis aus Würzburg in die Rhön, erzählt er. Der Dorfbäcker hat den Betrieb vor 25 Jahren auf Ökolandwirtschaft umgestellt. Für ihn eine Einstellungssache: "Ich will von der Landwirtschaft leben und der Region, in der ich lebe, etwas Gutes tun." Sein Credo: hochwertige Lebensmittel und regionale Wertschöpfung. Seine Produkte vertreibt der 48-Jährige über seinen Hofladen und den Bauernmarkt in Hammelburg. Ludwig Weber wollte sich als Selbstvermarkter auch unabhängiger vom Strukturwandel machen. "Ich tue das, was meine Überzeugung ist und lebe davon."

Regional, saisonal, individuell

Bei Claus Schmitt ist nicht jeder Apfel wie der andere. Und das ist auch gut so, denn: "Wir gehen nicht gegen die Natur", sagt der Chef des Obstanbau-Betriebs in Reichenbach. Das sei die Philosophie des Familienunternehmens. Seine Kundschaft kauft aus Überzeugung ein, sagt er. Er habe vor allem Stammkunden, Leute, die wissen wollen, was sie essen und "Nostalgiker", die ältere Generation, die Lebensmittel wie früher haben wollen. "Bei uns kaufen immer mehr junge Mütter ein."

Besonders wenn der nächste Lebensmittelskandal durchs Land geht, spürt Claus Schmitt einen Aufschwung. "Die Sparte der Überzeuger wächst", meint er. Schmitt´s Obstgarten beliefert Supermärkte und vertreibt die Produkte im Bauernladen ab Hof und auf Märkten im Umkreis. Die nächsten Früchte sind bald für die Ernte bereit: Erdbeeren. Ein Vollzeit-Job: "Die ganze Familie muss darauf abgestimmt sein", sagt er. Umso mehr freut es ihn, dass sein Sohn den Betrieb weiterführen wird.

"Wir haben eine Stammkundschaft, die den persönlichen Kontakt zum Erzeuger suchen", sagt Markus Alles, der gemeinsam mit seinem Vater die Metzgerei in Frauenroth führt. Den meisten sei die regionale Herkunft wichtiger als ein Bio-Siegel, meint der Metzgermeister.

Auf dem Markt gibt es Antworten

Die Kundschaft schätzt, dass die Konserven nicht aus dem Discounterregal, sondern aus der Theke von Alles' Verkaufshänger kommen. "Die Leute mögen das Marktflair", sagt Gudrun Alles. Sie spürt, dass die Märkte seit den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf bekommen. Gut für den Familienbetrieb, der 80 Prozent seines Umsatzes auf den Märkten macht. Mehr als die meisten anderen: Die 30 bis 40 "richtig aktiven" Direktvermarkter im Landkreis machen 20 bis 30 Prozent ihres Einkommens über Bauernmärkte, schätzt Karl-Heinz Suhl vom Landwirtschaftsamt. "Die Kunden können mit uns Anbietern direkt sprechen. Im Supermarkt ist es anonym. Wir können erklären, wo das Produkt herkommt und was man damit machen kann. Darauf legen viele Wert", sagt Gudrun Alles.

So wie Irmgard Müller. Sie genießt es, viele ihrer Einkäufe zu Fuß erledigen zu können. "Es ist schön, dass alles im Zentrum ist. Das ist gut für Ältere." Wurst, Fleisch, Eier, Honig: sie bekommt viel für ihren täglichen Bedarf auf dem Wochenmarkt. "Außerdem will ich die regionalen Erzeuger unterstützen."