Seit 1900 gibt es den "Goldenen Stern" in Winkels. 1980 hat ihn Rudi Neugebauer von der Brauerei gekauft. Vormals DJK-Wirt in Schweinfurt, wollte er etwas Eigenes haben. Doch nun ist Schluss. Spätestens im September hören Neugebauer und seine Frau Rosi auf. Der "Stern" steht zum Verkauf.

"Ich möchte am liebsten heulen", sagt Erika Hartmann, die sich selbst als "ewiger Gast" bezeichnet. Und sie verrät, warum sie so gerne hierherkommt: "Das Essen stimmt, das Ambiente stimmt, und das Personal ist immer freundlich."

Auch Ute Korek bedauert es, dass sich die Neugebauers von ihrem Gasthaus verabschieden: "Hier ist alles frisch und selbst gemacht, es gibt kein Dosen-Zeug." Und sogar der Wirt sagt: "Mir stinkt's ja selber, dass ich aufhören muss."

Doch inzwischen ist Rudi Neugebauer 69 Jahre alt, seine Frau Rosi 70. Da genießen andere Leute längst ihren Ruhestand. Dabei ist die Arbeit in einem Gasthaus Knochenarbeit. "Manchmal sind es zwölf bis 15 Stunden täglich", sagt die gelernte Köchin Rosi Neugebauer, während sie einen schwe ren Topf vom Herd hebt. Doch sie wusste, was auf sie zu kommt: "Ich wollte nie einen Mann haben, der eine Wirtschaft hat, aber die Liebe hat gesiegt."

Nachfolger in der Familie haben die Neugebauers nicht. Der Sohn und die Enkel haben kein Interesse. Da unterscheidet sich der Stern nicht von vielen anderen Gasthäusern auf dem Lande, die mangels eines Nachfolgers schließen mussten.


Frische und Freundlichkeit

Als die Neugebauers den Stern übernahmen, war dort nicht viel los. "Tote Hose", erinnert sich der Wirt. Doch nach einer gewissen Anlaufzeit hat sich das Ehepaar durchgesetzt. Neben Frische und Freundlichkeit haben sich die Neugebauers noch etwas von Anfang an auf die Fahnen geschrieben: "Bei uns soll es gemütlich sein." So ist der Stern auch ein kleines Museum geworden. Mit Antiquitäten auf den Regalen, angefangen von der Uralt-Nähmaschine bis hin zur historischen Schreibmaschine. "Das strahlt Wärme aus", gibt Stammgast Ute Korek den Wirtsleuten recht. Der Goldene Stern hatte recht schnell eine beachtliche Zahl von Stammgästen: "Anscheinend haben die Kissinger so was gesucht."

Die Winkelser Wirtsleute servieren strikt fränkische Küche. "Auf Ideen wie Lendchen indisch wäre ich gar nicht gekommen", sagt Rudi Neugebauer. Sogar die jungen Leute, die immer sonntagabends kommen, wollen ihren Schweinebraten mit Klößen.


Auch Gäste von der Waterkant

Doch die Gäste rekrutieren sich nicht nur aus dem Stadtteil und dem Rest Bad Kissingens. Da sind die Hamburger, die auf dem Weg nach Süden von der Autobahn runterfahren, tanken und eine Pause im Stern machen. Gäste aus Frankfurt kommen vor allem während der Karpfenzeit alle zwei Wochen nach Winkels. Auch Stammgäste aus anderen Gegenden wissen die fränkische Küche der Neugebauers zu schätzen. "Viele sind ehe-malige Kurgäste oder Urlauber, doch auch Taxifahrer und Tankwarte empfehlen uns", sagt Rudi Neugebauer.

Den Neugebauers ist sehr daran gelegen, dass der Goldene Stern ein Gasthaus bleibt. Die Suche nach einem Nachfolger haben sie in professionelle Hände gelegt: "Der Stern wird verkauft wie er ist, wir nehmen nichts mit", sagt Rudi Neugebauer. Und er hat eine Empfehlung an einen Nachfolger: "Lasst alles so, wie es ist."

Dass es im Stern weitergeht, wäre auch im Sinne der Stadt, sagt Neugebauer. Denn dort weiß man, dass ein Gasthaus zum Dorf gehört wie die Kirche. "Ohne Gasthaus stirbt der Stadtteil", fährt der Wirt fort. Da seien sich alle po litischen Parteien einig, die sich im Stern zum Stammtisch treffen.

Auch die Winkelser wissen das. Der Stern ist gerne gewählter Schauplatz für Familienfeste - von der Geburtstagsfeier über das Kommunionessen bis hin zum Leichenschmaus. "Man trifft hier immer Bekannte", sagt Ute Korek und unterstreicht damit ebenfalls die soziale Funktion, die ein Gasthaus auf dem Dorf oder in einem Stadtteil hat.

Auch die Kunden, die nicht an einem der Tische Platz nehmen, würden es laut Rudi Neugebauer bedauern, wenn der Stern stürbe. Jene, die die halben Hähnchen aus dem Stern schätzen, die sich den gebackenen Karpfen mit nach Hause nehmen.

Nun hoffen die Neugebauers und ihre Gäste, dass sich ein neuer Stern-Wirt findet. Spätes tens im September wird das Wirts ehepaar aufhören. Werden die Neugebauers ihre Gäste vermissen? "Da kannst du sicher sein", lautet die spontane Antwort. Auch wenn sie künf-tig in Nürnberg leben werden und viel reisen wollen, wenn sich ein Nachfolger findet, werden Rudi und Rosi Neugebauer immer wieder einmal in den Goldenen Stern zurückkommen, sich mit ihren ehemaligen Stammgästen treffen - und sich einmal selbst bedienen lassen.