Roland Schmidt ist seit 40 Jahren Lehrer, unterrichtet Kunst, Mathematik, Musik und evangelische Religion. Seit 2002 trägt er zusätzlich Verantwortung als Schulleiter. In den vergangenen Jahren war er Rektor der Grundschule Burkardroth. Am Freitag wird nun sein letzter Arbeitstag als Lehrer und Schulleiter sein, denn der 63-Jährige geht in den Ruhestand. Im Gespräch mit dieser Zeitung lässt er sein Berufsleben noch einmal Revue passieren.
Dabei erzählt er von den Herausforderungen im Lehreralltag sowie von Dingen, die sich sehr verändert haben.

Nur noch wenige Tage, dann nehmen Sie Abschied vom Schulbetrieb. Wie fühlen Sie sich?
Roland Schmidt: Eigentlich kann ich es kaum erwarten. Denn ich hasse es, wenn morgens der Wecker klingelt. Im Ruhestand kann ich dann endlich aufstehen, wann ich es möchte. Außerdem freue ich mich darauf, nach 40 Jahren Berufsleben endlich mehr Zeit für mich zu haben.

Wofür möchten Sie diese nutzen?
Meine Mutter lebt noch. Sie ist 94 Jahre alt und wohnt in einem Altenheim. Ich möchte jetzt auch mehr Zeit mit ihr verbringen.
Dann will ich wieder verstärkt künstlerisch als Hobbymaler tätig sein und mit dem Wohnmobil auf Reisen gehen. Schließlich wartet noch der Garten auf mich, in dem heuer alles ungemein wächst.

Würden Sie wieder Lehrer werden?
Ich weiß es nicht, denn ich wollte es eigentlich nicht, Lehrer werden. Zunächst habe ich Bauingenieurwesen studiert, um Architekt zu werden oder um etwas Gestalterisches zu machen. Doch dann gab es den ersten großen Lehrermangel und ich habe mich entschlossen, auf Lehramt umzusatteln. Schließlich war der Beruf damals gut bezahlt. Er war als Zwischenlösung gedacht, bis ich mich umorientiere.

Daraus ist offensichtlich nichts geworden. Wo haben Sie als Lehrer angefangen?
Meine erste Klasse war 1976 eine vierte an der Grundschule in Ramsthal. Später bin ich an die Hauptschule nach Nüdlingen gewechselt, danach nach Bad Bocklet gegangen, an die Grund- und Hauptschule. Dort hatte ich hauptsächlich dritte und vierte Klassen, bis ich schließlich auch mal jüngere Kinder unterrichten wollte.
Warum?
Die Kinder hatten in der dritten Klasse bereits gewisse Fähigkeiten, aber auch Mängel. Ich wollte wissen, wie diese entstehen. Außerdem brauchte ich immer mal wieder Veränderungen im Berufsleben. Deshalb bin ich später, als die EDV Einzug in die Schulen hielt, als dafür zuständiger Konrektor an die Anton-Kliegl-Schule Bad Kissingen gewechselt.

Apropos, haben sich die Kinder in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert?
Ich glaube, dass sie sich nicht viel verändert haben. Buben sind Lausbuben, immer auf Kampf gebürstet, müssen sich beweisen. Mädchen hingegen sind sozialer, sie kümmern sich. Verändert hat sich aber, dass die Kinder heute kaum noch Geschwister haben und auch wenige Kontakte mit anderen Jungen und Mädchen, obwohl wir hier auf dem Land leben. Manche vereinsamen regelrecht.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Die familiären Verhältnisse haben sich verändert. Wir leben hier in einer katholisch geprägten Region, wo es lange intakte Familien gab. Doch die Strukturen brechen auch hier immer mehr auf, die Zahl der Alleinerziehenden und Patchwork-Familien nimmt zu.

Hat sich auch das Verhältnis zwischen Lehrer und Eltern verändert?
Ganz klar. Früher musste man auf die Eltern einreden, beispielsweise ihr Mädchen auf eine weiterführende Schule zu schicken. Und, Eltern haben das respektiert, was man als Lehrer gesagt hat. Heute hingegen wird jede Kleinigkeit hinterfragt. Es wird alles diskutiert, jeder Vorfall in WhatsApp-Gruppen breitgetreten. Besonders in der 4. Klasse, da wird für den Übertritt noch um jeden Punkt gerungen. Dabei macht es das nicht aus.

Sondern?
Die Eltern sollten den Lehrern wieder mehr vertrauen. Denn eine wichtige Aufgabe des Lehrers ist es, einen für das Kind passenden Weg zu finden. Außerdem ist der Übertritt nach der 4. Klasse ein Kampf, eine bayerische Spezialität, die ich mir so nicht wünsche. Das müsste es nicht geben.

Was wäre die Alternative?
Den Wechsel für Schüler im mittleren Leistungsbereich, so wie früher, nach der 6. Klasse. Das wäre entspannter für Eltern und Kinder. Zudem gebe es in den 5. und 6. Klassen mehr Zugpferde, die die schwächeren Schüler mitziehen. Die fehlen heute.

Sind die Kinder heute eigentlich schlauer als früher?
Das kann ich nicht feststellen. Sie sind durch die modernen Medien vielleicht besser informiert. Sie sind aber auch nicht weniger begabt, teilweise aber aggressiver. Zwar gab es das früher auch schon, aggressives Verhalten, aber kein Nachtreten, wenn man schon am Boden liegt. Das ist möglicherweise eine Folge des frühen und häufigen Konsums von medialer Gewalt durch die Kinder. Parallel dazu wird immer häufiger jede alltägliche, weniger gravierende Störung im Schulgeschehen gleich unter einen medizinisch-psychologischen Aspekt gestellt.

Was hat sich für Sie in den vier Jahrzehnten verändert?
Der Unterricht. Denn es geht inzwischen nicht mehr nur darum, den Kindern zu erklären, was sie lernen müssen, sondern auch wo und wie sie sich das notwendige Wissen beschaffen können. Zudem haben sich die Zeitläufe und die Menschen verändert. Und ich habe gemerkt, dass man mit 60 nicht mehr die Kraft hat wie früher. Schließlich gibt es zahlreiche Auseinandersetzungen, die man beispielsweise als Schulleiter nicht braucht, etwa mit Eltern oder das Ringen um jede Lehrerstunde mit dem Schulamt. Man muss heute möglichst standhaft sein.

Was würden Sie sich für die Zukunft der Lehrer wünschen?
Dass sie mehr Zeit, mehr Stunden bekommen. Denn es gibt heute ganz andere Herausforderungen, für die wir modernen Unterricht brauchen.
So könnte man beispielsweise jede Klasse mit zwei Lehrkräften ausstatten. Dadurch wäre dann auch mehr Spielraum im Förderbereich und im Krankheitsfall. Denn eine mobile Reserve reicht oft nicht.

Das Gespräch führte Kathrin Kupka-Hahn.