Was auf den ersten Blick wie ein lockeres Grillwochenende mit Wanderung aussieht, ist für die angehenden Beamten des Mittleren Dienstes harte Ausbildung. "Erlebnis orientierte Pädagogik nennt es der Dienstplan", erläutert Erster Polizeihauptkommissar Bodo Pahl, der am Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum in Oerlenbach als Leiter Lehrbereich fungiert.

Eingeteilt in insgesamt 22 Teams zu je fünf Polizeianwärtern sammeln die jungen Beamten hier unter physischen und psychischen Belastungen neue Erfahrungen. So ist in jedem Team mindestens eine Frau, in etlichen Teams sind junge Menschen mit Migrationshintergrund. Mit dabei sind angehende deutsche Bundespolizisten, deren Geburtsorte in Marokko, der Türkei oder in den ehemaligen Teilstaaten der Sowjetunion liegen.
Sie alle sollen hier, in den drei Tagen lernen, ihre Kommunikationsfähigkeit auszubauen, gemeinsam Probleme zu lösen, Kritikfähigkeit zu erlernen und vor allem sich selbst zu organisieren. Das fängt schon beim Rucksackpacken an, denn immerhin müssen die Aspiranten einen über 60 Kilometer langen Marsch hinter sich bringen, um die zwölf festen Stationen anzulaufen, bei denen jeweils verschiedene Übungen von ihnen verlangt werden.

Auf zwölf Kästen nach oben

Als ideales Gelände erwies sich dabei der "Brönnhof", ein ehemaliges Übungsgelände der US-Armee zwischen Rannungen und Schweinfurt. Eigentlich sieht es ganz einfach aus und fast jeder hat es schon einmal bei einem Kinderfest gesehen: das Bierkastenstapeln, aber, nach dem zwölften Kasten wird die Luft oben doch schon etwas dünner, der Turm etwas wackliger, gefragt ist hier vor allem die richtige Zureichung der Kästen und vor allem auch mal das Abschauen, "wie hat es der Kollege, die Kollegin gemacht, dass sie so hoch kam, oder auch, was hat er/sie falsch gemacht", so ist schon hier Teamgeist gefordert.
Ganz alleine, nur mit zwei geprüften Bergführern stehen die angehenden Polizisten dann auf dem Übungsturm. Weit schweift der Blick über Felder und Wälder bis zur Rhön, auf der anderen Seite ist das KKW in Grafenrheinfeld zu sehen und unten am Fuß des Turmes stehen die vier Teamkollegen. Dazwischen ist nichts, nur 18 Meter freie Luft und drei fingerdicke Seile, an denen man sich ablassen soll. Nicht an der verbretterten Turmseite, sondern über den "Balkon", einer auskragenden Metallplattform geht es hinunter.
Langsam geht Johannes Herbst, gesichert durch Gerd Frank (Fachübungsleiter Klettersport), rückwärts bis zur Kante vor, die Hände umgreifen fest Seil und Sicherungskarabiner, so dass die Knöchel weiß hervortreten, die Füße stehen breitbeinig nur wenige Zentimeter vor dem Abgrund. Bevor es aber in kontrollierter Fahrt nach unten geht, muss sich der Abzuseilende rückwärts hinauslehnen, erst wenn er fast senkrecht zu der Plattform liegt, stößt er sich mit den Füßen ab und schwingt unter den Überhang - der Rest ist einfach, denn nun gibt es kein Zurück mehr, es gibt nur einen Weg, den nach unten. Langsam oder schnell - das kann er nun selbst bestimmen.
Das Team nimmt den Kollegen in Empfang. Nur ganz, ganz wenige haben den Turm wieder über die Treppe verlassen. War es bei dieser Übung am Brönnhof nur moralische Unterstützung, so wird bei der nächsten Übung harter körperlicher Einsatz von allen verlangt. 900 Meter Hindernisbahn mit gut einem Dutzend Schikanen liegen vor den Polizeianwärtern. Erst wer selbst das Hindernis überwunden hat, darf zurück und den anderen helfen.

Fußmarsch mit Kreativteil

Schnell kristallisieren sich so Stärken und Schwächen und vor allem Teamfähigkeit jedes einzelnen heraus. Fast eine Erholung ist danach der gut einstündige Fußmarsch: Bei Holzbau Müller in Pfändhausen ist ein "Kreativteil" angesagt. Aus fünf Holzstäben soll ein Tier gelegt werden, während die einen nur eine Schlange legen, basteln andere aus den Stäben und einem der mitgeführten Verbandspäckchen eine Libelle...
Wie Erster Polizeihauptkommissar Pahl erläutert, haben diese Polizeimeisteranwärter/innen nun fast die Hälfte ihrer Ausbildung hinter sich. Eine Woche lang werden sie noch schriftliche Prüfungen schreiben, um dann für fast ein Jahr in Dienststellen die Praxis zu lernen, bevor sie wieder für einige Wochen und die Schlussprüfung nach Oerlenbach, in eines von insgesamt fünf Ausbildungszentrum der Bundespolizei zurückkommen.