"Erstmal funktioniert jeder", sagt Jutta Göbel. Sie leitet das Team der Akuthilfe des BRK Bad Kissingen. Sie und die anderen Helfer sorgen sich um Angehörige und Einsatzkräfte, die in extreme Situationen geraten. Die Belastung für letztere, erzählt sie weiter, spüren die erst im Nachhinein: "Eindrücke vom Unfall lassen sich nicht mit der Einsatzkleidung ablegen." Umso wichtiger: "Es ist gut, wenn man weiß, dass es normal ist, wenn eine Situation einen belastet." Stecken Bilder und Gerüche nach sechs Wochen immer noch im Kopf, ist es höchste Zeit zu reden.

"Wir brauchen verständnisvolle Führungskräfte, die die Notwendigkeit sehen, sich im Nachhinein damit zu beschäftigen", sagt Florian Stoeck. Er ist Notfallpsychologe und hat vor mehr als zwölf Jahren die Akuthilfe des Kriseninterventionsteams initiiert. Als er 2001 als Rettungssanitäter anfing galt: "Entweder du bis hart genug für den Job oder nicht geeignet." Inzwischen habe sich ein anderes Bewusstsein entwickelt - bei den meisten zumindest. "Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen können."
Feuerwehrleute und Rettungssanitäter haben gelernt, mit solchen Einsätzen umzugehen, meint Jutta Göbel. Der eine joggt, der andere macht sich ein Bier auf, ein gutes Buch, ein spannender Film: "Jeder tut das, was ihm hilft, Stress abzubauen", sagt Florian Stoeck. Viele denken "das packe ich schon". Das stimmt für die meisten - aber nicht für alle.

Im Kleinen passieren solche Ereignisse wie am Montag auf der A9 jeden Tag, sagt Florian Stoeck. "Einsatzkräfte sind nicht schwerkrank, wenn sie so etwas gesehen haben." Was den einen beschäftigt, lässt den anderen kalt, meint der Psychologe. Die Reaktionen seien ganz individuell. Deshalb lasse sich nicht unterscheiden in "schlimmer Einsatz" und "nicht so schlimmer Einsatz". Den meisten helfe es, mit den Kollegen zu sprechen. Wer merkt, dass das nicht reicht, muss eine andere Hilfe bekommen können, sagt Florian Stoeck.


Jeder braucht andere Hilfe

Einsatzkräfte und Betroffene haben andere belastende Eindrücke. Deshalb kümmern sich die kirchliche Notfallseelsorge sowie die Akuthilfe des Roten Kreuzes und der Freiwilligen Feuerwehr gemeinsam um die unterschiedlichen Bedürfnisse.

Pfarrer Stephan Hartmann ist Leiter eines Seelsorger-Teams, das sich um Einsatzkräfte in den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön Grabfeld kümmert. Die Gruppe sorgt sich um die "Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen" (SBE-Team), wenn Einsatzkräfte einer potenziell traumatisierenden Situation ausgesetzt waren oder sind. "Es geht vor allem um die Prävention in den Freiwilligen Feuerwehren und darum, darauf vorzubereiten, dass es Bilder gibt, die schwierig sind", sagt Hartmann. Bei einem Einsatz entscheidet stets der Einsatzleiter, ob ein Notfallseelsorger-Team hinzugezogen wird. Das Team schirmt beispielsweise Gaffer ab. Wichtig sei außerdem: "Einfach mal da zu sein", so Hartmann. Nach dem Einsatz entscheidet der Kommandant, ob ein Abend zur Aufarbeitung der Erlebnisse angesetzt wird. Dabei wird entweder ein Mitglied des Teams hinzugezogen oder es kümmern sich sogenannte "Peers" darum. Das sind besonders geschulte Personen, die selbst bei der Polizei oder der Feuerwehr tätig sind. "Das können Aktive sein, die nicht beim Einsatz dabei waren, aber wissen, von was die Betroffenen reden", sagt Hartmann. So wie Harald Albert.

Der Stadtbrandinspektor der und Chef der Kissinger Feuerwehr sagt: "Kleine Feuerwehren benötigen eher ein SBE-Team." Aufgrund der Anzahl der Einsätze, sind eher die Berufsfeuerwehren mit traumatisierenden Situationen vertraut. "Wenn wir alarmiert werden, wissen wir eigentlich, was auf uns zu kommt." Ein Automatismus setzt ein. Die Feuerwehrler machen ihre Arbeit: Sie sind im Tunnel; rufen Mechanismen ab. "Das Trauma kommt wenn, dann danach", so Albert. "Das Gespräch unter Kameraden zu suchen, ist das Beste", sagt Albert. Sollten nach vier Wochen die Ereignisse immer noch nicht verarbeitet sein, sollte man sich fachliche Hilfe holen, meint er.


Nicht selbstverständlich

Dorothee Bär (CDU/CSU), Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, hat sich am Montag ein Bild an der Unfallstelle gemacht und noch am Abend in einem Tweet den Einsatz der Rettungskräfte hervorgehoben. Auf Anfrage dieser Zeitung sagt die Politikerin: "Ein Unglück wie das auf der A9 sollte uns daran erinnern, dass die Arbeit der Einsatzkräfte nicht selbstverständlich ist." Professionelle Hilfe für die Helfer und "seelischer Zuspruch", um "Erfahrenes zu verarbeiten", das sei "unser aller Aufgabe".


Stärke zeigen, Hilfe suchen

"Ich wäre froh, wenn Einsatzkräfte häufiger von dem Angebot Gebrauch machen würden", sagt Jutta Göbel, Leiterin der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) des Bayerischen Roten Kreuzes in Bad Kissingen. Während der Ausbildung von Einsatzkräften sollte mehr auf die Nachsorge aufmerksam gemacht werden, meint sie. "Eine Belastung kann die Folge sein, wenn man etwas besonders gut machen will", sagt Florian Stoeck. Ehrenamtliche, die sich fachliche Hilfe suchen sind nicht schwach, sagt er. "Sie zeigen Stärke. Und sie sollten keine Angst haben müssen, ausgegrenzt zu werden."

Der Alarm hätte genauso bei der Psychosozialen Notfallversorgung Bad Kissingen ankommen können - das Team arbeitet über die Landkreisgrenzen hinweg. Ob Jutta Göbel froh gewesen ist, dass ihr Handy nicht geklingelt hat? "Nein", sagt sie. "Wir sind ausgebildet und können helfen."