Vor einem Jahr hat die Unesco die "Bedeutenden Kurstädte Europas" - und damit Bad Kissingen - als Welterbestätte anerkannt. Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) zieht nach dem ersten Welterbe-Jahr Bilanz und erklärt mit Kulturreferent Peter Weidisch, was an Veränderungen spürbar ist, welche Projekte anstehen, wie es mit einem provisorischen Besucherzentrum weitergeht und wo der Welterbe-Titel allein nicht ausreicht, um Probleme zu lösen.

Seit einem Jahr ist Bad Kissingen Welterbestätte. Wie lautet Ihre Bilanz?

Dirk Vogel: Wir haben damit einen ganz tollen Erfolg und ganz viel Aufmerksamkeit bundesweit, wenn nicht gar europaweit bekommen. Am Ende verbessert es unsere Möglichkeiten, das voranzutreiben, was wir schon immer betreiben. Zum Beispiel haben wir es mit dieser gesteigerten Aufmerksamkeit geschafft, dass die Menschen sich für Bad Kissingen interessieren. Das merkt man zum Beispiel daran, dass sie unsere Gebäude anschauen. Wir haben alleine 5000 Gäste von Dezember 2021 bis Ende Juni 2022 gehabt, die im Rahmen einer Führung oder beim individuellen Rundgang unsere Säle besucht haben. Aus meiner Sicht ist das ein Hinweis, dass das Interesse an dem Phänomen bedeutende Kurstädte Europas hoch ist.

Zweiter Punkt: Wir haben in der Umfrage zu "50 Jahre Große Kreisstadt" gemerkt, dass das Welterbe für die Kissinger ein Ereignis war, das sie alle gekannt haben. Das ist für ein stadtpolitisches Thema etwas Seltenes. Und wir haben gemerkt, dass die Menschen es fast ausschließlich positiv wahrnehmen und alle eine positive Entwicklung erwarten. Ich sage: Die Anerkennung ist sehr wichtig, aber es ist in der gesamten Stadtentwicklung ein Punkt von vielen. Einer, der Bad Kissingen Glanz verleiht, aber er wird nicht kausal sein, dass wir mehr Hausärzte, Firmen und Übernachtungen bekommen. Aber es wird einen erheblichen Beitrag leisten. Es steigert unsere Chancen, erfolgreich zu sein, aber es werden sich nicht alle Probleme in Luft auflösen.

Was nehmen Sie an Veränderungen wahr?

Dirk Vogel: Wir haben viele Tagesgäste, die in der Stadt sind, und wir haben nachweislich viele Besucher, die durch unsere Gebäude laufen. Das haben wir vorher nicht gehabt. Wir haben zwar keine systematische Übersicht, ob die Tagesgäste zugenommen haben, aber wir haben die Rückmeldungen von unseren Einzelhändlern und von Pro Bad Kissingen, dass viel los ist. Wir haben die weiteren Hinweise, auch wenn wir das noch nicht genau beziffern können und keinen systematischen Vergleich Vor-Welterbe und Nach-Welterbe haben, dass die Menschendichte in der Stadt relativ hoch ist. Wir haben einen Kissinger Sommer erlebt, der mit dem Welterbe, aber auch mit einem tollen Intendanten und einer tollen Konzeption eine enorme mediale Präsenz gehabt hat. Ist das jetzt alles Welterbe oder nicht? Ich glaube, es ist im Zuge von dem Welterbe eine generelle Modernisierung, die wir forcieren. Das Welterbe ist da nicht kausal, aber ein wichtiger Treiber.

Ein wichtiger Treiber ist das Welterbe für das Turniergebäude. Wie geht es hier weiter?

Dirk Vogel: Wir brauchen für alle Gebäude geschickte Konzepte, um sie wieder zum Leben zu bekommen. Wir können Sie nicht alle zu Museen machen, sondern sie brauchen eine Nutzung. Nur dann werden sie auf Dauer eine Rolle spielen. Beim Turniergebäude sind wir dran, dass wir bis voraussichtlich nächstes Jahr die Instandsetzung hinbekommen, damit es beim Rakoczy-Reitturnier zur Verfügung steht. Da hoffe ich, dass es auch im Rahmen des Kissinger Sommers eine Rolle spielt. Dann würde es uns gelingen, es wieder ins Leben der Stadtgesellschaft einzubetten.

Welche Rolle hat der Titel gespielt, dass die DB den Bahnhof doch nicht verschleudert?

Dirk Vogel: Da ist auch wieder die Frage, ist das Welterbe der Grund oder nicht. Aber wir konnten deutlich machen, dass wir ein historischer Ort sind, für den dieses Bahnhofsgebäude mehr Wert hat als irgendein 08/15 Bahnhofsgebäude in der Bundesrepublik Deutschland. Das hat zu unserer großen Freude die DB eingesehen. Die Deutsche Bahn ist jetzt bereit, mit uns zusammen den Bahnhof zu entwickeln. Das Welterbe hat uns hier geholfen, aber es ist kein Automatismus.

Einzelhändler, Gastronomen und Hoteliers hatten anfangs bemängelt, dass das Thema zu schwach vermarktet wird und es nichts Offizielles gibt, das sie hier nutzen können.

Dirk Vogel: Unser Unterstützer-Logo "Wir sind Welterbe" war da sehr wichtig. Wir waren am Anfang in der schwierigen Lage, dass viele Leute etwas zum Thema Welterbe haben wollten und sich sogar selber etwas gebastelt haben. Wir mussten aber auf der anderen Seite sagen: Unesco darf man aus Urheberrechtsgründen nicht überall draufdrucken. Deshalb haben wir in Bad Kissingen ein eigenes Welterbe-Logo, das jeder nutzen kann, egal ob Verein oder gewerblicher Anbieter. Das war wichtig, dass wir auf die Erwartungen der Leute eine Antwort gefunden haben, bei der gleichzeitigen Einschränkung, dass man nicht einfach das Unesco-Logo verwenden kann. Das "Wir sind Welterbe"-Logo hat auch viel Interesse erzeugt. Da gibt es inzwischen Mousepads, Buttons und Autoaufkleber. Mit Pro Bad Kissingen entwickeln wir weitere Produkte. Das ist eine wichtige Geschichte für die Stadtgesellschaft gewesen.

Die Welterbezone erstreckt sich vom Kaskadental nördlich bis zum Golfplatz südlich der Stadt. Wie sollen sich Touristen in diesem großen Gebiet zurechtfinden?

Dirk Vogel: Wir haben zwei neue Welterbetouren, für die wir die Gästeführer geschult haben. Außerdem wollen wir unser Welterbe mit einem neuen Gesamtkonzept erschließen. In einer Wabenstruktur wollen wir Informationen über bestimmte Areale zum Selber-Entdecken. Dann heißt es, gehe in Richtung Klaushof, Arkadenbau oder Altenberg und dort wollen wir weitere Welterbe-Stationen, digital und analog, bereitstellen. Das bieten wir in farblichen Waben, wie in einem U-Bahn-Netz, an. Das Feedback aus der Marco-Polo-Reiseführer-Umsetzung war: Wir haben sehr viel in Bad Kissingen, aber es ist nicht einfach zu entdecken für einen Außenstehenden. Es ist relativ schwierig, die ganzen Verbindungen hinzubekommen und da müssen wir einfacher werden für den Gast. Das ist ein großer Aspekt, an dem wir arbeiten und was wir im Herbst im Stadtrat vorstellen werden. Ich finde es wichtig, die Wabenstruktur zeitnah hinzubekommen. Das ist das, was die Leute erwarten. "Wohnen und Leben auf Zeit" wird sehr wichtig werden. Man will sich nicht als Tourist verstehen, sondern als Bewohner auf Zeit. Man will nicht als Tourist wahrgenommen werden, sondern man möchte eintauchen.

Brauchen die Besucher da nicht schon jetzt wenigstens ein provisorisches Besucherzentrum als Anlaufstelle?

Peter Weidisch: Wir haben ein schlüssiges, kompaktes Interimskonzept angedacht, das als Vorläufer eines großen Besuchszentrums dienen könnte. Diese Interimslösung ist jederzeit realisierbar, da ist alles bereits komplett durchgeplant. Das könnte im Foyer des Bahnhofs sein, in Leerständen oder im Außenbereich. Sobald sich ein Standort abzeichnet, könnten wir in die Realisierung einsteigen. Wir haben außerdem noch den Infopoint im Kurgarten, der Basisinformationen bietet. Den würden wir - 2023 überarbeitet- weiter bespielen, bis wir die nächsten Einrichtungen und Informationssysteme haben. Das sind die Wegweiser und Infostelen, die wir Ende diesen, Anfang nächsten Jahres im Kernbereich realisieren möchten. Und dann kämen die Welterbe-Stationen dazu.

Dirk Vogel: Bei der Beschilderung geht es dann auch ein Stück weit um Entrümpelung, also darum, alte Schilder von Anno dazumal zu entfernen, damit es keinen Schilderwald gibt. Ich glaube, das ist nicht ganz ohne. Es soll eine moderne Beschilderung zum Welterbe und den touristischen Wanderwegen sein. Wir müssen aufpassen, dass wir kein Wirrwarr schaffen.

Das heißt, der große Fokus liegt auf der Beschilderung, weil es für die touristische Erschließung wichtiger ist und das Provisorium steht im Moment hintenan?

Dirk Vogel: : Beim Bahnhof hätten wir nie gedacht, dass die Deutsche Bahn mit uns in Dialog treten würde. Es kann durchaus sein, dass wir mit dem Provisorium im Bahnhof landen. Ich würde den Bahnhof gern in den weiteren Gesprächen mit der Bahn einbringen. Weil das zum Ankommen gut passt.

Wie schaut es denn in Sachen Mehrsprachigkeit aus? Bisher sind die Infostelen in Bad Kissingen ausschließlich auf Deutsch.

Dirk Vogel: Der Welterbe-Flyer liegt schon in einer englischen Version vor, die Broschüre wird gerade übersetzt. Die internationale Great Spas of Europe-Homepage ist mehrsprachig. Unsere Welterbe-Stationen und -Stelen werden mehrsprachig hinterlegt. Und schauen Sie mal die Publikation "Der Kurgarten" an. Die ist komplett in deutsch-englisch.

Dann ist da ja auch noch das angekündigte Welterbe-Autobahnschild.

Dirk Vogel: Wir haben einen Entwurf und sind jetzt in Gesprächen mit der zuständigen Behörde. Unser Wunsch ist, dass es so aussehen könnte. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dort nur das Thema Welterbe zu spielen. Kein Bayerisches Staatsbad, keine Spielbank, keine Große Kreisstadt. Das ist mit dem Freistaat auch abgesprochen. Wir setzen auf das Thema Welterbe, weil es uns die überregionale Wahrnehmung sichert. Ich habe explizit Wert darauf gelegt, dass wir dort den deutschen Begriff verwenden und nicht "Great Spa Towns of Europe". Ich wollte unbedingt den deutschen Begriff, weil ich finde, der ist hervorragend von der Unesco übersetzt mit "Die bedeutenden Kurorte Europas". Das versteht man. Das soll sobald wie möglich angebracht werden. Mit dem Landratsamt stimmen wir außerdem gerade die Ortsschilder ab.

Zum Schluss: Wann bekommt Bad Kissingen denn seine offizielle Welterbe-Ernennungsurkunde?

Dirk Vogel: Die Urkundenübergabe war eigentlich angekündigt für den Juni durch den damaligen bayerischen Kunstminister Bernd Siebler. Wegen der personellen Wechsel hat sich der Termin verschoben. Im Moment haben wir einen Bleistifttermin für Ende Oktober.

Peter Weidisch: Genau. Wir stimmen gerade den Termin mit dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Auswärtigen Amt ab - auch der Unesco-Botschafter der Bundesrepublik Deutschland möchte bei der Urkundenübergabe mit dabei sein.

Das Gespräch führte Benedikt Borst.