Der Regentenbau, das Sisi-Denkmal, der Rosengarten - das dürften die meist fotografierten Motive in Bad Kissingen sein. Und Edeltraud und Irmtraud natürlich, wenn die beiden mal wieder durch Bad Kissingen flanieren. Edeltraut Wiedamann und ihre Schwester Irmtraud Zirbel sind eineiige Zwillinge. Und werden heute 82 Jahre alt. Eine Geschichte über ein Leben - zu zweit.

Wie ein Ei dem anderen, so gleichen sie sich wirklich: Das selbe feine Gesicht, volle weiße Haare, den selben Humor, die selbe Fähigkeit, lauthals zu lachen und das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen - wer mit den Zwillingen spricht, ist verblüfft. Edeltraud Wiedamann lebt in Garitz, Irmtraud Zirbel in Oberthulba. Wann immer es geht, sind sie zusammen. Und wenn sie zusammen irgendwo auftauchen, geraten die Menschen in Verzückung und zücken ihre Fotoapparate. "Das passiert uns ständig, dass wir gefragt werden, ob man uns knipsen darf."

Irmgard war eine Überraschung

Als Edeltraud geboren wurde, herrschte der Zweite Weltkrieg. Die Eltern wohnten in Seelze bei Hannover. Eine Diagnostik gab es keine, und so war die Überraschung groß, als fünf Minuten nach Edeltrauds Geburt weitere Wehen ein zweites Mädchen in diese Welt pressten. Ein Kind, das so ungeplant war, dass es kurzzeitig nicht einmal einen Namen hatte. Irmtraud, fünf Minuten jünger.

Zwei Leberflecke scheinen die einzigen äußeren Unterscheidungsmerkmale der beiden Frauen zu sein. Innen sind es bei Edeltraut vier Stents, bei Irmtraud sieben, die das Herz entlasten. "Sonst gibt"s keine Unterschiede", sagen die beiden fröhlichen Frauen. Kleidungsgeschmack? So ähnlich, dass beide immer im Doppelpack einkaufen. Nicht immer, aber sehr häufig und manchmal unabgesprochen tragen sie die gleichen Klamotten.

"Was haben wir die Jungs veräppelt!"

Ihre Kindheit hört sich ein bisschen nach dem Doppelten Lottchen an, Erich Kästners Erfoglsroman. "Ach", winkt Irmtraud ab und lacht so, dass ihr Oberkörper nach vorne fällt, "was haben wir die Jungs früher veräppelt!" Fand einer Irmtraud hinreißend, sie ihn aber eher langweilig, sprang Edeltraud beim Date ein und umgekehrt. "Das hat nie einer gemerkt!" Und in der Schule hatten die Lehrer ihre liebe Not, wenn die beiden heimlich die Plätze tauschten.

Es ist dem Glück, der Fügung des Schicksals oder der Intuition ihrer Mutter zu verdanken, dass sie überhaupt noch leben. "Wir waren im Kindergarten, es gab Sirenenalarm. Unsere Mutter hatte ein merkwürdiges Gefühl, so beschrieb sie es damals. Sie fuhr mit dem Rad zum Kindergarten, packte uns und radelte mit uns nach Hause. Nun: Das Haus, in das sich die Kindergärtnerin mit den anderen Kindern geflüchtet hatte, wurde bombardiert. Es überlebte niemand."

Die eine ist krank, die andere hat Schmerzen

Über die Intuition von Zwillingen haben Generationen von Psychologen geforscht - über dieses unsichtbare Band, für das es keine Belege gibt, aber genügend Erzählungen. Edeltraud und Irmtraud fallen spontan viele solcher Geschichten ein. "Es war 1962, da war ich gerade nach Bad Kissingen gezogen", sagt Edeltraud. Von Beruf Schneiderin hatte sie ihren Job verloren und zusammen mit ihrer Schwester bei den Schokoladefabrikanten Bahlsen und Sprengel gearbeitet, bis eine Freundin sie aus Kissingen anrief: Sie möge doch kommen - es sei so schön hier, einen Job als Zimmermädchen in einem Hotel habe sie auch für sie. "Da bin ich gefahren." "Das war schlimm", erinnert sich ihre Schwester Irmtraud. "Was habe ich sie vermisst. Ich bin gar nicht mehr weggegangen." Und dann, plötzlich, überfielen Edeltraud schlimmste Bauchschmerzen. "Ich wusste nicht, was los war. Dann habe ich meine Mutter angerufen und gefragt: Sag mal, ist etwas mit Irmtraud?" Ja, es war etwas - Irmtraud hatte eine Blinddarmentzündung. Und Edeltraud die Schmerzen.

Wie auch vor kurzem: Edeltraud hatte einen Unterleibseingriff, Irmtraud krümmte sich - kerngesund - vor Schmerzen. "Solche Sachen erleben wir dauernd", berichten die Schwestern. Dass sie oft im selben Moment dasselbe sagen, ist angesichts der anderen Phänomene eher eine witzige Randnotiz.

Die zweiten Kessler-Zwillinge?

Das große Hobby, Tanzen, teilen sie. Und früher wäre es nie vorgekommen, dass die Schwestern sich von einem jungen Mann hätten abklatschen lassen. "Ach geh, wir konnten doch viel besser tanzen als die anderen", bereits mit fünf Jahren hätten sie alle Standard-Tänze draufgehabt. "Das hat uns die Mama beigebracht. Wer weiß, vielleicht wären wir die zweiten Kessler-Zwillinge geworden."

Zwillinge sind Magneten für Forschende. In jungen Jahren, lange nach dem Zweiten Weltkrieg, seien sie auch von "Zwillingsforschern" untersucht worden. "Aber das hat nicht viel ergeben. Außer: Ja, bei uns ist alles gleich." Da eineiige Zwillinge genetisch identisch sind, entwickeln sie auch ähnliche Eigenschaften, sagt beispielsweise der Psychologe Franz J. Neyer in der Neuen Zürcher Zeitung. Sollte die Liebe zur Volksmusik und Schlagern in den Genen liegen, dann wäre das bei den beiden Frauen ein Volltreffer. Sie haben ganze Fotoalben: Beide mit Semino Rossi, beide mit Roberto Blanco, beide mit Stefan Mross und es scheint, als sei es eigentlich umgekehrt und die Stars verrückt nach Fotos mit den früheren Blondinen. Tatsächlich hat sich zu den "Geschwister Hofmann", dem Gesangs-Duo Anita und Alexandra Hofmann, so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.

Zusammen elf Enkel, zehn Urenkel

Familiär haben sich beide etwas anders entwickelt. Edeltraud ist Witwe, sie hatte zwei Töchter und einen Sohn, der mit 56 Jahren verstorben ist. Doch sie ist Oma für zehn Enkelkinder und zehn Urenkel. "Das hätte ich auch gern gehabt", sagt Irmtraud, "aber mehr Kinder haben leider nicht geklappt." Sie ist glücklich über die eine gesunde Tochter und den Enkel.

Was der Zwillingsforscher auch über sie gesagt hat, haben beide nicht vergessen: "Der sagte, wir werden mit Sicherheit 100 Jahre alt." Deshalb sehen sie den Geburtstag heute, den 82., sehr locker. "Wir haben nur einen Wunsch: gesund zu bleiben und wirklich 100 zu werden." An ihrem Geburtstag am 29. Juli sind sie nicht zuhause. Die Geschwister Hofmann haben die beiden eingeladen, denn Anita Hofmann heiratet. Und da dürfen die Zwillinge nicht fehlen.