Mehrmals musste die Verhandlung vor dem Bad Kissinger Schöffengericht unterbrochen werden. Zunächst verweigerte der Angeklagte wohl in der Hoffnung auf Freispruch jede Aussage. Dann musste die als Zeugin geladene Geschädigte von der Polizei geholt werden, da sie nicht zum Termin erschienen war. Doch nach fünf Stunden kam es nach etwas mühevoller Beweisaufnahme doch zum Schuldspruch wegen versuchter räuberischer Erpressung in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und zur Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 3000 Euro, zu zahlen in 30 Monatsraten an die Behinderteneinrichtung Maria Bildhausen.

Angeklagter schwieg

Gleich zu Beginn der Verhandlung informierte der Verteidiger des 43-jährigen Kaufmanns aus Mittelfranken, sein Mandant werde keine Aussagen machen und keine Fragen beantworten. So musste sich das Gericht allein durch Befragung der Zeugen einen Überblick über den Sachverhalt verschaffen. Demnach kam es damals gegen 5.30 Uhr nahe einem Kissinger Tanzlokal zu einer ersten tätlichen Auseinandersetzung zwischen "einem stattlichen und einem schmächtigen Mann" und einer jungen Frau, die nach dem Lokalbesuch auf dem Heimweg in ihre nahe gelegene Wohnung war.

Dabei habe "der Schmächtige" das Handy der Frau weggeworfen und die 23-Jährige soll "dem Stattlichen" das Gesicht zerkratzt haben. Als die Männer wegliefen, sei die Frau ihnen nachgelaufen. Wenige hundert Meter weiter sei es dann in einer Nebenstraße zu einer erneuten "Rangelei" gekommen, wie es die Geschädigte später nannte, wobei der "Stattliche" die Frau zu Boden gedrückt und gewürgt haben soll.

Tasche durchsucht

Hier hätten die Männer die Taschen der Frau nach Drogen durchsucht, so zumindest die Aussage eines Ehepaares, das, durch den lauten Streit aufgewacht, den Vorfall aus einem Hochhaus beobachtete und die Polizei alarmierte, während die Männer und die Frau getrennt weggelaufen seien. Den schnell eingetroffenen Polizeibeamten lief die junge Frau "total aufgelöst" entgegen, gab ein Polizist zu Protokoll. Erst zwei Stunden später hatte die Polizei den Angeklagten betrunken und "in desolatem Zustand" aufgegriffen.

Richter ermahnt Zeugin

Ob es bei den Tätlichkeiten tatsächlich um Drogen ging, konnte vor Gericht nicht festgestellt werden. Auch die mit einstündiger Verspätung vor Gericht erschienene Geschädigte, die vom Gericht mit einem Ordnungsgeld von 200 Euro belegt wurde, konnte oder wollte dies nicht aufklären. Sie hatte damals keine körperlichen Schäden erlitten, auch keine Anzeige erstattet und schien in ihrer Aussage die Verhandlung nicht ganz ernst zu nehmen, so dass der Vorsitzende sie zur gebührenden Ernsthaftigkeit ermahnen musste.

Filmriss

Nachdem alle Zeugenaussagen gegen den Angeklagten sprachen, entschied sich dieser dann doch zu einer Aussage: Er sei stark alkoholisiert gewesen und könne sich an fast nichts erinnern. Eine Frau habe ihm das Gesicht zerkratzt, doch wisse er nicht, ob es die Zeugin gewesen sei. "Gut, dass Sie überhaupt etwas sagen", ging der Vorsitzende darauf ein. "Immerhin geht es hier um Freiheitsstrafe mit oder ohne Bewährung."

Staatsanwalt will Gefängnis

Der Staatsanwalt bekräftigte in seinem Plädoyer den Anklagevorwurf und sah keinen Grund für eine Strafmilderung: "Der Sachverhalt wurde durch die Beweisaufnahme vollumfänglich bestätigt." Auch habe der Angeklagte kein Geständnis abgelegt. Er forderte angesichts des vom Gesetz vorgesehenen Strafmaßes zwischen einem und 15 Jahren eine Freiheitsstrafe von 1,5 Jahren zur Bewährung auf drei Jahre zuzüglich einer Geldauflage von 1 500 Euro. Der Verteidiger äußerte dagegen Zweifel an den Zeugenaussagen, vor allem an jener der Geschädigten. "Ich habe selten eine Zeugin gehabt, die so schwammig ausgesagt hat." Dies alles reiche nicht für eine Verurteilung zu Freiheitsstrafe, zumal die Geschädigte keinen Strafantrag gestellt und an einer Verurteilung gar kein Interesse gezeigt habe.

Nach fast einstündiger Beratung kam das Schöffengericht zum Urteil von sechs Monaten allein in diesem Fall. Unter Einbeziehung eines noch nicht abgeschlossenen Strafverfahrens in Mittelfranken wurde der Angeklagte deshalb zu einer Gesamtstrafe von acht Monaten und einer Geldauflage von 3 000 Euro verurteilt. "Wir sehen den Anklagevorwurf als berechtigt", begründete dies der Vorsitzende. Der Sachverhalt und die Identität des Angeklagten sei eindeutig erwiesen. "Wir sind von der Aussage der Zeugin überzeugt." Dennoch habe das Gericht sich mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft "nicht ganz anfreunden" können. Der Geschädigten könne zumindest "eine Mitursächlichkeit nicht abgesprochen werden". Dies und andere Argumente sah das Gericht als Milderungsgrund für die von ihm vorgenommene Strafrahmenverschiebung.