Es hatte ein bisschen was von "Tatort". Rot-weiße Absperrbänder mitten im Wald in der Nähe von Schildeck. Zwei Männer in weißen Schutzanzügen, mit Gummistiefeln und Schutzhandschuhen hantierten im Dickicht und zogen letztlich einen weißen Leichensack zum Fahrzeug. Doch es war glücklicherweise nur eine Übung, um für Fälle von Afrikanischer Schweinepest (ASP) gerüstet zu sein - und in dem Leichensack befand sich keine Leiche, sondern eine tote Wildsau.

Bad Kissingens Veterinäramtsleiter Dr. Thomas Koy machte unumwunden deutlich, dass die Afrikanische Schweinepest immer näher rückt. Die stetig wachsende Fallzahl in Brandenburg und Sachsen versetze auch die Behörden in Bayern in Alarmbereitschaft.  In Brandenburg sei mittlerweile bei rund 150 Wildschweinen die Afrikanische Schweinepest nachgewiesen worden, und auch in Sachsen gebe es bereits einen Fall. Auch wenn Bayern bislang noch verschont blieb, die Seuche könne jederzeit und ganz plötzlich auftreten. Um dann schnell und effektiv handeln zu können, bereitet sich der Landkreis Bad Kissingen gemeinsam mit den Bayerischen Staatsforsten und der Jägerschaft schon seit Sommer 2017 auf die Thematik vor.

Hohe Wildschweindichte, hohe Gefährdungslage

Landrat Thomas Bold dankte ausdrücklich der Jägerschaft, die sich bereit erklärte, im Seuchenfall die Fallwildsuche zu übernehmen. Aufgrund der hohen Wildschweindichte herrsche im Landkreis Bad Kissingen eine hohe Gefährdungslage. Für die Bergung der Tiere werden die Mitarbeiter der Straßenmeisterei Oerlenbach sowie des Naturparks zuständig sein. Diese übten nun unter möglichst realen Bedingungen den Ernstfall - vom Anlegen der Schutzkleidung über eine Probenentnahme, der Bergung und dem Abtransport des Wildes.

Ein einzelner Fehler ...

Um möglichst realitätsnah üben zu können, wurde vom Forstamt Bad Brückenau eben jenes Wildschwein "spendiert" - es war natürlich nicht mit ASP infiziert. Im Vorfeld der Übung wurde das tote Tier in einem Gebüsch abseits vom Weg deponiert. Die Fundstelle wurde mit Absperrbändern so markiert und abgegrenzt, wie es beim Auftreten der Seuche Vorschrift sein werde. Im Mittelpunkt der Übung stand die Frage, wie ein infiziertes Tier so geborgen werden kann, dass eine Weitergabe der Infektion ausgeschlossen wird. Die verendeten Tiere im Wald zu lassen, sei keine Lösung, gerade die Bergung der tot aufgefundene Wildschweine spiele bei der  Seuchenbekämpfung eine zentrale Rolle. Die verendeten Tiere seien eine Infektionsquelle und stellen damit eine Gefahr für die Ausbreitung der Seuche dar, stellte Dr. Koy klar.  "An ASP verendete Schweine sind unter Umständen noch monatelang infektiös." Er sprach von hohen Biosicherheitsmaßnahmen, die notwendig seien. Ein einzelner Fehler bei der Bergung könne erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen, die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Region wären enorm, "ganze Existenzen könnten vernichtet werden".

Wie sieht so eine Bergung nun in der Praxis aus? Im Seuchenfall werde eine Meldekette in Gang gesetzt. Finde ein Jäger ein verendetes Tier, melde er dies dem zuständigen Veterinäramt, idealerweise über eine entsprechende App mit Geokoordinaten. Das Veterinäramt alarmiere das Bergeteam und übermittle den Fundort. Mit dem eigens für die Bekämpfung der ASP angeschafften Anhänger und verschiedenen Materialboxen mache sich das Bergeteam schnellstens auf den Weg. Ein Veterinärmediziner des Landratsamtes werde das Team, zumindest im Anfangsstadium der Seuchenbekämpfung, begleiten.

Material, Selbstschutz und Desinfektion

Ausführlich stellte Dr. Koy das Material vor: Vom Eimer über eine Bergewanne bis hin zu Desinfektionsmaterial, Einweghandschuhen, Schutzanzügen und diversen Müllsäcken reicht die Ausrüstung. Zentral sei das Material für die Probenentnahme. Dafür gibt es Tupfer und Röhrchen sowie ein Skalpell, das aber nur dann zum Einsatz komme, wenn keine offensichtlichen Verletzungen am Tier vorhanden seien. Um die ASP zweifelsfrei nachweisen zu können, müsse das Blut untersucht werden. "Ein Schnitt mit dem Skalpell in die Muskulatur ist nicht schlimm", meinte der Veterinär. Dass es bei Tieren, die eventuell schon länger verendet sind, zu unangenehmen Gerüchen kommen könnte, verschwieg er nicht. Für solche Fälle gibt es Schutzbrillen und -masken, denn der Selbstschutz habe natürlich Vorrang. Wichtig sei die Desinfektion des Fundplatzes mit Flächendesinfektionsmittel und der korrekte Umgang mit infizierten Gegenständen nach der Bergung. Konzentration und Sorgfalt seien notwendig, um kontaminiertes Material fachgerecht zu entsorgen beziehungsweise zu desinfizieren.

Das verendete Wild werde in einem Leichensack gepackt und zu einer Tierkörperverwahrstelle gebracht. Der Landkreis Bad Kissingen habe derzeit zwei solcher Verwahrstellen angeschafft, die momentan in Unterleichtersbach und Hammelburg stehen. Es handele sich um mobile Stationen, die je nach Bedarf auch an andere Standorte gebracht werden könnten. Außerdem wurde Zaunbaumaterial für circa 30 Kilometer Wildschutzzaun angeschafft, womit im Notfall die Seuchenregion abgegrenzt werden könne.

Diese Übung sollte auch dazu dienen, das Material und die Reihenfolge der Arbeitsabläufe zu testen sowie notwendige Ergänzungen vorzunehmen. Fabian Nöth (Naturpark) und Edgar Röder (Straßenmeisterei), die die Probenentnahme und Bergung exemplarisch vorgenommen haben, waren sich einig, dass eine Astschere und eine mobile kleine Kettensäge in der Materialbox sinnvoll wären.

Das Fazit von Dr. Koy zur Übung fiel positiv aus. Sie ist aus seiner Sicht sehr gut gelaufen. "Ergänzend zu den bisherigen Theorieeinheiten, ist jedem noch einmal deutlich geworden, was ihn erwartet bzw. erwarten kann - gerade auch was die äußeren Bedingungen wie Nebel, Kälte und Nässe sowie den Fundort angeht, der auch im Dickicht liegen kann."

Infos zur Schweinepest

Bei der Afrikanischen Schweinepest handelt es sich um eine schwere Virusinfektion, die ausschließlich Haus- und Wildschweine betrifft und für diese tödlich ist. Einen Impfstoff gibt es nicht. Es handelt sich um keine Zoonose, also eine zwischen Tier und Mensch übertragbare Infektionskrankheit, sie ist daher für den Menschen ungefährlich. Die Afrikanische Schweinepest tritt seit 2014 in verschiedenen Ländern der EU auf.

Übertragung: Die Afrikanische Schweinepest ist für den Menschen zwar ungefährlich, kann aber über kontaminierte  Lebensmittel oder Gegenstände vom Menschen weiter verbreiten. Beispielsweise im Schlamm eines Auto-Radkastens. Aber auch Pilzsammler oder Spaziergänger könnten den Erreger im Ernstfall über die Stiefel aus dem Wald mit nach Hause bringen.