Der Staatsrechtler Christoph Schönberger von der Universität Köln nennt das Verschieben der Vereidigung «eine gefährliche Missachtung des Grundgesetzes und des Parlaments». «Es ist nach dem Grundgesetz völlig eindeutig, dass der Eid nicht nach der Amtsübernahme stattfinden darf, sondern mit ihr zeitlich zusammenfällt», schrieb er in der «FAZ».
Müssen die neuen Minister mit Konsequenzen rechnen?
Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, verneint dies. «Eine Amtsübernahme ohne Eidesleistung verstößt zwar gegen die Verfassung, dies hätte aber keine unmittelbaren rechtlichen Konsequenzen», sagte er dem «Tagesspiegel». Für die Rechtsgültigkeit der Handlungen des jeweiligen Bundesministers habe die fehlende Vereidigung keine Folgen.
Wie könnte ein Ausweg ausschauen?
«Niemand hat Friedrich Merz zu diesem missglückten politischen Stunt gezwungen. Es ist seine Verantwortung, eine Lösung zu finden», sagte der Jurist und FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki der Deutschen Presse-Agentur. Sein Vorschlag für eine «saubere Lösung» wäre, dass bis zum Ende der Sommerpause andere Kabinettsmitglieder kommissarisch die Amtsgeschäfte der Neuen führen.
So sieht das auch der Staatsrechtler Stefan Ulrich Pieper: «Der saubere Weg wäre, dass die Amts- und Geschäftsübernahme erst dann erfolgt, wenn auch die Vereidigung stattgefunden hat», sagte er der «Rheinischen Post». «Die Amtsgeschäfte ohne Vereidigung zu übernehmen, wäre verfassungsrechtlich unsauber.»
Warum handelt die Regierung so ungewöhnlich?
Da sich der Bundestag gerade in der Sommerpause befindet, müssten die Abgeordneten zu einer Sondersitzung nach Berlin zurückkommen. Und das kann teuer werden. Die Entscheidung für eine spätere Vereidigung habe auch «ganz einfache Kostengründe», gestand Merz.
«Es würde, glaube ich, ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit nicht verstehen, wenn wir 630 Abgeordnete aus den Ferien nach Berlin zurückbeordern müssten, um eine Vereidigung von zwei neuen Bundesministerin vorzunehmen.»
Gibt es vergleichbare Fälle?
Sondersitzungen des Bundestags in der Sommerpause sind selten, aber nicht ungewöhnlich.
In einem Fall ging es ebenfalls um eine Ministervereidigung: Im Sommer 2019 gab Ursula von der Leyen (CDU) ihr Amt als Verteidigungsministerin ab, nachdem sie EU-Kommissionspräsidentin geworden war. Für die Vereidigung ihrer Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer trat der Bundestag am 24. Juli zu einer Sondersitzung zusammen.
Dauer: 1 Stunde und 39 Minuten. Was aber nur erreicht wurde, weil die neue Verteidigungsministerin noch eine Regierungserklärung abgab, an die sich eine Aussprache anschloss. Das Sprechen der Eidesformel dauerte nur Sekunden. Die Kosten der Sitzung bezifferte der Bundestag später auf exakt 193.530 Euro und 19 Cent.