Eine neue Schleuse soll das alte Kanalbauwerk in Kriegenbrunn ersetzen. Mehr als eine halbe Milliarde Euro wird das Mega-Projekt am Main-Donau-Kanal kosten. Wie die Bauarbeiten daran voranschreiten.
Wer sich der Baustelle der neuen Kanalschleuse bei Kriegenbrunn nähert, bekommt erst einmal meterhohe Erdhügel zu sehen. Das Bodenzwischenlager. Vorne an der Hüttendorfer Straße ist es wertvoller Humus. Die oberen Erdschichten, die später wieder auf dem Acker landen sollen. Weiter hinten ist es der Aushub der neuen Schleusenkammer, die nur wenige Meter von der alten Anlage entsteht.
Wobei die Haufen mit unfassbaren 600.000 Kubikmetern Erdboden und Steinen einmal 15 Meter hoch sein werden. Nach der Inbetriebnahme des „Jahrhundertbauwerks“ in sechs Jahren und vier Jahren „Probebetrieb“ mit der alten Schleuse als Backup wird damit das riesige Loch zugeschüttet, das von der alten Schleuse übrigbleibt. Denn sie soll bis zum letzten Betonkrümel rückgebaut werden. Mit dem erfahrenen Stadtführer Jürgen Hofmann aus Erlangen, vom Wasserstraßen-Neubauamt in Aschaffenburg beauftragt und geschult, geht es entlang des allgegenwärtigen Baustellenzauns.
Auf das videoüberwachte Gelände und vor allem auf die Baustelle selbst darf kein unbefugter Besucher, zu streng sind die Sicherheitsvorschriften – damit während des laufenden Betriebs niemand zu Schaden kommt. Teilnehmer der Führung müssen sich mit großformatigen Fotografien und kurzweiligen Erklärungen begnügen. Der äußerst fachkundige Guide Hofmann rettet, was zu retten ist. Von draußen sieht man nur die Wohn-Container, in denen viele der rund 160 Mitarbeiter der beiden Spezialtiefbau-Firmen Züblin aus Stuttgart und Bauer aus Schrobenhausen die Woche über leben. Am Wochenende pendeln sie dann nach Hause.
Schwachstellen an der Schleuse in Kriegenbrunn
Und man sieht die Büro-Container, in denen die Bauleitung eines der größten Infrastrukturprojekte des Landes sitzt. Die Investitionssumme liegt bei knapp 550 Millionen Euro. Von Hofmann erfährt man, dass die alte Schleuse nach inzwischen 54 Jahren völlig marode ist. Die Schleusenkammer selbst und das eine oder andere Sparbecken zur effizienten Nutzung des Kanalwassers sind undicht. In den 1960er-Jahren hat man Betonplatten genutzt und diese verfugt: alles potenzielle Schwachstellen.
Zu groß sind die Baumängel , die schon mehrere Ausfälle verursacht haben – mit der Folge, dass der gesamte Schiffsverkehr zwischen Nordsee und Schwarzem Meer beeinträchtigt war. Eine Sanierung lohnte nicht mehr. Die Planer haben aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt und errichten nun einen fugenlosen Bau, eine Art Betonwanne mit deutlich dickeren, sieben Meter starken Wänden. Dann braucht es zwei Betonmischwerke direkt an der Baustelle, um die benötigten Mengen zur Hand zu haben.
Zweidrittel des Wassers in Kriegenbrunn wird wiederverwendet
Von 300.000 Kubikmetern spricht Hofmann. Wenn die Schleusenkammer bei künftigen Schleusungen innerhalb von zehn Minuten mit Wasser gefüllt sein wird, werden es umgerechnet 300.000 Badewannen sein. Fast zwei Drittel des Wassers werden an der Sparschleuse wiederverwendet werden. Zuletzt hat man die Baugrube stabilisiert. Sie ist 300 Meter lang und am Ende fast 30 Meter tief.
Dazu bilden 900 Betonpfähle rundherum eine gigantische Wand, die 38 Meter ins Erdreich hineinragt. Zwischen den Längswänden sorgen 300 querliegende Stahlstreben in fünf unterschiedlichen Höhen dafür, dass die Baugrube nicht einbricht. Ein ungeheurer Aufwand. Das Material aus China – ein Angebot aus Deutschland gab es nicht – wurde vor einigen Monaten mit mehreren Schiffen angelandet. Es dauerte Tage, alles auszuladen. Seither gräbt man mit riesigen Baggern und transportiert den Aushub mit Traktoren und Kippanhängern ab.
Neubau der Schleuse: Baulärm in Kriegenbrunn
Im benachbarten Kriegenbrunn hört man jedes Fahrzeug, das den Rückwärtsgang einlegt wegen des Warntons. Damit die nach und nach eingebrachten massiven Streben nicht überhitzen, kommen sechs Schneekanonen zum Einsatz, die mit ganz feinen Wasserschwaden kühlen. Solch ein Mammutprojekt führt auch dazu, dass der Lebensraum einiger geschützter Tierarten verschwindet – zumindest zeitweise. Deshalb wurden alle Zauneidechsen, derer man mit speziellen Angeln habhaft wurde, übergangsweise umgesiedelt auf ein 5000 Quadratmeter großes landwirtschaftliches Gelände südlich von Hüttendorf.
Dort hat man Haufen aus Steinen und Totholz geschaffen, die den mehr als 500 Reptilien als Unterschlupf dienen, bis sie nach Ende der Bauarbeiten wieder an ihr angestammtes Kanalufer zurückziehen können. Ein ähnliches Schicksal erlitt die Rote Waldameise: Im Zuge der Baumrodungen auf einer Fläche von acht Hektar wurden neun Nester versetzt; sie sind nun Nachbarn der Zauneidechsen. Auch um die Bodenbrüter wie Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn hat man sich gekümmert.