Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. Mit relativ wenig Aufwand kann die Ukraine russischen Unternehmern damit riesigen Schaden zufügen. Zusammenbrechen wird die Wirtschaft dadurch freilich nicht. Getroffen werden vor allem Klein- und Kleinstunternehmen. Bis zu 400.000 Russen sind als Händler auf der Online-Plattform unterwegs – und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese ihnen nur zu einem Bruchteil ersetzt. In den sozialen Netzwerken sind die Klagen groß.
Soziale Unzufriedenheit als Druckmittel
Kurz vor der Duma-Wahl in Russland ist diese Unzufriedenheit ein Druckmittel, auf das Kiew im Krieg setzt. Das ist zynisch, entspricht aber dem Kalkül Moskaus beim Beschuss ukrainischer Kraftwerke.
Die Kehrseite: Die Probleme der Russen spielen für Kremlchef Wladimir Putin nur eine untergeordnete Rolle. Der Machtapparat hat über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte genügend Hebel, um Unzufriedenheit zu unterdrücken oder zu kanalisieren. Es könnte Putin eher dazu bewegen, seinerseits den Krieg weiter zu eskalieren.
Zielten die Angriffe auf Besitztümer von Putin-Vertrauten?
Es gibt noch eine weitere Theorie, warum Kiew ausgerechnet auf Wildberries zielt: 2024 gab es um das 20 Jahre zuvor von einem Ehepaar als Start-up gegründete Unternehmen einen schmutzigen und sogar blutigen Scheidungskrieg. Firmengründerin Tatjana Kim warf ihren Mann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen. Der verbündete sich nach dem Rauswurf mit dem mächtigen Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow und wollte mit Bewaffneten ins Hauptquartier von Wildberries eindringen – seinen Angaben nach zu Verhandlungen. Bei der daraus resultierenden Schießerei mit dem Wachdienst kamen zwei Männer ums Leben.
Kim fusionierte den Konzern anschließend mit der Reklameagentur Russ. Die Fusion musste im Kreml abgesegnet werden – und angeblich sind seither hochrangige Putin-Vertraute wie der Chef der Präsidialverwaltung Anton Waino und sein Stellvertreter Alexej Gromow an Wildberries beteiligt.
Offiziell gibt es keine Angaben dazu. Auffällig ist aber, dass der Machtapparat keine Anstalten macht, Wildberries zu Schadenersatz für die bei den Angriffen auf seine Lager ruinierten Kleinunternehmer zu drängen. Stattdessen gab es Lob aus dem Kreml und wohl Überlegungen, dem Unternehmen mit Hilfe einer Staatsbank zu helfen, den Bankrott zu umgehen.
Zivilverteidigung soll Lagerhäuser schützen
Die russische Tageszeitung «Nesawissimaja Gaseta» hat derweil «Lösungsvorschläge» zum Schutz gegen die ukrainischen Angriffe unterbreitet. Ein Ende des Kriegs gehört nicht dazu. Stattdessen fordern die Autoren die Rückkehr zur Zivilverteidigung. Kampfgruppen nach sowjetischem Vorbild sollen die Anlagen schützen.
Die Dächer der Lagerhäuser böten zwar eine große Angriffsfläche, zugleich aber auch genügend Platz um Flak-Geschütze und andere Flugabwehrwaffen zu stationieren, die die Unternehmen auf eigene Rechnung kaufen sollen. Die Geschütze müssten auch nur teilweise bemannt werden, da es inzwischen Möglichkeiten gebe, sie aus der Ferne zu steuern, argumentiert das Blatt. Dass damit die russische Bevölkerung nur noch tiefer in Putins Krieg verwickelt wird und die Zahl ziviler Opfer steigen könnte, wird nicht erwähnt.