Bei der Parlamentswahl in Armenien geht es nicht nur um eine neue Regierung, sondern auch um den Kurs des Landes zwischen Ost und West. Der Wahlkampf ist scharf, bei der Abstimmung gibt es Festnahmen.
Festnahmen, Bombendrohungen und gegenseitige Vorwürfe überschatten die von massiven Spannungen mit Russland begleitete Parlamentswahl in der Südkaukasusrepublik Armenien. Laut dem Chef der prorussischen Oppositionspartei Starkes Armenien, Samwel Karapetjan, wurden in den vergangenen zwei Tagen mehr als 100 seiner Anhänger festgenommen. «In eben diesem Moment laufen weitere Arreste unserer Unterstützer», sagte der Milliardär bei der Stimmabgabe. Eine weitere prorussische Oppositionspartei klagte ebenfalls über Festnahmen.
Karapetjan, der auch einen russischen Pass besitzt, steht selbst seit Monaten unter Hausarrest. Die Behörden werfen ihm einen versuchten Staatsstreich im Zusammenhang mit Unruhen Anfang des Jahres vor.
Innenministerium spricht von Stimmenkauf
Das Innenministerium begründete die Festnahmen rund um den Wahltag mit dem Vorwurf versuchten Stimmenkaufs. In Gjumri, der zweitgrößten Stadt des Landes, durchsuchten Beamte Medienberichten zufolge außerdem das Büro von Starkes Armenien. Bereits in der Nacht kamen zudem drei Mitglieder einer örtlichen Wahlkommission in Arrest.
Die Polizei musste auch wegen mehrerer Bombenalarme ausrücken. Die anonymen Sprengstoffdrohungen hätten sich aber als falsch herausgestellt, heißt es. Es sei nicht auszuschließen, dass wegen der vielen Verstöße die Abstimmung wiederholt werden müsse, sagte der Chef der kleinen Partei Meritokratie, Gurgen Simonjan, im Fernsehen.
Hohe Wahlbeteiligung im Land
Die Wahllokale im Land sind seit 8.00 Uhr Ortszeit (6.00 Uhr MESZ) geöffnet. Die Beteiligung ist nach Beobachtungen eines Reporters der Deutschen Presse-Agentur rege. Bis 17.00 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr MESZ) stimmten nach Angaben der Zentralen Wahlkommission knapp 49 Prozent der Wähler ab. Damit deutet sich eine höhere Wahlbeteiligung als beim letzten Mal - 2021 - an. Damals lag sie am Ende bei etwas mehr als 49 Prozent.
Die hohe Aktivität der Wähler ist auch auf die Bedeutung des Urnengangs zurückzuführen, der von Regierung und Opposition als Richtungswahl verstanden wird. Unter Regierungschef Nikol Paschinjan, der zum dritten Mal im Amt bestätigt werden will, nähert sich Armenien dem Westen an und strebt nach einem EU-Beitritt.
Nach der Niederlage des Landes 2023 im Konflikt um die umstrittene Region Berg-Karabach gegen den Erzfeind Aserbaidschan hat Paschinjan diesen Kurs nur noch verstärkt. Damals mussten rund 100.000 ethnische Armenier aus der Konfliktregion fliehen. Das löste eine innenpolitische Krise aus, erschütterte aber auch den Glauben vieler Menschen im Land an die langjährige Schutzmacht Russland. Die russische Führung, die ihrerseits zu der Zeit in der Ukraine Krieg führte, blieb beim Konflikt um Berg-Karabach passiv.