Wadephul zeigte sich aber überrascht, dass die Stadt trotz der massiven russischen Angriffe einen insgesamt gepflegten Eindruck mache. Der Bürgermeister Ihor Terechow sagte dem Minister, man gebe sich Mühe, die Stadt trotz der russischen Angriffe lebenswert zu halten. Er betonte, dass es auch viele Rückkehrer aus Deutschland gebe.
Dazu gehört die Studentin Valeriia, die Wadephul an der Universität trifft. Sie hat in Essen und Berlin studiert, ist jetzt aber wieder zurück in ihrem Heimatort - wegen ihrer Familie, der Freunde, der gewohnten Umgebung. An die ständigen Luftalarme hat sie sich gewöhnt. Als sie vor wenigen Wochen mit eigenen Augen einen Drohnenangriff gesehen habe, habe sie aber Angst gehabt wie noch nie, sagt die 22-jährige Germanistik-Studentin.
Studieren in unterirdischem Schutzraum
Studieren konnte sie in Charkiw bisher nur vom Computer aus - weil es im Hauptgebäude der Uni zu gefährlich ist. Nur 200 bis 300 Studenten konnten dort zuletzt in Präsenz ausgebildet werden - vor allem Mediziner. Nun ist gegenüber der Uni ein unterirdisches Seminargebäude errichtet worden, das ab 1. September immerhin 2.500 der 15.000 Studenten das Studieren in Präsenz ermöglichen soll. «Statt zurückzuweichen, kehrt man zurück», zeigt sich Wadephul beeindruckt.
Beim Besuch eines Kraftwerks kann der Außenminister besichtigen, was der Ukraine am meisten zu schaffen macht: Raketenangriffe aus Russland. Früher seien aus dem 60 Kilometer entfernten Belgorod jenseits der Grenze zu Russland Touristen gekommen, erzähl der Bürgermeister. Jetzt kommen von dort die ballistischen Raketen wie die S-300. 59 Sekunden brauche die bis Charkiw. Sie fliege zwölf Kilometer hoch, um sich dann sehr schnell auf ihr Ziel herabzusenken.
Das Kraftwerk ist bereits sechs Mal mit insgesamt 16 Raketen angegriffen worden. Auch mit Blick auf den nächsten Winter stellt man sich in der Ukraine auf massive Angriffe auf die Energieinfrastruktur ein. Darauf soll nun auch die deutsche Hilfe ausgerichtet werden.
Wadephul bemüht sich um Patriots
Nach seinen politischen Gesprächen in Kiew sagte Wadephul der Ukraine neue humanitäre Hilfe von 50 Millionen Euro zu und machte ihr Hoffnung auf zusätzliche Mittel für die Luftverteidigung. Der CDU-Politiker versicherte, dass er weiter versuchen werde, Bündnispartner zur Abgabe von Patriot-Abwehrraketen zu bewegen. Zu den möglichen Lieferanten zählen Griechenland, Italien, Japan und Südkorea.
Auch einen weiteren Beitrag der Bundeswehr schloss er nicht aus. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) müsse «gemeinsam mit seinen Fachleuten in die Bestände gucken und schauen, ob noch etwas möglich ist».