Kein Essen, keine Kommandeure und kaum Ausrüstung: Inzwischen häufen sich die Schreckensberichte russischer Soldaten aus dem Ukraine-Krieg. Die sogenannte Teilmobilisierung hat die Lage dabei offenbar noch verschärft. Die eingezogenen Reservisten seien teils ohne Training einfach an die Front geschickt worden, berichten Rückkehrer - viele hätten den Einsatz aber nicht überlebt.

"Von 570 Menschen sind 29 unversehrt geblieben, 12 weitere sind verletzt. Der Rest ist erledigt", sagt Alexej Agafonow im in einem Interview mit dem unabhängigen russischen Medium "Werstka". Er gehört zu den kürzlich mobilisierten Streitkräften und war nach eigenen Angaben in der Militäreinheit 2079 zum Fronteinsatz vorbereitet worden. Der Kommandeur hätte ihnen versprochen, dass die frisch eingezogenen Soldaten in die Region Swatowe, 15 Kilometer von der Frontlinie entfernt, abkommandiert werden. Stattdessen sei das gesamte Bataillon "in die Schützengräben geworfen" worden.

Schreckensbericht von der Front: Eingezogene Russen beklagen Chaos und hohe Verluste

"Man sagte uns, wir sollten uns eingraben. Wir hatten drei Schaufeln pro Bataillon, es gab überhaupt keine Versorgung", so Agafonow. Die Soldaten hätte sich in der Nacht so gut eingegraben, wie sie konnten, am Morgen habe dann der Beschuss begonnen. "Artillerie, Raketen, Mörser, Drohnen. Wir wurden einfach niedergeschossen."

Die Kommandeure sollen die Mobilisierten während des Angriffs im Stich gelassen haben. Agafonow erzählt, dass sie sofort weggerannt wären. Letztlich hätten seiner Rechnung zufolge nur 41 Männer überlebt. Er vermutet zudem, dass vor ihnen mindestens ein weiteres Bataillon das gleiche Schicksal ereilt habe, in den Schützengräben habe er Dutzende Leichen gesehen. "Im Fernsehen wird uns erzählt, dass alles wunderbar ist. Tatsächlich werden hier in der Region Luhansk die Mobilisierten an die Front geworfen", sagt Agafonow. Die Vetragssoldaten und Freiwilligen seien dagegen in der dritten Angriffsline.

Den Berichten zufolge stopft Russland offenbar die Lücken in seiner Verteidigung mit den Eingezogenen. Agafonow berichtet, dass er in der Stadt, in die sich die Soldaten zurückgezogen haben, auch Überlebende aus anderen besiegten Bataillonen gesehen hätte. Diese seien nur in Gruppen von zwei bis fünf Personen gewesen. Es herrsche "völlige Verwirrung und Chaos". "Alle Überlebenden und Neuankömmlinge werden in neue Bataillone gruppiert und an die Front geworfen, um die Verteidigungslinie zu schließen", so der Russe. Auch die Angehörigen von Mobilisierten bestätigen den Bericht des Soldaten.

Angehörige fordern Hilfe für Soldaten: "Die Befehlshaber haben sie im Stich gelassen"

Die Ehefrau eines Rekruten sagt, er hätte sie eines Morgens von einer fremden Nummer angerufen. Dann hätte er erzählt, dass sie Schützengräben ausheben mussten, von Mörsergranaten eingedeckt wurden und sich jetzt verstecken. "Sie haben jetzt Angst, irgendwohin zu gehen. Sie haben sogar Angst, zu den Checkpoints zu gehen. Die Befehlshaber haben sie im Stich gelassen und sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie bitten einfach nur um Hilfe", berichtet Ludmila Tschernych laut ntv.

Die Teilmobilisierung war der Einschätzung von Experten nach von Anfang an unbeliebt bei der Bevölkerung. Die Berichte von der Front lösen nun noch mehr Unmut aus. Am Samstag (5. November 2022) haben sich in Woronesch zahlreiche Angehörige vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft versammelt und Antworten gefordert. "Am Telefon sagt man uns, dass unsere Söhne am Leben und gesund sind und ihre Pflicht erfüllen. Wie zum Teufel sollen sie lebendig und gesund sein, wenn sie dort alle getötet werden?", fragt die Mutter eines Soldaten.

Auch mit einer Videobotschaft versuchen die Angehörigen Hilfe für die Soldaten zu bekommen. In dem Appell an den Gouverneur ihrer Region und die höheren Behörden stecken weitere Vorwürfe. Diese decken sich ebenfalls, mit denen Agafonows und Tschernychs. "Am Tag ihrer Ankunft wurden sie an die vorderste Linie geworfen. Alle Kommandeure verließen das Schlachtfeld und flohen. Sie sagten, sie würden bald zurückkehren und den Mobilisierten ihre persönlichen Sachen mitbringen. Nach 40 Minuten waren sie aber immer noch nicht zurückgekehrt. Es begann ein Beschuss mit Granatwerfern, Mörsern und anderen Waffen", heißt es in der Botschaft. Die Soldaten hätten drei Tage ausgeharrt, nur mit Handfeuerwaffen, ein paar Magazinen Munition und Schutzwesten ausgestattet. Sie hätten nicht geschlafen und nicht gegessen, berichten die Angehörigen. Sie fordern, dass die Überlebenden von der Frontlinie abgezogen werden. Die Liste umfasst 41 Männer, von denen nur 31 Kontakt aufgenommen haben. Das Schicksal der anderen ist unbekannt.

Große Verluste im Ukraine-Krieg: Moskau verschweigt angeblich tatsächliche Opferzahlen

Selbst die Soldaten haben bereits einen Beschwerdebrief an russischen Behörden verfasst. Eine Einheit von Marineinfanteristen beklagte darin den Verlust von 300 Mann in nur vier Tagen. Das Schreiben wurde über Telegram sowie vom unabhängigen Portal "The Insider" veröffentlicht. Es richtet sich an den Gouverneur des Gebietes Primorje. Die 300 Soldaten seien tot, verwundet oder würden vermisst.

Der Gouverneur Oleg Koschemjako räumte zwar ein, dass es schwere Kämpfe und auch Verluste gegeben haben. Diese seien aber "bei weitem nicht so hoch" wie die Soldaten in ihrem Brief angaben. Das hätten ihm die Kommandeure an der Front versichert, so Koschemjako in einer Videobotschaft auf seinem offiziellen Telegram-Kanal. Die Militärstaatsanwaltschaft würde nun in der Sache ermitteln. Auch das russische Verteidigungsministerium weiß nach eigenen Angaben nichts von hohen Verlusten in der betroffenen Einheit. Die Anschuldigungen der Marinesoldaten decken sich allerdings mit anderen Berichten zu den Zuständen im Ukraine-Krieg: Wieder einmal hätten ihre Kommandeure die Einheit "in eine unverständliche Offensive" geworfen, nur damit die Befehlshaber Prämien erhielten oder zum "Helden Russlands" ernannt würden, hieß es in dem Schreiben. Infolge der "sorgfältig" geplanten Offensive der "großen Feldherren" bei dem Ort Pawliwka im Gebiet Donezk habe die Einheit rund 300 Mann sowie die Hälfte ihrer Technik verloren. "Und das ist nur unsere Brigade."

Die Soldaten fordern, dass eine unabhängige Kommission entsendet wird, um die Kommandeure ihrer Einheit zur Rechenschaft zu ziehen. Die Befehlshaber verheimlichten die tatsächlichen Verluste. Sie scherten sich um nichts. "Sie nennen Menschen Fleisch." Das bezeugen auch russische Reservisten, die kürzlich von der ukrainischen Armee festgenommen wurden. Laut einem Bericht der "Bild" hätten sich die 20 Männer nahe dem russisch besetzten Swatowe ergeben. Nach eigenen Angaben seien sie erst vor einem Monat eingezogen worden.

Tagelang kein Essen oder Wasser: Russische Einheit ergibt sich

Den Ukrainern gegenüber berichten sie, dass sie kein Training bekommen hätten und sofort an die Front geschafft wurden. Dort hätten sie keinen Kontakt zu ihren Familien gehabt - und auch nicht zu den Kommandeuren. Die Gruppe erzählt, wie schon die anderen Einheiten, dass die Offiziere sie ohne jegliche Anweisungen zurückgelassen hätten. "Wir hatten keinen Kontakt, niemand hat uns gesagt, was wir machen sollen. Wir wurden die ganze Zeit beschossen.", sagt einer der Männer. Für die Armee-Führung in Moskau seien sie "einfach nur Fleisch". 

Einige der Männer haben gegenüber den ukrainischen Soldaten mehrfach betont, dass sie "bislang nicht geschossen" hätten und "nicht kämpfen wollen". Nach mehreren Tagen ohne Wasser, Nahrung und funktionsfähige Waffen, hatten die Russen offenbar per Funk signalisiert, dass sie sich ergeben. Sie warteten unbewaffnet in einem Keller auf ihre Verhaftung. Die russischen Soldaten gehen ein großes Risiko ein, wenn sie desertieren. In einem Bericht des britischen Verteidigungsministeriums ist die Rede davon, dass Rückzug und Fahnenflucht mit drastischen Mitteln verhindert werden. "Wegen niedriger Moral und Scheu vor dem Kampf haben die russischen Streitkräfte wohl begonnen, 'Barrieretruppen' oder 'blockierende Einheiten' einzusetzen", heißt es. Diese "blockierenden Einheiten" drohten damit, Soldaten auf dem Rückzug zu erschießen.

mit/mit dpa