Unterdessen kündigte Innenminister Laurent Nuñez am Morgen an, dass der Einsatz von Blendgranaten durch die Polizei bei den Schülerprotesten ausgesetzt wird. Eine solche Granate, die von Einsatzkräften in eine Schülergruppe abgefeuerte worden war, hatte einem 15-Jährigen am Montag im nordfranzösischen Lens eine Hand abgerissen. Dies führte zu einer wachsenden Empörung über das rabiate Auftreten der Polizei und mutmaßliche Polizeigewalt.
Macron ruft zur Mäßigung bei Polizeieinsätzen auf
Macron habe in dem Zusammenhang bei einer Krisensitzung am Dienstagabend zur Mäßigung aufgerufen, sagte der Innenminister im Interview des Senders RTL. Macron habe dazu aufgefordert, «auch Einfühlungsvermögen zu zeigen» und zu erläutern, dass die Polizei bei schweren Gewalttaten eingreift. Es müsse aber vor allem deutlich gemacht werden, «dass es bei friedlichen Demonstrationen – einschließlich solcher von Schülern vor ihren Schulen – keinen Grund für ein polizeiliches Eingreifen gibt, überhaupt keinen». Bislang hatte die Polizei auch Blockaden vor Schulen aufgelöst.
Der Appell von Macron, der sich am Dienstag erstmals in die Debatte um den Umgang mit den Schülerprotesten einschaltete, fand bei der Polizei aber nicht so recht Gehör. Am Mittwoch ging die Polizei erneut mit Tränengas gegen Schüler und Studenten vor, um Blockaden zu räumen – etwa vor einem Gymnasium in Marseille und auch vor der renommierten Elitehochschule Sciences Po in Paris, die Macron und viele französische Spitzenpolitiker absolviert haben. Studierende hatten dort Barrikaden auf dem angrenzenden Boulevard Saint-Germain errichtet, einer wichtigen Verkehrsachse.
Regierung fürchtet zweite Gelbwestenbewegung
Die Sorge der Regierung ist, dass die Proteste sich – angefacht durch hohe Spritpreise und Lebenshaltungskosten – auf andere Bereiche ausweiten könnten und so etwas wie ein zweiter Gelbwestenprotest entsteht, der Frankreich 2019 längere Zeit in Atem hielt. Auslöser war damals eine geplante Erhöhung der Steuern auf Kraftstoffe, daraus entstand rasch eine breitere Bewegung gegen hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit, die Macron während seiner ersten Amtszeit schwer zu schaffen machte.
Was die Bewältigung der Schülerproteste für die Regierung erheblich erschwert, ist die vollkommen aus dem Ruder gelaufene Staatsverschuldung. Zum Ende des zweiten Quartals stieg diese auf den höchsten Stand seit 1946 und beläuft sich auf einen Gesamtbetrag von knapp 3,6 Billionen Euro, ein noch nie dagewesener Wert. Angesichts dieser Zahlen ringt die Regierung eigentlich mit einem Sparhaushalt – zusätzliche Milliardenausgaben für die Schulen, wie sie gefordert werden, sind da schwierig zu bewerkstelligen.
Schülerproteste auch in Belgien
Demonstrationen für bessere Lernbedingungen, Schulgebäude und angepasste Stundenpläne gibt es unterdessen seit einigen Tagen auch in Belgien. So kamen in Brüssel am Nachmittag etwa hundert junge Menschen zusammen und protestierten für ein System, in dem Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt. «Wir starten nicht alle mit den gleichen Chancen», hieß es auf der Kundgebung.
Wegen ausufernder Proteste musste in Lüttich zwischenzeitlich der zentrale Bahnhof Guillemins gesperrt werden, an dem auch die Züge von Deutschland nach Brüssel und Paris halten. Nach gewaltsamen Protesten in den vergangenen Tagen in Lüttich kritisierten die Schülerinnen und Schüler den Einsatz von Tränengas und zahlreiche Festnahmen.