Die Auswirkungen des Epstein-Skandals schlagen in Großbritannien hohe Wellen. Premierminister Keir Starmer wankt, aber stürzt nicht - vorerst zumindest. Auch das Königshaus wird erschüttert.
Nach einem turbulenten Tag in Westminster versucht der britische Premierminister Keir Starmer seine Regierung wieder auf Kurs zu bringen. Kurzzeitig schien sein Amt am seidenen Faden zu hängen, als der schottische Labour-Chef Anas Sarwar den Parteifreund öffentlich zum Rücktritt aufforderte. Doch das scheint zumindest vorerst abgewendet.
Hintergrund für die Regierungskrise ist Starmers Entscheidung vor mehr als einem Jahr, den Labour-Veteranen und notorischen Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zu ernennen. Wie eng dieser mit dem verstorbenen US-Multimillionär und Pädokriminellen verbandelt war, wurde durch die Veröffentlichung der Epstein-Akten deutlich.
Dank Loyalitätsbekundungen aus seinem Kabinett und Berichten zufolge kämpferischen Auftritt vor der Fraktion schaffte es Starmer, sich noch einmal Zeit zu kaufen. Der Premier habe die «Rede seines Lebens gehalten», zitierten britische Medien Teilnehmer des Treffens. Tags darauf ließ er sich bei einem leidenschaftlichen Plädoyer für ein Ende des innerparteilichen Zwists filmen. «Ich werde niemals von meinem Mandat, dieses Land zu verändern, davonlaufen», sagte er in einem Bürgerzentrum in der Grafschaft Hertfordshire, nördlich von London.
Starmer ist «letztlich Toast»
Doch britische Kommentatoren sind sich weitgehend einig, dass sich der wegen zahlreicher gescheiterter Reformprojekte und miserabler Umfragewerte schwer angeschlagene Starmer auf extrem dünnem Eis bewegt. «Es könnte jeden Moment einen neuen, frischen Skandal oder Aufreger geben, der das schlagartig ändert», sagte «Guardian»-Reporterin Jessica Elgot in einem Podcast zu dem Burgfrieden. Sie fügte hinzu: «Wenn sich die Herde in Bewegung setzt, setzt sie sich in Bewegung.»
Ähnlich bewertete der Sky-News-Reporter Sam Coates die Situation. Starmer sei «letztlich Toast», also erledigt, sagte er, weil der Premier wieder und wieder bewiesen habe, dass es ihm trotz satter Regierungsmehrheit nicht gelinge, umstrittenen Vorhaben durchs Parlament zu bringen.
Tatsächlich musste Starmer in den 18 Monaten seit seinem Amtsantritt eine Kehrtwende nach der anderen vollziehen, weil ihm die eigene Fraktion die Gefolgschaft versagte. Etwa beim Plan, die Zahl der berechtigten Rentner für einen Heizkostenzuschuss einzuschränken oder die Kriterien für eine Sozialleistung für Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen anzuheben.
Über Starmers Zukunft wird schon seit Monaten spekuliert
Erfolge konnte der frühere Chef der Anklagebehörde Crown Prosecution Service lediglich auf dem internationalen Parkett verbuchen, etwa wenn es um die Gunst von US-Präsident Donald Trump ging. Doch auch das schien im Licht des Grönland-Streits, in dessen Verlauf der Republikaner auch Großbritannien mit neuen Zöllen drohte, zu verpuffen.