Selten schlägt Kremlchef Putin so viel Kritik entgegen wie derzeit – trotz Zensur und Repressionen. Vor allem die häufigen Internetsperren lösen Protest aus. Ist das eine Gefahr für den Präsidenten?
Für Kremlchef Wladimir Putin läuft es erstmals seit Jahren nicht mehr rund. Es häuft sich Kritik selbst aus regierungstreuen Kreisen - vor allem an den immer massiveren Internetsperren in Russland. Unternehmen beklagen Einbußen, weil die Blockaden von Telegram und anderen sozialen Netzwerken die Kommunikation lahmlegen. Zahlungssysteme fallen aus. Und selbst sonst loyale Blogger lassen ihrer Verärgerung freien Lauf.
Die sonst an eine politische Kultur der Verbote und Bevormundung gewöhnten Russen zeigen angesichts der Angriffe auf die Freiheit des Internets, dass sie nicht mehr bereit sind, alles zu schlucken. Zwar betont der Kreml, dass etwa die Blockade des Mobilfunks Sicherheitsinteressen diene – im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Alles normalisiere sich, sobald die Invasion ende, verspricht Kremlsprecher Dmitri Peskow. Aber Friede ist nicht in Sicht.
Der Machtkampf in der Staatsführung darum, wie weit die Kontrollen gehen, ist unübersehbar. Und Experten meinen, dass das den machtbewussten Putin kaum kaltlassen dürfte. Immerhin steht im September die Parlamentswahl an.
Expertin: Symptome können auf Bedeutsames hindeuten
«Zum ersten Mal seit Jahren des Krieges sieht es so aus, als stünde das russische Regime kurz vor einer internen Spaltung», meint die Politologin Tatjana Stanowaja. Es gebe eine Vielzahl einzelner Ereignisse, die in ihrer Summe doch auf etwas Bedeutsameres schließen lassen könnten. «Das ist wie in der Medizin: Leichte und schwer zu erklärende Symptome können sowohl ein Zufall sein als auch auf eine schwere Erkrankung hindeuten», schreibt sie in einer Analyse der Denkfabrik Carnegie.
Tatsächlich ist die Liste der Abweichler von der Kremllinie inzwischen stattlich. Kremlsprecher Peskow sah sich nun bemüßigt, auf die kritische Videobotschaft der prominenten Bloggerin Viktorija Bonja an Putin zu reagieren. Sie beklagte, dass die Russen Angst hätten vor dem 73-Jährigen und daher viel schieflaufe. Als ein Beispiel von vielen nannte sie die schleppende Hilfe für die Flutopfer in Dagestan. Wohl auch mit Blick auf das Millionen-Internetpublikum Bonjas beteuerte Peskow, dass an der Lösung der Probleme schon gearbeitet werde.
Propagandisten warnen vor Destabilisierung in Russland
Nach Bonjas Botschaft warnten Kriegsblogger davor, «Russland zu destabilisieren». Der Kreml-Propagandist Wladimir Solowjow forderte, die nationale Ermittlungsbehörde solle sich um die Bloggerin kümmern, weil sie in der Vergangenheit die Ukraine unterstützt habe. Dabei kommen Klagen über die Lage im Land auch aus den Reihen der Hardliner wie Solowjow.
Im März schrieb der Kreml-Propagandist Ilja Remeslo, bekannt für Kampagnen gegen die Opposition, überraschend auf seinem Telegram-Kanal, dass Putin als Präsident illegitim sei und vor ein Kriegsgericht gehöre. Putin habe das Land in die Sackgasse des Ukraine-Krieges geführt. Er selbst informierte nun, dass er 30 Tage in einer geschlossenen Klinik verbringen musste. «Heftige Kritik an den höchsten Staatsfunktionären hat ihren Preis - denkt daran», teilte er am Freitagabend mit. Zurückzunehmen habe er aber nichts.