Politikwissenschaftler Berk Esen sieht den Konflikt nicht als parteiinterne Angelegenheit. Vielmehr sei die Wahlbehörde an den Rand gedrängt und die Voraussetzungen für einen fairen und freien Wahlkampf quasi beseitigt worden, so Esen auf X.
Die Menschenrechtsorganisation Human Right Watch schreibt, Erdogan selbst habe bei einer Rede 2024 erstmals Unregelmäßigkeiten beim CHP-Parteitag ins Spiel gebracht und habe eine klare politische Motivation für die Absetzung Özels. Die Justiz gilt als politisiert.
Nach Einschätzung des Analysten Murat Yetkin ist Erdogan bewusst, dass er eine CHP unter der Führung Özels nur schwer besiegen könne. Regulär stehen die nächsten Präsidentschaftswahlen 2028 an, sie könnten aber vorgezogen werden.
Was ist die Motivation von Kemal Kilicdaroglu?
Darüber scheiden sich die Geister. Er selbst betont, er handele nicht im persönlichen Interesse, sondern in dem der Nation. Er wolle die CHP, die von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründet wurde, schützen und von «beschmutzter Politik» befreien.
Beobachter gehen davon aus, dass Kilicdaroglu die Aussicht auf einen Regierungswechsel bereits aufgegeben hat und sich damit zufriedengibt, wenn die CHP auf kommunaler Ebene mitregieren kann.
Wie viel Unterstützer Kilicdaroglu innerhalb der Partei hat, ist unklar. Sein Gegner Özel hatte sich am Samstag mit überwältigender Mehrheit zum Vorsitzenden der CHP-Fraktion im Parlament wählen lassen, was dafür spricht, dass er die Unterstützung der meisten Abgeordneten hält.
Wie geht es nun weiter und gibt es neue Proteste?
Özel hat zu weiteren Demonstrationen aufgerufen. Angesichts des Opferfests diese Woche könnte die Teilnahme aber eher zurückhaltend ausfallen. Außerdem drängen CHP-Politiker auf einen außerordentlichen Parteitag, auf dem Özel auch im Kampf um den Parteivorsitz wieder antreten würde. Am Ende liegt die Entscheidung darüber aber in der Hand Kilicdaroglus.
Die Stürmung der Parteizentrale am Sonntag, wo sich Özel mit seinen Unterstützern verschanzt hatte, hat viele CHP-Anhänger im Land schockiert und die Wut gegen Kilicdaroglu befeuert. Özel wiederum, der anschließend einen Protestmarsch im strömenden Regen abhielt, gewann weiter an Format.
Analyst Yetkin geht davon aus, dass Kilicdaroglu Politiker aus der CHP ausschließen wird, gegen die ermittelt wird. Das würde auch den inhaftierten Erdogan-Gegner Imamoglu betreffen.
Özel und seine Anhänger hätten auch die Option, eine neue Partei zu gründen. Das hätte am Ende die Zersplitterung der Opposition zur Folge - davon profitieren würde Erdogan.