Flávio Bolsonaro geht mit Rückenwind in die Stichwahl. Lula setzt im Endspurt auf große Kundgebungen - und auf die Erfolge seiner Regierung. Reicht das, um die Wahl noch zu drehen?
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva steht vor einer großen Herausforderung: Für eine vierte Amtszeit muss er auch Wähler überzeugen, die ihn eigentlich ablehnen. An der Copacabana in Rio de Janeiro versammelten sich zuletzt Tausende zur Unterstützung seiner Wiederwahl – darunter Andrea, die Lula zwar nie aktiv unterstützt hat, eine Rückkehr der Familie Bolsonaro an die Macht aber verhindern will, wie sie der dpa sagt.
An diesem Sonntag entscheidet sich, ob der 80-Jährige im Amt bleibt oder von seinem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro abgelöst wird. Beide Kandidaten stoßen auf erhebliche Vorbehalte. Bolsonaro geht dabei mit Rückenwind in die Stichwahl. Der 45-jährige Sohn des Ex-Präsidenten lag in der ersten Runde mit mehr als zwei Millionen Stimmen vor Lula. Zudem unterstützen ihn mehrere ausgeschiedene Kandidaten. Kann Lula das Ruder noch herumreißen?
Copacabana wird zur politischen Bühne
Lula setzt im Endspurt auf prominente Unterstützung und landesweite Mobilisierung. An der Copacabana traten bekannte brasilianische Musiker wie Caetano Veloso vor seinen versammelten Anhängern auf. Die weltberühmte Strandpromenade wurde zur politischen Bühne. «Fanatismus ist kein Argument» lautet eine Botschaft der Lula-Anhänger. Auch in São Paulo, Brasília und anderen Städten gingen Menschen auf die Straße.
Aber auch Flávio Bolsonaro mobilisiert - gerade in Regionen, in denen er schwächer abgeschnitten hatte, etwa im ärmeren Nordosten. In Fortaleza treibt er seine Anhänger mit Feuerwerk und Funk-Musik an, fast wie bei einem Karnevalsumzug. Auf der Bühne verspricht er einen harten Kurs gegen kriminelle Banden: «Sie werden festgenommen oder von der Polizei neutralisiert.» Auch eine chemische Kastration von Vergewaltigern stellt er in Aussicht. Sicherheit und Kriminalität treiben viele Brasilianer um.
Mehrere politische Beobachter sehen Flávio Bolsonaro im Vorteil: Er kann auf Unterstützung aus Teilen der politischen Mitte und des rechten Lagers zählen.
Reicht eine gute soziale Bilanz?
Lula kann auf wirtschaftliche und soziale Erfolge verweisen. Die Arbeitslosigkeit sank auf einen historischen Tiefstand, die Armut ging zurück, der reale Mindestlohn stieg. Kurz vor der Stichwahl wurde zudem das Ende der verbreiteten Sechs-Tage-Woche beschlossen: Beschäftigte sollen künftig grundsätzlich fünf Tage arbeiten.
Doch solche Erfolge schlagen sich nicht automatisch in Zustimmung nieder. «Entscheidend ist für viele Brasilianer nicht, ob die Wirtschaft statistisch wächst, sondern was am Ende des Monats im Portemonnaie übrigbleibt», sagt Maximilian Hedrich, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro. Lebenshaltungskosten, öffentliche Sicherheit und Korruption seien im Alltag viel unmittelbarer spürbar.