Im Westen viel Neues: Die Sky-Doku "Mythos Schalke - Ein Leben lang" zeigt, wie sich der FC Schalke einfach mal neu erfunden hat. Dass die Tradition bei alldem trotzdem die Hauptrolle spielt, steht außer Frage.
Ach, Schalke ... - Was wurde über diesen Club und seine bewegte Geschichte nicht schon alles erzählt. Die Königsblauen sind jederzeit für eine Story gut. Titel und Abstürze, Skandale und Erfolge, grenzenlose Euphorie und immer wieder auch unermessliches Leid - alles liegt beim Traditionsclub aus dem Ruhrpott enger beisammen als bei jedem anderen deutschen Fußballverein. Schalke, das ist ein Lebensgefühl, sagen die Fans. Und zum Schalker Lebensgefühl gehört es, dass immer etwas Unvorhersehbares passieren kann. Der Liebe tut das keinen Abbruch, wie nun auch die Doku "Mythos Schalke - Ein Leben lang" (ab 28. August auf Sky und WOW) eindrücklich belegt.
Wobei man, auch jetzt im Rückblick auf die jüngere Clubgeschichte, ehrlich sein muss: Der Abstieg von 2021 - als Tabellenletzter nach 30 Jahren ununterbrochener Zugehörigkeit zur Bundesliga - hat etwas gemacht mit den Fans und ihrer Liebe zum Verein. Der direkte Wiederaufstieg (dokumentiert in der RTl+-Dokuserie "Zurück zum Wir") hat dann manches repariert, aber eben nicht alles. Genauso wie 2023 der erneute Abstieg aus dem Oberhaus nicht annähernd an die Dimensionen des 2021 erfahrenen Leids heranreichte.
Es folgten zwei Spielzeiten zum Vergessen. Mit dem Aufstieg in die Bundesliga hat vor der Saison 2025/2026 wirklich keiner gerechnet. Nicht nach dieser verheerenden Vorsaison, die der S04 mit 38 Punkten auf Rang 14 abschloss. Zum Totalabsturz in Liga 3 hat nicht mehr viel gefehlt. Die Quittung kam am 34. Spieltag: Zum Saisonfinale, bei dem es in der heimischen Arena ein 1:2 gegen Elversberg setzte, wandten sich die Fans mit Grausen von ihrem Team ab. Es war einfach zu viel des Schlechten. Kein Geld, keine Hoffnung, Schalke am Boden. Wieder einmal.
Was dann kam, war aber eben auch typisch Schalke und wieder eines dieser Wunder, die es bei den Knappen immer wieder gibt: Der FC Schalke ist wieder erstklassig. Die ganze eigentümliche Geschichte, wie es dazu kommen konnte und was das für diesen Verein und sein Umfeld bedeutet, erzählt nun die hochemotionale Sky-Original-Doku "Mythos Schalke - Ein Leben lang".
"Aggressiv, intensiv, mutig"
Im Fokus steht der neue Trainer Miron Muslic, auf Schalke schon jetzt als Heilsbringer, fast wie einst Huub Stevens verehrt. Eine der ersten Szenen zeigt den Mann, den anfangs in Deutschland kaum einer kannte, einige Wochen nach seinem Dienstantritt auf dem Weg ins Profileistungszentrum (PLZ). Dort stehen jetzt auf sein Betreiben hin in großen Lettern drei Worte an der Wand: "Aggressiv, intensiv, mutig." Muslic sagt: "So, wie wir die ganze Saison angehen wollen!" Jeder Spieler, jeder Mitarbeiter könne das jetzt sehen. Jeden Tag.
Über die Wirksamkeit solcher Griffe in die ja manchen Trainern eigene Psychologiekiste kann man geteilter Meinung sein. Ohne jede Frage hat sich aber der im bosnischen Bihać geborene Muslic in den vergangenen Monaten auf Schalke als flexibel denkender Fußballfachmann und als hochbegabte Fachkraft für interne und externe Kommunikation bewiesen. Viel Raum nimmt in der Doku beispielsweise die zur Winterpause vorgenommene Systemumstellung ein. Muslic war damals trotz Tabellenführung nicht überzeugt, er wollte etwas ändern und bekam dafür einige neue Spieler - nicht zuletzt den Weltklassestürmer Edin Džeko. Nach anfänglicher Skepsis und einem wackligen Start in die Rückrunde fügte sich alles zum Guten, die neuformierte Mannschaft spielte teils begeisternden Fußball, stieg mit 70 Punkten als Zweitligameister auf.
Die Kamera ist in diesen Phasen erstaunlich nah dran am Geschehen. Auch in der Kabine, wo Muslic mit einer Leidenschaft auf seine Spieler einpredigt, die jedes Fanherz höherschlagen lässt. Zu lange hatte man solche glühenden Appelle, die gefühlt in jedem dritten Satz das Wort "Schalke" enthalten, vermisst. "Fasten Seatbelts. And we f...ng go. All together!" - Der neue Sound der Schalker Kabinenmusik. Kleiner Spoiler: Manchen mag es erstaunen, dass der so zugänglich wirkende Herr Muslic nicht nur nett, sondern auch richtig wütend sein kann. Es sind wirklich bemerkenswerte Bilder, so nah ist man dem Innenleben einer Profimannschaft bislang kaum gekommen. Nach dem in letzter Minute kassierten Ausgleich im Heimspiel gegen Hannover brennt die Luft vor lauter Enttäuschung, der Trainer brüllt: "Kamera weg!"