Ein junger Mann kommt Anfang der 80-er in der DDR unter mysteriösen Umständen in einem Stasi-Gefängnis ums Leben. War es wirklich Suizid? Warum wurde sein Tod verschleiert? Die Doku "ARD History: Die Freiheit, die Stasi und der Tod" beleuchtet den Fall, die DDR und die Funktionsweise der Stasi.
Vor 45 Jahren endete ein junges Leben in der DDR auf mysteriöse Weise: Im Frühjahr 1981 stirbt der 23-jährige Matthias Domaschk in einem Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Gera. Bis heute sind die Umstände seines Todes ungeklärt. Während die DDR-Führung von einem Suizid spricht und den Vorfall zu verschleiern versucht, stellen Familie und Freundeskreis die offzielle Darstellung in Frage. Was passierte tatsächlich in jener folgenreichen Aprilnacht? Die "ARD History"-Doku "Die Freiheit, die Stasi und der Tod" lässt den Fall nun anlässlich des 9. Novembers ausführlich Revue passieren.
Sabine Michel und Sonia Otto erzählen in ihrem Film, wie "Das kurze Leben des Matthias Domaschk", so der Untertitel, auf so tragische wie brutale Art zu Ende ging. Sie rekapitulieren jenen schicksalshaften 10. April 1981, ein Freitag, an dem der junge Mann aus dem thüringischen Jena gemeinsam mit seinem Kumpel Peter Rösch in einem Zug nach Ost-Berlin sitzt. In der Hauptstadt der DDR wollen sie zu einer Geburtstagsfeier bei Freunden - doch ankommen werden sie dort nie. Nur zwei Tage später wird Matthias Domaschk, ein junger Vater und unangepasster Kritiker der Verhältnisse, tot im Stasi-Knast gefunden. Mit einem Hemd soll er sich erhängt haben, doch die Selbstmord-Theorie erscheint seinen Vertrauten nicht richtig.
"Ich will verstehen, was passiert ist", sagt seine 1979 geborene Tochter Julia Deane, eine der zahlreichen Interviewten im Film: "Und ich will auch verstehen, was war das für eine Gesellschaft, die das so hat geschehen lassen oder die dazu beigetragen hat." Anhand der Gespräche mit Zeitzeugen, Familie und Freunden, aber auch mit Expertinnen, Ex-Oppositionellen und ehemaligen Stasi-Mitarbeitern versucht sich die 90-minütige Doku der Wahrheit zu nähern. Persönliche Dokumente, seltene Archivaufnahmen und animierte Szenen lassen nicht nur die dramatische Geschichte und den "Cold Case" eines jungen Mannes aufleben, sondern betten diese in einen historischen Zusammenhang über die 70er- und 80er-Jahre in der DDR und die Funktionsweise des Stasi-Apparates ein.
"Wir haben nicht Nichts gemacht"
Matthias Domaschk, geboren 1957, gehört zu einer Gruppe junger Menschen in der DDR, die schon früh mit dem SED-Regime hadern. Nicht jedoch mit der sozialistischen Idee als solcher - es geht ihnen um einen Sozialismus mit mehr Freiheit. Um Reisen, Rockmusik, Meinungsfreiheit, um ein anderes Leben als das ihrer Eltern. "Diese Anpassung, die man in der DDR haben musste, um eben in bestimmten Positionen zu sein, da hat mein Bruder gesagt, das mach ich nicht mit, so verbiege ich mich nicht. Diese Doppelzüngigkeit, die will ich nicht", so drückt es im Film Stefanie Domaschk aus, seine Schwester.
Die Stasi nimmt Domaschk und seine Freunde ins Visier, doch die Gewalt des Staates führt zu noch mehr Widerständigkeit: 1976 setzten sie ihre Namen unter den Künstler-Appell gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, eine entscheidende Zäsur in der Geschichte der DDR-Oppostion. "Matthias war sofort dafür, gegen die Biermann-Ausbürgerung zu unterschreiben und hat dann auch gesagt, wenn unser Kind mal fragt, was habt ihr denn gemacht? Dann können wir ihm in die Augen gucken und sagen, wir haben uns gewehrt, so gut wir konnten", erinnert sich Domaschks damalige Freundin Renate Ellmenreich, die auch die Mutter seiner Tochter ist: "Wir haben nicht nichts gemacht."
Gemeinsam entstehen Kontakte zur Opposition in den sozialistischen Nachbarstaaten, zu den Bewegungen in Polen und der Tschechoslowakei. Und die Stasi ist immer dabei: "Man hat diese Leute als Dekadente aufgefasst, die möglicherweise dazu neigen könnten, in der DDR eine Opposition aufzubauen", erklärt der damalige Hauptamtliche Mitarbeiter des MfS Bernd Roth: "Wenn du dafür warst, warst du auf der richtigen Seite. Wenn du dagegen warst, warst du auf der falschen Seite."
Dass er angeblich auf der falschen Seite stand, wurde Matthias Domaschk wahrscheinlich zum Verhängnis. Was führte zum 12. April 1981, dem Tag seines Todes? Wie verfolgte die Stasi ihn? Wie genau liefen die zwei Tage im Geraer Gefängnis ab? Warum wird die Suizid-These stark angezweifelt? Und was kann man aus dem Fall für die heutige Zeit lernen?