Ein lebendiger Toter

2 Min
Tatort: Vergebung
Gerichtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann, Mitte) spielt im "Tatort: Vergebung" (2023) aus Stuttgart eine Hauptrolle. Als er Informationen über einen Toten auf seinem Tisch verschweigt - einem Jugendfreund - werden die Kommissare Bootz (Felix Klare, links) und Lannert (Richy Müller) misstrauisch.
SWR/Patricia Neligan
Tatort: Vergebung
Gerichtsmediziner Dr. Vogt (Jürgen Hartmann, links) wirkt irritiert beim Untersuchen einer Leiche, die in Stuttgart aus dem Wasser gefischt wird. Sebastian Bootz (Felix Klare, Mitte) und Thorsten Lannert (Richy Müller) müssen herausfinden, ob der schwerkranke Mann Selbstmord beging oder ob ein Verbrechen vorliegt.
SWR/Patricia Neligan
Tatort: Vergebung
Gerichtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) besucht Sandra Döbele (Ulrike C. Tscharre), die Frau des Toten. Man kennt sich aus gemeinsamen Jugendtagen.
SWR/Benoît Linder
Tatort: Vergebung
Der "Tatort: Vergebung" spielt auf zwei Zeitebenen. Immer wieder gibt es Rückblenden in die 80-er und in die Jugend des Opfers wie auch die von Gerichtsmediziner Vogt. Dabei steht die Freundschaft dreier Jungs im Mittelpunkt, von links: Mathias (Xari Wimbauer), Jonas (Jakob Rottmaier) und Daniel (Immanuel Krehl).
SWR/Patricia Neligan
Tatort: Vergebung
Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) wird im "Tatort: Vergebung" mit schmerzlichen Erinnerungen aus seiner Jugend konfrontiert.
SWR/Benoît Linder
Tatort: Vergebung
Kann man die Zweifel aneinander bei einem Feierabendbier klären? Sebastian Bootz (Felix Klare, links) und Thorsten Lannert (Richy Müller, rechts) unterhalten sich mit dem Gerichtsmedizin-Kollegen Vogt (Jürgen Hartmann), der sich in letzter Zeit seltsam verhält - was mit der Leiche auf seinem Tisch zu tun hat.
SWR/Benoît Linder
Tatort: Vergebung
Sandra Döbele (Ulrike C. Tscharre) und Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) schwelgen in Erinnerungen an ihre Jugend.
SWR/Benoît Linder
Tatort: Vergebung
Daniel Vogt (Jürgen Hartmann, rechts) trifft mit Hans Letkowski (Paul Faßnacht) noch jemand aus seiner Jugend wieder.
SWR/Christian Koch
Tatort: Vergebung
Die Ermittler Sebastian Bootz (Felix Klare, links) und Thorsten Lannert (Richy Müller, zweiter von links) haben sich Witwe Sandra Döbele (Ulrike C. Tscharre) eingeladen - und Gerichtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) als Überraschungsgast mitgebracht.
SWR/Patricia Neligan
Tatort: Vergebung
Sebastian Bootz (Felix Klare, links) und Thorsten Lannert (Richy Müller) wissen nicht, ob sie ihrem langjährigen Kollegen Vogt aus der Gerichtsmedizin noch vertrauen können.
SWR/Patricia Neligan

Gerichtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) obduziert eine Leiche, die sich als enger Jugendfreund entpuppt. Doch warum hält er Informationen vor den Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) geheim? Der Stuttgarter "Tatort: Vergebung" (2023) am Pfingstmontag taucht tief in die Jugend der Figuren ein.

Es ist manchmal ein hartes Los, das die "Tatort"-Ermittler der "zweiten Reihe" fristen. Gemeint sind damit Assistenten oder auch Gerichtsmediziner wie der schwäbelnde Lulatsch Daniel Vogt (Jürgen Hartmann), die hinter Chef-Ermittlern und Episoden-Hauptfiguren meist nur wenige Sätze und Szenen zum Film beitragen dürfen. Im Stuttgarter "Tatort: Vergebung" vom November 2023 ist dies anders, was damit zu tun haben dürfte, dass Schauspieler Jürgen Hartmann, der den Gerichtsmediziner seit 2008 verkörpert, die Idee für den Fall hatte.

Eine Männerleiche wird aus dem Neckar gefischt. Dr. Daniel Vogt zeigt sich von ihr seltsam berührt. Es handelt sich um seinen Jugendfreund Mathias Döbele (Volker Muthmann), zu dem der Mediziner schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Döbele, der einen Handwerksbetrieb in jener schwäbischen Gemeinde besaß, in der auch Vogt aufwuchs, starb durch Ertrinken. Aber ging er freiwillig ins Wasser, was Recherchen zu Döbeles Lebenssituation nahelegen könnten? Oder hat beim Tod jemand nachgeholfen?

Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) bekommen am Anfang gar nicht mit, dass ihnen der Kollege Vogt Informationen vorenthält. Offenbar bearbeitet der Gerichtsmediziner hinter den Kulissen so ein bisschen seinen eigenen Fall. Er führt ihn in seine alte Heimatgemeinde und zu den älter gewordenen Protagonisten von damals zurück, zu denen auch Mathias' Witwe Sandra (Ulrike C. Tscharre) gehört. Immer wieder springt die Handlung dabei zurück in die 80er-Jahre. Eine Zeit, in der Mathias (jung: Xari Wimbauer) und Daniel (jung: Immanuel Krehl) viel Zeit mit ihrem gemeinsamen Freund Jonas (Jakob Rottmaier) verbrachten. Und auch Mathias' spätere Ehefrau Sandra, die nun mit Sohn Thomas (Tim Bülow) allein zurückbleibt, spielte damals schon eine Rolle.

Ach, wie die Zeit und der menschliche Körper vergehen ...

Regelmäßige "Tatort"-Zuschauer wird der Stuttgarter Fall an zwei andere Vergangenheits-Trips von Ermittlern erinnern, die wenige Monate vor diesem Krimi vom November 2023 zu sehen waren: Franken-Kommissar Fabian Hinrichs verlor sich in der Folge "Hochamt für Toni" (Juni 2023) ebenso in Jugenderinnerungen wie auch Mark Waschke in seinem bärenstarken Solostück "Das Opfer" (Dezember 2022). Beide Filme inszenierten die Vergangenheit mit jungen Darstellern nach und etablierten so eine zweite Zeitebene. Auch "Vergebung" lebt ein Stück weit von diesem Nostalgie-Move.

Drehbuchautor und Regisseur Rudi Gaul, der mit seiner Schreibpartnerin Katharina Adler schon für die starke Stuttgarter Folge "Videobeweis" (Januar 2022) verantwortlich zeichnet, beginnt seinen Film mit emotionsstarken Bildern eines toten Körpers. Daniel Vogt, der sonst so trockene Mediziner-Schwabe, erschaudert innerlich, als er seinen alten Freund auf dem Arbeitstisch hat und an ihm alte Narben und andere Erkennungsmerkmale findet, die er noch von früher aus gemeinsamen Tagen am Badesteg kannte. Ach, wie die Zeit vergeht! Und wie vergänglich nicht nur sie, sondern auch der menschliche Körper ist. Es sind Szenen und Gedanken wie diese, die zu den stärksten des im Sommer spielenden Schwaben-Krimis zählen.

Zurück in die 80-er: Ein Krimi über Lebensbilanzen

Doch so vollends wollten sich die Kreativen wohl doch nicht auf die Nostalgieschiene einlassen. Auch profane Gegenwarts-Verdächtigungen der diesmal eher im Hintergrund agierenden Lannert und Bootz in Richtung Witwe und auch Daniel Vogt spielen eine Rolle. Als die Kommissare verstehen, dass ihnen ihr Kollege von der Rechtsmedizin immer nur jene Information preisgibt, die sich sowieso nicht mehr verheimlichen lassen, sind die Ermittler doch ziemlich irritiert. Was weiß man wirklich vom alleinstehenden Kollegen, mit dem man schon so lange zusammenarbeitet? Und welche Beziehung hat "Dani" Vogt, wie man ihn früher nannte, zur Witwe seines alten Freundes, die von der gebürtigen Schwäbin Ulrike C. Tscharre wie immer authentisch und sehr überzeugend verkörpert wird?

Tatort: Vergebung - Mo. 25.05. - ARD: 20.15 Uhr

Quelle: teleschau – der mediendienst