«Salon Harry» macht dicht: Hier wurden Beatles zu Pilzköpfen

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Friseurladen auf St. Pauli schließt nach 120 Jahren
Franz Stenzel und Ute Bickeleit stehen vor dem «Spezial Herren-Friseur». Schon 1906 gab es in der Davidstraße 23 einen Friseursalon.
Friseurladen auf St. Pauli schließt nach 120 Jahren
Christian Charisius/dpa
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Der Star-Club-Gründer Horst Fascher brachte die Beatles in den «Salon Harry».
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Für Franz Stenzel ein festes Ritual: Touristen auf Stadtrundfahrt zuzuwinken.
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In diesem Stuhl saßen Anfang der 1960er Jahre die Beatles.
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Friseurmeister Franz Stenzel will in Zukunft nur noch seinen Hund und den Rasen schneiden.
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Beatles, Rotlichtgrößen und Kiez-Killer: Im Hamburger «Salon Harry» wurden Legenden gestylt und Geschichte gemacht. Doch nach 120 Jahren ist Schluss mit dem Friseurladen auf St. Pauli.

Die Beatles sind dagewesen und hier zu ihren Pilzköpfen gekommen, ebenso Prominenz aus Showbiz und Rotlicht und jede Menge treue Stammkunden aus aller Welt. Doch schon seit ein paar Tagen werden im «Salon Harry» in der Davidstraße auf St. Pauli keine Haare mehr geschnitten. 

Seit 1906 habe es in dem Haus Nummer 23 - gegenüber der berühmten Davidwache - immer einen Friseursalon gegeben, sagen Franz Stenzel (81) und Ute Bickeleit (63). Nun ist Schluss. «Vor drei Wochen haben wir die Entscheidung getroffen, den Laden endgültig zuzumachen.» 

Aus nach Jahrzehnten auf dem Kiez: «Wir haben viel geweint» 

Seit den 1980er Jahren arbeiteten die beiden bei dem «Spezial Herren-Friseur», wie es auf dem grünen Baldachin über dem Schaufenster in goldenen Lettern geschrieben steht. Erst angestellt bei Harry, dann als Eigentümer. Ende des Monats muss der Laden leer sein. «Wir haben viel geweint», sagt Bickeleit. «Auch viele Kunden haben geweint.» 

Am Wochenende kommen die Männer für das Grobe: die schweren Friseursessel mit ihren dunklen Lederpolstern, die vor der Mahagoniwand mit den Spiegeln, den grünen Marmortischplatten und den Glaskugelleuchten mit ihren Messinghaltern stehen - alles muss raus und rückgebaut werden. «Das geht alles in die Mülle», sagt Bickeleit ein wenig wehmütig.

«Wir hätten es gern an einen Nachfolger übergeben», sagt Stenzel, der Anfang der 1980er aus Danzig über Bonn - wo er im Bundeshaus schon so manchem Politiker die Haare schnitt - nach Hamburg kam, «weil ich die Abfahrt Richtung Kiel verpasst habe». Denn dort habe es ihn eigentlich hingezogen, «weil ich dachte, dass es so wie Danzig ist». 

Als er aber durch Hamburg gefahren sei und gesehen habe, «wie schön die Stadt ist», sei er geblieben - «zum Glück». Bei Harry habe er schnell einen Job gefunden. Und mit Bickeleit, die ein paar Jahre später mit Anfang 20 zu Harry kam, eine neue Liebe. Die gemeinsame Tochter ist längst erwachsen. 

Eine Nachfolgelösung für den Salon sei nicht möglich gewesen. «Wir hatten schon seit längerer Zeit keinen Mietvertrag mehr», sagt Bickeleit. Dennoch habe man sich immer wieder mit dem Vermieter auf eine Verlängerung geeinigt, doch nun sei plötzlich Schluss gewesen. «Zu plötzlich, wir hätten uns gern noch richtig von unseren Kunden verabschiedet.»

Hier wurden die Beatles zu Pilzköpfen 

Nicht alles im Laden sei ein Fall für die «Mülle». Die mit blauem Leder gepolsterten Friseursessel im Keller auf keinen Fall: «Hier haben die Beatles drauf gesessen», sagt Stenzel stolz und klappt ein Sitzpolster hoch. 

Unter einer Plastikfolie steht in etwas krakeliger Handschrift: «Hier saßen die Beatles & ich schon Ende 1961 zum Beatles Haarschnitt nachdem Astrid den ersten Schnitt versaut hatte.» Unterschrieben hat die Nachricht Horst Fascher - Musikpromoter und Mitgründer des legendären Star-Clubs in der Großen Freiheit, wohin er damals auch die Beatles geholt hatte.

Harry habe ihm die Geschichte so erzählt, klärt Stenzel auf: «Astrid Kirchherr war eine junge Fotografin, die ein bisschen mit den Beatles befreundet war.» Für ein Fotoshooting habe sie die Jungs aus Liverpool zu sich nach Hause eingeladen. «Und die sind gekommen. Aber die hatten alle noch so eine Elvis-Tolle». 

Das habe Astrid nicht gefallen, weshalb sie kurzerhand selbst zur Schere gegriffen habe. Herausgekommen seien Pilzkopfhaarschnitte, «aber ein bisschen schief und krumm». Als Fascher das gesehen habe, habe er die Beatles zum Friseur seines Vertrauens gebracht - zu Harry. Der habe es gerichtet.

Rotlichtgrößen und Kiez-Killer saßen im Salon Harry

Nicht nur die original Beatles-Friseursessel, die 1974 der neuen Mahagoni-Einrichtung weichen mussten und seither im Keller stehen, auch andere Beatles-Devotionalien wie Schallplatten und Fotos der Pilzköpfe zieren noch den schon halb leer geräumten Laden. Ebenso ein Bild von Freddy Quinn, der auch mal vorbeigeschaut und «Guten Tag» gesagt habe, sagt Bickeleit. «Viele Promis sind ja auch nebenan im St. Pauli Theater aufgetreten.»

Von morgens um 8.00 bis 22.00 Uhr sei der Laden geöffnet gewesen. Morgens seien die Arbeiter nach der Schicht aus dem Fischereihafen gekommen, später viele Rotlichtgrößen - «teilweise sogar zweimal am Tag», erinnert sich Bickeleit. Die Frisuren der Zuhälter hätten viel Pflege gebraucht. «Wenn Sie diese langen Haare haben, das können Sie nicht alleine, wenn Sie richtig gut aussehen wollen. Und das ist doch das Hauptthema bei einem Mann aus dem Milieu: gut auszusehen.» 

Kiezgrößen wie «Dakota Uwe» oder «Wiener Peter» seien regelmäßig zu Harry gekommen. Auch der berüchtigte Auftragsmörder Werner «Mucki» Pinzner, erinnert sich Stenzel, «Ich weiß noch, wie er hier im Laden saß mit seinem Pitbull.» Auch «Wiener-Peter» sei dabei gewesen. «Und am nächsten Tag haben wir erfahren, dass sie festgenommen worden sind», sagt er.

Der Rest ist Geschichte: 1986 erschoss Pinzner bei einer Vernehmung im Hamburger Polizeipräsidium den ermittelnden Oberstaatsanwalt, seine Frau - die ihm die Waffe zugesteckt hatte - und sich selbst. Ein gutes Dutzend Morde werden dem Kiez-Killer zugeschrieben. 

Auch der Serienmörder Fritz Honka, der sich in den 1970er Jahren seine weiblichen Opfer im Trinkermilieu der Kiez-Kneipe «Zum Goldenen Handschuh» suchte, soll sich bei Harry die Haare haben machen lassen - allerdings vor seiner Zeit, wie Stenzel berichtet. 

Künftig werden nur noch Hund und Rasen geschnitten

Der 81-Jährige trägt einen weißen Schnauzer mit gezwirbelten Spitzen auf seiner Oberlippe; auf der Nase das goldene Drahtgestell seiner Brille. Plötzlich dreht er sich um und geht zum Schaufenster. 

An den goldenen Vorhängen bleibt er stehen und schaut hinaus. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn der Davidstraße hält ein roter Sightseeing-Doppeldeckerbus auf dem Kopfsteinpflaster. Die Touristen schauen hinaus zum Laden und winken. Stenzel steht da, hebt seinen Arm und winkt zurück. «Das macht er immer - achtmal am Tag», erklärt Bickeleit. 

Wie es nun mit den beiden weitergeht? «Wir machen uns ein schönes Leben», sagen sie und lächeln. «Wir werden nur noch unseren Hund schneiden - und den Rasen.»