Hier wurden die Beatles zu Pilzköpfen
Nicht alles im Laden sei ein Fall für die «Mülle». Die mit blauem Leder gepolsterten Friseursessel im Keller auf keinen Fall: «Hier haben die Beatles drauf gesessen», sagt Stenzel stolz und klappt ein Sitzpolster hoch.
Unter einer Plastikfolie steht in etwas krakeliger Handschrift: «Hier saßen die Beatles & ich schon Ende 1961 zum Beatles Haarschnitt nachdem Astrid den ersten Schnitt versaut hatte.» Unterschrieben hat die Nachricht Horst Fascher - Musikpromoter und Mitgründer des legendären Star-Clubs in der Großen Freiheit, wohin er damals auch die Beatles geholt hatte.
Harry habe ihm die Geschichte so erzählt, klärt Stenzel auf: «Astrid Kirchherr war eine junge Fotografin, die ein bisschen mit den Beatles befreundet war.» Für ein Fotoshooting habe sie die Jungs aus Liverpool zu sich nach Hause eingeladen. «Und die sind gekommen. Aber die hatten alle noch so eine Elvis-Tolle».
Das habe Astrid nicht gefallen, weshalb sie kurzerhand selbst zur Schere gegriffen habe. Herausgekommen seien Pilzkopfhaarschnitte, «aber ein bisschen schief und krumm». Als Fascher das gesehen habe, habe er die Beatles zum Friseur seines Vertrauens gebracht - zu Harry. Der habe es gerichtet.
Rotlichtgrößen und Kiez-Killer saßen im Salon Harry
Nicht nur die original Beatles-Friseursessel, die 1974 der neuen Mahagoni-Einrichtung weichen mussten und seither im Keller stehen, auch andere Beatles-Devotionalien wie Schallplatten und Fotos der Pilzköpfe zieren noch den schon halb leer geräumten Laden. Ebenso ein Bild von Freddy Quinn, der auch mal vorbeigeschaut und «Guten Tag» gesagt habe, sagt Bickeleit. «Viele Promis sind ja auch nebenan im St. Pauli Theater aufgetreten.»
Von morgens um 8.00 bis 22.00 Uhr sei der Laden geöffnet gewesen. Morgens seien die Arbeiter nach der Schicht aus dem Fischereihafen gekommen, später viele Rotlichtgrößen - «teilweise sogar zweimal am Tag», erinnert sich Bickeleit. Die Frisuren der Zuhälter hätten viel Pflege gebraucht. «Wenn Sie diese langen Haare haben, das können Sie nicht alleine, wenn Sie richtig gut aussehen wollen. Und das ist doch das Hauptthema bei einem Mann aus dem Milieu: gut auszusehen.»
Kiezgrößen wie «Dakota Uwe» oder «Wiener Peter» seien regelmäßig zu Harry gekommen. Auch der berüchtigte Auftragsmörder Werner «Mucki» Pinzner, erinnert sich Stenzel, «Ich weiß noch, wie er hier im Laden saß mit seinem Pitbull.» Auch «Wiener-Peter» sei dabei gewesen. «Und am nächsten Tag haben wir erfahren, dass sie festgenommen worden sind», sagt er.
Der Rest ist Geschichte: 1986 erschoss Pinzner bei einer Vernehmung im Hamburger Polizeipräsidium den ermittelnden Oberstaatsanwalt, seine Frau - die ihm die Waffe zugesteckt hatte - und sich selbst. Ein gutes Dutzend Morde werden dem Kiez-Killer zugeschrieben.
Auch der Serienmörder Fritz Honka, der sich in den 1970er Jahren seine weiblichen Opfer im Trinkermilieu der Kiez-Kneipe «Zum Goldenen Handschuh» suchte, soll sich bei Harry die Haare haben machen lassen - allerdings vor seiner Zeit, wie Stenzel berichtet.
Künftig werden nur noch Hund und Rasen geschnitten
Der 81-Jährige trägt einen weißen Schnauzer mit gezwirbelten Spitzen auf seiner Oberlippe; auf der Nase das goldene Drahtgestell seiner Brille. Plötzlich dreht er sich um und geht zum Schaufenster.
An den goldenen Vorhängen bleibt er stehen und schaut hinaus. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn der Davidstraße hält ein roter Sightseeing-Doppeldeckerbus auf dem Kopfsteinpflaster. Die Touristen schauen hinaus zum Laden und winken. Stenzel steht da, hebt seinen Arm und winkt zurück. «Das macht er immer - achtmal am Tag», erklärt Bickeleit.
Wie es nun mit den beiden weitergeht? «Wir machen uns ein schönes Leben», sagen sie und lächeln. «Wir werden nur noch unseren Hund schneiden - und den Rasen.»