Wenn der Körper zum Datenfeld wird
Doch Foucaults Blick endete nicht bei der Überwachung. Mit seinem Konzept der Biopolitik beschrieb er eine moderne Form von Macht, die sich nicht nur durch Verbote und Gesetze ausübt, sondern sich dem Leben selbst zuwendet: Körpern, Gesundheit, Sexualität, Fortpflanzung und der Bevölkerung.
Heute tragen wir diese Logik am Handgelenk oder in der Hosentasche: Wir zählen Schritte, messen Schlaf, überwachen den Puls und dokumentieren den Zyklus. Menstruations- und Fertilitäts-Apps machen aus körperlichen Vorgängen Daten und erzeugen daraus neue Formen von Wissen über den eigenen Körper. Forscherinnen untersuchen deshalb auch, wie solche Anwendungen Vorstellungen von Normalität und Gesundheit mitprägen können.
Die Medienwissenschaftlerin Btihaj Ajana spricht in einer Studie über digitale Gesellschaft von einer «Biopolitik des Selbst», bei der der Körper zum Gegenstand von Messung, Überwachung und Selbststeuerung wird.
Wer entscheidet, was normal ist?
In «Wahnsinn und Gesellschaft» beschäftigte sich Foucault mit der Geschichte des Umgangs mit psychisch kranken Menschen. Er zeigte, dass die Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn nicht unveränderlich sind, sondern von ihrer jeweiligen Zeit und ihren Institutionen geprägt werden. Was als «normal» gilt, ist demnach nicht einfach gegeben, sondern wird gesellschaftlich bestimmt.
Dahinter stand für Foucault eine Frage, die weit über die Psychiatrie hinausweist: Wer entscheidet eigentlich, was als normal gilt?
Mut zur Wahrheit
Für den Soziologen Didier Fassin liegt Foucaults bleibende Bedeutung weniger in einzelnen Begriffen als in seiner Methode. In einem Interview mit «Radio France» betont Fassin die Fähigkeit, Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen, die eigene Position zu überprüfen und das eigene Denken weiterzuentwickeln.
Foucaults «Mut zur Wahrheit», so Fassin, meint mehr, als die Wahrheit auszusprechen: Es geht darum, für das Gesagte ein Risiko einzugehen. In einer Zeit der Gewissheiten und Polarisierung wirkt diese Haltung erstaunlich gegenwärtig.
Er schwieriges Erbe
Zu seinem 100. Geburtstag wird Foucault aber nicht nur für seine Analyse von Macht und gesellschaftlichen Normen gewürdigt, sondern auch kritisch neu gelesen. 2021 erhob der Essayist Guy Sorman Vorwürfe, Foucault habe während seines Aufenthalts in Tunesien Ende der 1960er Jahre sexuelle Kontakte zu Minderjährigen gehabt.
Die Vorwürfe sind nicht juristisch belegt. Zugleich wird Foucaults Eintreten für eine Abschaffung von Altersgrenzen bei der sexuellen Selbstbestimmung in den 1970er Jahren heute vor dem Hintergrund der Debatten über Missbrauch, Einwilligung und Machtverhältnisse neu bewertet. Auch hier zeigt sich, wie sehr sich die Maßstäbe verändert haben, mit denen Foucaults Denken gelesen wird.