Am Sonntag wird ein neuer Bundespräsident gewählt. Im Berliner Reichstagsgebäude kommen am Mittag die 1260 Mitglieder der Bundesversammlung zusammen. Zuvor wird es eine ökumenische Andacht in der St. Hedwigs-Kathedrale geben. Aussichtsreichster Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl ist der 61-jährige Frank-Walter Steinmeier (SPD), der bis vor kurzem Außenminister war. Seine Wahl gilt als sicher. Er wurde gemeinsam von der großen Koalition nominiert.


Wer sind die Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl?

Neben Frank-Walter Steinmeier treten vier weiter Kandidaten an. Die Linke hat den Armutsforscher Christoph Butterwegge (66) nominiert. Für die AfD kandidiert der Vize-Bundesvorsitzende der Partei, Albrecht Glaser (75) und für die Freien Wähler der Richter Alexander Hold (54). Als fünfter Kandidat geht Engelbert Sonneborn (78) ins Rennen, Vater von "Die Partei"-Mitgründer Martin Sonneborn, der von den Piraten in Nordrhein-Westfalen in die Bundesversammlung entsandt wurde.


Was ist die Bundesversammlung?

Einziger Zweck der Bundesversammlung ist die Wahl des deutschen Staatsoberhaupts. Sie setzt sich aus den 630 Bundestagsabgeordneten und ebenso vielen Mitgliedern zusammen, die von den Länderparlamenten entsandt wurden.


Wie wird der Bundespräsident gewählt?

Für die Wahl zum Bundespräsidenten braucht ein Kandidat im ersten und - wenn nötig - zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen. Im dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit der Stimmen der Mitglieder der Bundesversammlung.
Ein Bundespräsident wird alle fünf Jahre gewählt. Er muss Deutscher und mindestens 40 Jahre alt sein. Amtsinhaber Joachim Gauck kandidiert aus Altersgründen nicht für eine zweite Amtszeit. Die offizielle Amtsübergabe ist am 18. März.


Warum sind Prominente in der Bundesversammlung?

Neben den 630 Bundestagsabgeordneten bestimmen am 12. Februar in der Bundesversammlung genauso viele Wahlleute aus den Ländern den Nachfolger von Bundespräsident Joachim Gauck. Die Bundesländer können zusätzlich auch Menschen aus anderen Bereichen als der Politik bestimmen, etwa Prominente. Hier einige Beispiele: 

Carolin Kebekus (für die Grünen in Nordrhein-Westfalen)
Hape Kerkeling (CDU/NRW)
Volker Pispers (Piraten/NRW)
Julien Bam, Youtuber und Webproduzent (SPD/NRW)
Stefanie Kloß, Sängerin der Band Silbermond (SPD/Sachsen)
Peter Maffay (SPD/Saarland)
Veronica Ferres (CDU/NRW)
Joachim Löw, Trainer der Fußball-Nationalmannschaft (Grüne/Baden-Württemberg)
Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (SPD/NRW)
Olivia Jones, Travestiekünstlerin (Grüne/Niedersachsen)


Wie sind die Stimmenverhältnisse in der Bundesversammlung?

Bei der Bundesversammlung am 12. Februar ist der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier der aussichtsreichste Bewerber für das Amt des Bundespräsidenten. Die Wahl des gemeinsamen Kandidaten von Union und SPD gilt als sicher. Denn die Regierungskoalition verfügt über weit mehr als die in den ersten beiden Wahlgängen nötigen 631 Stimmen.

Nach derzeitigem Stand entfallen auf die Union 539 Wahlleute, die SPD entsendet 384. Der drittgrößte Block sind die Grünen mit 147 Delegierten von Bundestag und Ländern, gefolgt von den Linken mit 95. Die nicht im Bundestag vertretene FDP kommt auf 36 nur von den Ländern entsandte Wahlleute, die AfD auf 35, die Piraten auf 11, die Freien Wähler aus Bayern auf 10.

Nur jeweils einen Vertreter haben der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) und die Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegung/Freie Wähler (BVB/FW). Die im Januar 2017 aus der CDU ausgetretene Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach nimmt als Fraktionslose an der Wahl teil.


Warum wird der Bundespräsident nicht direkt gewählt?

Die vergleichsweise schwache Machtstellung des Bundespräsidenten ist eine Konsequenz aus der Weimarer Republik. Die Schöpfer des Grundgesetzes wollten so die Fehler der gescheiterten ersten deutschen Demokratie vermeiden. Deshalb wird das Staatsoberhaupt auch nicht wie in der Weimarer Republik direkt vom Volk gewählt und kann nicht per Notverordnung regieren. Damals ernannte auch der direkt gewählte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen plädiert einer Umfrage zufolge für eine Direktwahl des Bundespräsidenten. Wenige Tage vor der Wahl des neuen Staatsoberhaupts in der Bundesversammlung erklärten 71 Prozent der Befragten, sie würden eine Wahl durch das Volk befürworten. Nur 16 Prozent sind dagegen, 13 Prozent haben keine Meinung dazu, wie aus der repräsentativen Befragung des Instituts YouGov hervorgeht.

In der Umfrage sprechen sich 37 Prozent für mehr Macht des Bundespräsidenten aus. 50 Prozent sind dagegen. 60 Prozent sagen, ein Bundespräsident solle bei Amtsantritt mindesten 45 Jahre alt sein. Derzeit gilt eine Altersgrenze von 40 Jahren. 18 Prozent erwarten, dass der voraussichtliche Gauck-Nachfolger Frank-Walter Steinmeier ein besserer Bundespräsident als sein Vorgänger wird, 20 Prozent sehen es umgekehrt. 36 Prozent erwarten keinen Unterschied.


Welche Aufgaben hat der Bundespräsident?

Der Bundespräsident ist das Oberhaupt des deutschen Staates. Das ist das höchste politische Amt, das es in Deutschland gibt. Der Bundespräsident hat vor allem repräsentative Aufgaben und keine echte politische Macht. Er ernennt zwar auf Vorschlag des Bundeskanzlers oder der Bundeskanzlerin die Minister, kann aber lediglich Bedenken gegen sie geltend machen. Zudem prüft er Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit und kann sie im Zweifelsfall stoppen, was bereits vorgekommen ist. Auch bei einer Regierungskrise ist das Staatsoberhaupt gefragt: Verliert ein Kanzler eine Vertrauensabstimmung, kann der Bundespräsident auf Antrag des Regierungschefs den Bundestag auflösen und Neuwahlen einleiten. Das gab es schon drei Mal.

Das Amt wird stark von der Persönlichkeit des Amtsinhabers geprägt. Bislang hatten elf Männer das höchste Staatsamt inne, Frauen blieb es bisher versagt. Auch wenn die Wahl des Staatsoberhaupts stets vom politischen Kalkül der Parteien bestimmt ist, haben alle bisherigen Amtsinhaber das Amt überparteilich ausgeübt. dpa/epd