Nächte voller Panik und Alpträume: Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden oft unter extremen Schlafstörungen. Ein Medikament speziell dagegen gibt nicht – zumindest bisher.
Nach traumatischen Erfahrungen wie Gewalttaten, sexuellen Übergriffen oder Kriegserfahrungen können Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Die Erkrankung zwingt Betroffene dazu, das Erlebte im Schlaf immer wieder zu durchleben – so eindringlich, als geschehe es erneut. Einer aktuellen Studie zufolge könnte ihnen ein Cannabis-Wirkstoff dabei helfen, wieder besser zu schlafen.
Die Untersuchungen wurden an der Berliner Charité initiiert und federführend durchgeführt. Stefan Röpke, der an der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Traumafolgestörungen erforscht, nutzte für die Studie zusammen mit seinem Team sowie Partnern einen zentralen Wirkstoff der Hanfpflanze, nämlich Tetrahydrocannabinol, kurz THC.
Teilweise gar keine Alpträume mehr
Das Ergebnis der Studie mit 171 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist deutlich: Bei mehr als der Hälfte derjenigen, die THC erhielten, zeigte die Behandlung Wirkung, bei über einem Drittel verschwanden die Alpträume während des Studienzeitraums sogar vollständig. Die Befunde wurden im Fachjournal «Nature Medicine» veröffentlicht.
THC ist nicht nur berauschend, sondern den Forschenden zufolge im Körper auch für die Regulation von Schlaf, Stress und die Verarbeitung von emotionalen Erinnerungen mit zuständig. «Es gibt Hinweise darauf, dass THC im REM-Schlaf, den intensiven Traumphasen, in denen das Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Emotionen reguliert, die Traumaktivität abschwächt und damit nächtliche Stressreaktionen mildert», sagt Röpke.
Traumatisierte Menschen greifen oft schon länger zu Cannabis
Wer an einer PTBS erkrankt ist, dessen Gehirn ist nicht in der Lage, extreme Erlebnisse angemessen zu verarbeiten. Traumatische Erinnerungen werden auf eine Weise gespeichert, die dem Betroffenen keine bewusste Kontrolle darüber lässt – sie brechen ungefiltert hervor, tagsüber wie nachts. Im Schlaf mündet das in intensive Alpträume, aus denen Betroffene häufig in Panik erwachen.
Bei der Behandlung einer PTBS kommen laut der Charité bislang vor allem Antidepressiva und Blutdruckmittel zum Einsatz, die jedoch nur begrenzt wirksam sind und speziell gegen die Alpträume kaum helfen. Ein spezifisch zugelassenes Medikament für traumabedingte Alpträume fehlt demnach in Deutschland bis heute.
Die Autorinnen und Autoren der Studie schreiben, dass viele Patientinnen und Patienten mit PTBS schon länger Cannabis konsumieren, als
Selbstmedikation. Dadurch könnten sie eigenen Angaben zufolge Angstgefühle verringern, sich entspannen und den Schlaf verbessern. Dieser oft schon seit Jahrzehnten durchgeführte Privatkonsum brachte die Forschung auf die Idee, die Cannabis-Wirkstoffe systematisch zu untersuchen.