Schwimmlehrer: Kinder in Gaza sollen Kindheit erleben
Im Krieg haben viele Mädchen und Jungen auch Angehörige verloren. Viele Kinder konnten außerdem nicht zur Schule gehen. Schwimmlehrer Tantisch sagt, Ziel des Unterrichts sei es auch, den Kindern ein bisschen Normalität zu schenken. «Die Kinder in Gaza verdienen es, ihre Kindheit zu erleben.»
Mohammed sagt mit Blick auf die Schwimmkurse: «Das Schönste ist es, mit anderen Kindern zusammen zu sein.» Während des Kriegs habe er wenig Zeit für Freunde und Spielen gehabt. Oft habe er stattdessen lange in Warteschlangen für Lebensmittel anstehen müssen, um seine Familie zu unterstützen, berichtet der Elfjährige. Die Bombenangriffe hätten ihm zudem Angst gemacht. Beim Schwimmunterricht fühle er sich nun endlich wieder wie ein ganz normaler Junge.
Mohammed stammt eigentlich aus der Stadt Gaza im Norden des Gebiets, lebt mit seiner Familie inzwischen aber in Deir al-Balah im zentralen Abschnitt des Küstenstreifens. Am Strand denke er nicht darüber nach, wo er und seine Familie morgen leben werden, sagt er. «Ich denke nur ans Schwimmen.»
Kurs-Teilnehmerin: «Wir lernen, spielen und reden miteinander»
Auch Samiha Abu Saliha, die mit ihrer Familie in einem Zelt in Chan Junis lebt, nimmt an dem Schwimmunterricht teil. Zuerst habe sie sich kaum ins Wasser getraut, sagt die Elfjährige. «Aber mit der Zeit habe ich mich sicherer gefühlt und inzwischen freue ich mich immer auf das Training.» Sie vergesse dabei den schweren Alltag. «Wir lernen, spielen und reden miteinander. Das gibt uns das Gefühl, dass unser Leben zumindest für kurze Zeit normal ist.»
Auch wenn sie nach dem Training nach Hause gehe, fühle sie sich entspannter. Samihas Mutter bestätigt das in einem Gespräch mit der dpa. «Sie kommt aufgeregt nach Hause, um uns zu erzählen, was sie gelernt hat, und ich sehe, dass sie glücklicher und energiegeladener ist.» Die Mutter freue besonders, dass ihre Tochter mal über etwas anderes spreche als den Krieg.
Unsicherheit, Vertreibung und die Angst vor Angriffen hätten das Leben des Mädchens in den vergangenen knapp drei Jahren geprägt, sagt Samihas Mutter. «Jetzt denkt sie darüber nach, was sie lernen will und wie sie sich beim Schwimmen verbessern kann und wann sie ihre Freunde wiedertreffen wird.»
Psychologin: Fast alle Kinder hatten im Krieg Todesangst
Auch die Psychologin Rawan Ghijada betont, dass das Schwimmen Kindern helfen könne, Angst und Anspannung abzubauen. Fast alle Kinder hätten im Krieg Todesangst und Alpträume gehabt, sehr viele hätten auch aggressives Verhalten gezeigt. Das Schwimmen helfe ihnen auch dabei, einen Teil ihres Alltags zurückzugewinnen und ihr Selbstvertrauen zu stärken.
Baden bringt Abkühlung - birgt aber auch Gefahr
Der Schwimmunterricht soll laut Tantisch auch Badeunfälle verhindern. Gerade in der aktuellen Sommerhitze bietet das Meer für die Menschen im Gazastreifen oft die einzige Abkühlung.
Vor allem in den Zelten der Binnenvertriebenen wird es mitunter extrem heiß. Beim Baden im Meer ertrinken jedoch immer wieder Menschen, vor allem Nichtschwimmer sind gefährdet.
Mohammed und Samiha wollen weiter schwimmen
Mohammed und Samiha haben zuletzt auch an einer Aktionswoche namens «Swim for Gaza» teilgenommen, die noch bis zum 30. August dauert und mit der weltweit Spenden für den kostenfreien Schwimmunterricht im Gazastreifen gesammelt werden sollen. Die Mädchen und Jungen in dem Palästinensergebiet schwimmen dabei im Meer ganz ohne Becken - und zeigen auf diese Weise, was sie im Unterricht bereits alles gelernt haben. Weltweit sind Menschen dazu aufgerufen, in Solidarität mit den Kindern zu schwimmen und zu spenden.
Samiha sagt, sie wolle so lange weiter am Schwimmunterricht teilnehmen, bis sie noch besser werde. Auch Mohammed möchte unbedingt weiter am Training teilnehmen. Für die Zukunft hat er außerdem einen weiteren Herzenswunsch: «Ich hoffe, dass der Krieg endet und jedes Kind zurück nach Hause kann.»