Bernadeta Lotze beseitigt Blutspuren, Verwesungsrückstände und Müll. Doch was sie bei ihren Einsätzen in fremden Wohnungen besonders beschäftigt, ist etwas anderes: die Einsamkeit vieler Menschen.
Schweigend und mit geübten Handgriffen ziehen sich Bernadeta Lotze und ihr Team die Schutzanzüge und Masken über, bevor sie nacheinander die enge Treppe hinaufsteigen. Im Dachgeschoss des Hauses im Thüringer Wald bahnen sich die vier ihren Weg über Berge aus Verpackungen, verdorbenen Lebensmitteln und Unrat. Routiniert stopfen sie den Müll in große blaue Säcke. In der Luft hängt ein süßlicher Geruch nach Verdorbenem, der selbst durch die Masken wahrnehmbar ist. Auf dem Boden liegen teils verpuppte Maden. «Wir wissen nie, womit wir es zu tun haben», sagt Lotze.
Die 47-Jährige arbeitet als zertifizierte Tatortreinigerin. Ihre Firma im südthüringischen Zella-Mehlis ist auf die Reinigung von Leichenfundorten spezialisiert. Sie beseitigt Blutspuren, Körperflüssigkeiten, Verwesungsrückstände und räumt zugemüllte Wohnungen. Sie wird etwa nach Gewaltverbrechen, Unfällen, Suiziden oder natürlichen Todesfällen beauftragt, um Räume wieder bewohnbar zu machen und diese von Bakterien, Schimmelpilzen, Viren oder Sporen zu befreien.
Eigentlich wollte Lotze zur Polizei. Als es mit diesem Berufswunsch nicht klappte, entschloss sie sich, statt Spuren zu sichern, diese zu beseitigen. «Wenn nach vorn nichts geht, musst du eben nach links oder rechts - irgendwo ist immer eine Tür, die sich öffnet.»
Die letzten Zeugen
Heute beschäftigt die staatlich geprüfte Desinfektorin elf Mitarbeiter im Familienbetrieb, mit dem sie sich vor zwölf Jahren selbstständig machte. Neben Bruder und Schwägerin arbeitet auch ihr ältester Sohn mit. Bei ihren Einsätzen haben sie ein Ritual: Nicht nur aus Respekt vor den Verstorbenen begrüßen Lotze und ihr Team jede Wohnung mit einem «Guten Tag». Tatortreiniger seien die letzten Zeugen, die einen Ort noch einmal so betreten, wie ihn die Verstorbenen hinterlassen haben. «Wir sehen Dinge, die nach uns keiner mehr sieht», sagt Lotze. «Und wir behalten sie für uns.»
Doch nicht nur Diskretion verlangt ihr Job. Er ist gleichermaßen körperlich anstrengend wie emotional fordernd. «Das kann nicht jeder machen», weiß die zierliche, blonde Frau. «Wenn ich Ekel hätte, wäre ich hier falsch», fügt sie in ihrem unverkennbaren polnischen Akzent hinzu. Die Wohnungen, die sie räumt und reinigt, erzählen auch nach dem Tod viel über das Leben.
Spuren eines Alltags
Da ist das Regal, in dem - inmitten des ganzen Chaos und Schmutzes - ordentlich aufgereiht die Putzmittel stehen, die Notiz auf einer schwarzen Magnettafel am Kühlschrank für Kürbissuppe und Erdbeeren oder die auf dem Boden verteilte Wolle. Lotze hebt einen kleinen schwarzen Teddy auf, der mit zahlreichen bunten Stecknadeln gespickt ist. «Wir wissen nicht, welche Bedeutung diese Dinge für die Menschen hatten. Wir bilden uns kein Urteil über sie und bewerten auch nicht ihr Leben.»
Während Lotze sich weiter durch den Müll kämpft, deutet sie auf eine verschmutzte Matratze unter dem Fenster, auf der wochenlang die Leiche einer Frau lag. «So will keiner enden und vergessen werden.» Dass Menschen einsam in ihren vier Wänden sterben und ihr Tod lange unbemerkt bleiben, damit kann sie sich auch nach all den Jahren nicht abfinden. «Daran gewöhne ich mich nie», sagt die zweifache Mutter, die abseits ihres Jobs umso bewusster die Zeit mit ihrer Familie verbringt und zum Abschalten auch gerne mal einen Krimi liest. Und dennoch will sie ihre Arbeit nicht missen. Gerade bei stark zugemüllten Wohnungen entschädige das Ergebnis am Schluss für die Anstrengungen.