Vielleicht ist Berlin an kaum einem Tag so sehr Berlin: Hunderttausende feiern den Christopher Street Day. Doch dann fährt ein Fahrzeug in eine Menge. Der Schock sitzt tief. Die Fragen sind groß.
Es sollte das größte Wochenende in der Geschichte des Berliner Christopher Street Days werden, ein Zeichen für eine offene Gesellschaft in schwierigen Zeiten. Hunderttausende feiern in der Hauptstadt. Doch in die Bilder von Regenbogenflaggen und Glitzer reihen sich plötzlich Fotos von Notarztwagen und Rettungsdecken.
In der Nähe des Potsdamer Platzes fährt ein Fahrzeug gegen 22.00 Uhr am Tiergarten in eine Menschenmenge. Mindestens eine Person kommt ums Leben, etliche weitere Menschen werden teils schwer verletzt.
Noch sind die Hintergründe unklar, die Polizei findet das Fahrzeug nur verlassen vor und sucht nach möglichen Tatverdächtigen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagt, es sei zu früh, um von einem Terrorangriff zu sprechen. Aber er sagt auch etwas, was nicht so klingt, als sei für ihn ein Unfall die wahrscheinlichste Erklärung.
«Es ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft - nach einem friedlichen und bunten CSD wurde die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert», teilt Wegner mit, der am Samstagabend vor Ort ist. «Berlin ist die Stadt der Freiheit - und unsere Freiheit ist heute aufs Schrecklichste angegriffen worden.»
Sarah Connor: «Mir fehlen die Worte»
Der Tiergarten ist Berlins grüne Lunge, ein großer Park, der seit jeher auch ein Treffpunkt für die queere Community ist. Die Demonstration zum CSD führte durch die Stadt zur bekannten Siegessäule. Bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor singt an dem Abend auch Popstar Sarah Connor, kurz darauf wird das Gelände wegen der Lage geräumt.
«Mir fehlen die Worte, ich finde es furchtbar», sagt Connor später in einem Video bei Instagram. Sie drückte den Betroffenen und Angehörigen ihr Beileid aus. Die Schocknachricht von der «Berlin Pride» geht um die Welt, die britische BBC und die «New York Times» berichten.
Die Polizei prüft, ob auch eine Stichwaffe eingesetzt wurde. «Es ist Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab», sagt der Polizeisprecher. Das sind Worte, die technisch klingen, und doch eine große Sprengkraft haben, sollten sie sich bewahrheiten.