Trotzdem ist längst nicht alles so, wie damals zu Omas Zeiten: «Oma möchte eine moderne Oma sein», erzählt Vanessa. Deshalb sind die zwei Heißluftfritteusen treue Helfer in ihrer Küche. Mittlerweile ist Oma Annemarie richtiger Fan: «Hähnchen da drin, oh! Das Hähnchen, das ist ja einmalig», sagt die 79-Jährige. Die Wertschätzung von Essen und Kochen will sie auch auf Social Media zeigen.
Denn Kochen ist für Oma Annemarie mehr als eine veraltete gesellschaftliche Pflicht. Eine Aufgabe zu haben, erfüllt die 79-Jährige. «Ich habe ja Zeit», sagt sie. Vom Einkaufen bis zum Aufräumen der Küche - das macht sie gerne noch selbst, egal ob für Social Media oder nicht.
Von Hate-Kommentaren bis Heiratsantrag
Wurde da zweimal derselbe Löffel zum Abschmecken benutzt? Wieso hat die Schüssel mit dem Brot jetzt eine andere Farbe als in dem Clip davor? Und Soja-Soße gab es doch früher noch gar nicht, so wie das im Video erzählt wird. Den Detektiven in Vanessas und Oma Annemaries Community fällt alles auf. «Die suchen an jedem bisschen was», berichtet Oma Annemarie.
Richtige Hate-Kommentare richten sich aber niemals gegen die 79-Jährige, sondern an Vanessa. Dann wird sie manchmal als «die Faule» beschimpft, die ihrer Oma nicht beim Kochen helfe. Dass Oma Annemarie «Hummeln im Hintern» hat und aus Perfektionismus ihre Enkelin eigentlich lieber gar nicht an die Kochtöpfe lässt, können sie nicht wissen. Manchmal antwortet Vanessa dann ironisch. Wenn das Geschriebene unter die Gürtellinie geht, blockiert sie die Verfasser. Ihrer Oma erzählt sie nichts davon.
Die meiste Zeit steht das Generationen-Duo aber in der Gunst ihrer Followerschaft. «Ich habe auch schon einige Heiratsanträge bekommen, nur weil sie bei Oma essen wollen», erzählt Vanessa. «Ich kriege auch so viele herzergreifende Nachrichten, manche sagen sogar, sie hätten bei den Videos geweint.» Oma Annemarie gibt nicht nur Kochtipps, sondern vielen auch das Gefühl von Geborgenheit.
Die virtuellen Großeltern
«Man kriegt virtuell ein paar Großeltern dazu», sagt Wissenschaftlerin Klimpe. «In einer Gesellschaft, in der sehr viele eben nicht in dieser Dorfstruktur leben, bei der man Eltern oder Großeltern in derselben Stadt hat, bedient das natürlich eine Sehnsucht nach familiärem Zusammenhalt und intergenerationalem Austausch.» Manche aus der Community lernen durch Oma Annemarie aber auch Deutsch, weil sie so langsam und deutlich in den Videos spricht.
Wie lange das Generationen-Duo im Netz noch Kochvideos teilt, hängt ganz von Oma Annemarie ab: «Wenn Oma morgen sagt, sie hat keinen Bock mehr, dann ist das so», sagt Vanessa, «aber die Zeit mit ihr gerade kann mir keiner nehmen».