Berlin
Covid-19

Coronavirus und Intensivstationen: Wie alt sind die Patienten im Durchschnitt?

Die Datenlage bei der Belegung der Intensivstationen mit Corona-Patienten bleibt weiter ein Feld mit vielen Fragen - auch ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie. Erste Zahlen aus der dritten Welle geben jedoch Hinweise.
 
Coronavirus - Frankreich
Auf deutschen Intensivstationen werden es immer mehr Patienten. Experten fürchten Zahlen über 6000 Menschen gleichzeitig. Wie alt sind die Menschen dort aber? Dazu gibt es Zahlen, wenn auch nicht flächendeckend. Foto: Christophe Ena/AP/dpa Foto: Christophe Ena (AP)
  • Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19 in Deutschland steigt weiter an 
  • RKI spricht von mehr jüngeren Patienten 
  • Datenlage bleibt weiter unklar und beruht auf Stichproben 
  • Dashboard der Uniklinik Bonn gibt Hinweise

Update vom 19.04.2021: Zahlen der Uniklinik Bonn geben Hinweis auf Änderung der Altersstruktur auf Intensivstationen

Die Zahl der Menschen, die mit einer Coronavirus-Infektion auf einer Intensivstation liegen, steigt in Deutschland in der dritten Welle weiter an. Experten befürchten, dass die Zahl der Patienten die 6000 überschreiten wird, derzeit sind es knapp unter 5000. Währenddessen gibt es immer wieder Diskussionen und Spekulationen darüber, wie alt die Menschen auf Intensivstationen sind. Manche behaupten, nur alte Menschen mit Vorerkrankungen lägen auf den Intensivstationen, für jüngere Menschen wäre das Coronavirus und eine Covid-19-Erkrankung nicht gefährlich. 

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Tatsächlich werden es Berichten aus Kliniken zufolge immer weniger Patienten über 80. Zuletzt äußerte sich Lars Schaade, Vize-Präsident des Robert-Koch-Instituts auf einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn dahingehend: "Wir sehen jetzt schon auf den Intensivstationen, dass sich die Patienten dort ändern, sie werden jünger."

Aber ist das wirklich so? Viele Daten legen das nahe, aber es gibt immer noch - auch ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie - keine flächendeckenden Zahlen. Dem deutschen Intensivregister werden nur Zahlen übermittelt, die etwas über die Belegung der Betten aussagen, jedoch wird kein Alter mitgegeben. (siehe unten). Mehrere Unikliniken, darunter die Uniklinik Bonn, die Charité in Berlin sowie weitere Kliniken, erfassen inzwischen jedoch Zahlen zum Alter der Menschen in Intensivbehandlung. 

An diesen Zahlen, die zwar keine flächendeckende Gesamtaussage bieten, aber doch eine breitere Datenbasis darstellen, zeigt sich: Bei den ambulanten Patienten mit einer Coronainfektion dominiert die Altersgruppe von 20 bis 39 - etwa 50 % der Patienten stammen aus dieser Altersgruppe. Bei den stationären Patienten sind ebensoviele Menschen zwischen 50 und 59 aufgenommen wie zwischen 80 und 89. Relativ am größten ist hier die Gruppe zwischenn 70 und 79. Aus dieser Gruppe stammen rund 20% der Patienten. Wichtig ist, dass bislang weiterhin keine datenbasierte Aussage für alle Patienten auf Intensivstationen in Deutschland gibt. Hier ist die Datenlage weiterhin schlecht, wie das DIVI auf Nachfrage von inFranken.de bestätigt. Krankenhäuser melden jedoch zurück, dass kaum noch Patienten über 80 aufgenommen werden - die Zahl jüngerer Patienten nimmt langsam zu.

Bei der Gesamtzahl der hospitalisierten Personen nach Alter zeigt sich dies. Wichtig ist, dass "hospitalisiert" nicht gleich "in Intensivbehandlung" ist. Im Krankenhaus aufgenommen, aber nicht intensiv behandelt, gar beatmet, werden ebenfalls viele Menschen. Hierzu gibt es Daten, die flächendeckend die letzten Monate zeigen. Hier spiegelt sich aber das Bild, dass die Zahl der jüngeren Patienten zunimmt, während die Zahl der Patienten über 80 abnimmt. 

Sind die Zahlen der Coronapatienten überschätzt? DIVI: Aussage der "Zeit" ist falsch

Sind gar nicht so viele Menschen wie gedacht wegen Covid-19 auf deutschen Intensivstationen? Laut Recherchen der Wochenzeitung “Die Zeit” sind 20 bis 30 Prozent der Corona-Patienten auf Intensivstationen nicht wegen einer Covid-19-Erkrankung dort, sondern wurden nur “zufällig positiv getestet”. So seien Menschen etwa nach einem Unfall auf einer Intensivstation und würden standardmäßig beim Eintreffen getestet. Ist der PCR-Test bei ihnen positiv, gelten sie als Corona-Intensivpatienten.  

 

Da sich viele Einschätzungen über die Gefährlichkeit der Corona-Lage aber darauf stützen, klingt das schockierend: Ist es etwa gar nicht so schlimm, wie uns die veröffentlichten Statistiken glauben machen?  

Laut der “Zeit” ist die Zahl der Menschen, die wegen Corona behandelt werden, überschätzt. Die Zahlen stützen sich zum Einen auf die Nachfrage in 20 Krankenhäusern, zum Anderen beruft sich die Zeitung auf den deutschen Verband der Intensivmediziner (DIVI). Diese Meldung machte in den vergangenen Tagen die Runde, viele große deutsche Medien übernahmen die Zahlen ungeprüft. Beim DIVI jedoch widerspricht man dem Artikel in der Wochenzeitung vehement. Nina Meckel, Pressesprecherin des DIVI, erklärt, entgegen dem Bericht habe das DIVI niemals bestätigt, dass 10 Prozent der “als Corona-Fälle gemeldeten Patienten wegen einer anderen Ursache behandelt” würden. Diese Aussage sei eine ungefähre Einschätzung von Christian Karagiannidis, Sprecher der DIVI-Sektion "Lunge – Respiratorisches Versagen" sowie Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim gewesen.  

Die Zahlen aus den “Zeit”-Recherchen könne man gar nicht bestätigen, weil dazu keine belastbaren Zahlen vorliegen. Dem DIVI werden nämlich täglich lediglich Zahlen zu betreibbaren Betten, belegten Betten sowie positiven PCR-Tests gemeldet. Genauer: Liegt in einem Bett eine Person mit positivem PCR-Ergebnis oder nicht. Man verfolge keine Patientengeschichten und weitergehende Patientendaten – ob die Person mit positivem PCR-Test in einem Bett an Tag X die gleiche sei wie an Tag Y, geht aus den Daten des DIVI nicht hervor. Die Aussage im “Zeit”-Artikel, so die klare Aussage von Nina Meckel, sei schlicht falsch. Die Zahlen sind andererseits natürlich auch nicht völlig daneben, doch es gibt eben keine statistische Auswertung, die belastbar ist.  

Nur "nebenbei" an Corona infiziert? Risiko für Intensivpatienten ist hoch

Was bedeuten aber diese Zahlen, die von der “Zeit” recherchiert wurden? Ist die Lage in deutschen Krankenhäusern weniger angespannt als die veröffentlichten Daten des deutschen Intensivregisters es nahelegen?  

Auch hierzu hat Nina Meckel eine eindeutige Einschätzung: Die Lage sei deshalb kaum eine andere, denn Menschen, die auf Intensivstationen behandelt werden und sich mit dem Coronavirus infiziert haben, haben ein deutlich höheres Risiko, an ihrer weiteren, bzw. Ursprünglichen Diagnose zu sterben und auch ein schwerer Verlauf von Covid-19 sei sehr viel wahrscheinlicher. “Diese Menschen haben nicht einfach nur ein gebrochenes Bein und nebenbei Corona”, erläutert Meckel. Hätten sie keine weitere Erkrankung, wäre ein leichter Verlauf wahrscheinlicher.  

Ein positiver PCR-Test bedeutet neben einem höheren Risiko für die Intensivpatienten außerdem, dass sie mehr Platz benötigen. Corona-Patienten müssen isoliert werden. Das führt dazu, dass insgesamt weniger Betten verfügbar sind. Ehemalige Zweibettzimmer werden so teilweise zu Einzelzimmern. Die Folge: Die Zahl der betreibbaren Betten sinkt.  

Die Datenlage zu Corona in Deutschland ist nicht gut

Die Erkenntnis, dass ein Teil der Patienten auf Intensivstationen zwar nicht ursächlich wegen einer Covid-19-Erkrankung eingeliefert wurden, aber dennoch schwer krank und mit Corona infiziert sind, hat nun in der Realität leider wenig Auswirkungen und ist wohl auch kein Argument, schneller zu Lockerungen zu kommen.  

Die Situationen auf deutschen Intensivstationen wird dadurch nicht entspannter, denn was Statistiken zu freien Betten nicht sichtbar machen: Für die laut DIVI verfügbaren Betten sind zwar Pflegekräfte nach dem üblichen Schlüssel vorhanden, die Mehrbelastung durch die Covid-Patienten wird dabei jedoch nicht berücksichtigt. Der Schlüssel besagt, dass pro 2,5 Patienten eine Pflegekraft bereitsteht (in Nachtschichten eine Kraft pro 3,5 Patienten). Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung benötigen zum Einen intensivere Pflege, außerdem wird für Maßnahmen wie das An- und Ausziehen von Ganzkörperschutzkleidung zusätzliche Zeit benötigt, die Pflegekräfte sowieso schon nicht haben. Die Arbeitsbelastung ist also weiter unverändert hoch.  

So wenig die Daten aus der “Zeit”-Recherche dazu geeignet sind, die Corona-Strategie in die eine oder andere Richtung abzuändern, so sehr zeigt sich durch die Beschäftigung mit den Daten doch: Die Datenlage zu Corona ist in Deutschland schlecht. So liegen keine dauerhaft belastbaren Daten zur Altersstruktur von Corona-Intensivpatienten vor. Das DIVI hat sie nicht, das RKI hat sie nicht. Diese Daten liegen bei Krankenkassen und bei den einzelnen Krankenhäusern. Hier gibt es zwar Studien,etwa von Christian Karagiannidis im vergangenen Juli veröffentlicht, aber die Auswertung der Daten (im obigen Fall lagen Daten der AOK zugrunde) ist langwierig und komplex.  

Altersstruktur: Neue Studie braucht noch Zeit

Zum durchschnittlichen Alter von Covid-Patienten auf deutschen Intensivstationen kann die Pressesprecherin des DIVI also auch nur eine Einschätzung abgeben, die auf Stichproben beruht: Laut dieser sind die Patienten etwa Anfang 60. Es lege die Vermutung nahe, dass nach der ersten Welle eine Vielzahl von sehr alten Menschen Patientenverfügungen abgeschlossen haben und schlicht nicht auf Intensivstationen landen, um dort beatmet zu werden. Nina Meckel betont aber, dass dies nicht auf statistischen Daten beruht, sondern ebenfalls auf Gesprächen, Stichproben und Erfahrungen beruht. Es gibt in Deutschland keine belastbaren Zahlen, die hierzu eine Aussage treffen können.  

Über eine etwaige Veränderung von Altersstruktur und Sterblichkeit von Covid-Patienten allgemein und in den einzelnen Altersgruppen wird es frühestens im Mai wieder eine Studie geben. Derzeit werde daran gearbeitet, entsprechende Krankenkassen-Daten auszuwerten, so Meckel im Gespräch.

Bei der letzten Studie hatte sich ergeben, dass das Durchschnittsalter der Covid-Patienten bei 68 Jahren lag. Die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen sowie der 70- bis 79-Jährigen wurden im Studienzeitraum häufiger beatmet als jünger, aber auch ältere Patienten. Es ist abzuwarten, ob und wie sich die Daten in der zweiten Welle verschoben haben.  

 

Aktuelle Entwicklungen und die neuesten Informationen rund um das Coronavirus finden Sie in unserem Corona-Newsticker.

 

 

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