Die Zukunft dieses Landes liegt jetzt auch in den Händen von Detlef Christa. Man macht sich mit dieser Behauptung keiner Übertreibung schuldig. Man kann sich einfach auf die Kanzlerin berufen und ihren Dank an die Gesundheitsämter.

Ganz geheuer sind Detlef Christa die Respektbekundung der Kanzlerin trotzdem nicht: "Ich bin ein Rädchen im System", sagt der Mitarbeiter des für Stadt und Landkreis Bamberg zuständigen Gesundheitsamts. Aber bei aller Bescheidenheit Christas verhalten sich die Dinge in diesem Spätsommer ja doch so: Die Republik hat sich darauf verständigt, einen Lockdown wie im Frühjahr kein zweites Mal zu akzeptieren. Zu hoch wären die Kollateralschäden für Wirtschaft, Kultur und Bildungskarrieren.

Der Wunsch nach einem Maximum an Normalität aber ist an Voraussetzungen gebunden: Infizierte müssen umgehend isoliert, Kontaktpersonen ermittelt, Infektionsketten gestoppt werden. Für all das braucht das Land Menschen wie Detlef Christa. Da hat die Kanzlerin schon recht.

Etwas Stolz darf sein

Als Mitglied eines zehn Köpfe starken Contact-Tracing-Teams (CTT) kennt Christa nur eine einzige Aufgabe: das Virus und seine Eindämmung. "Wir machen einen wichtigen Job", sagt Christa. So viel Stolz erlaubt er sich dann doch.

Bei der Motivforschung führt persönliche Betroffenheit auf die falsche Spur. Das Virus hat Christa weder selber erwischt noch einen Freund oder Bekannten. Christa spricht von Verantwortungsgefühl und der Liebe zur Heimat: "Ich bin so froh, dass ich in einem freien Land leben darf." Ihm standen die Bilder aus anderen Ländern ja vor Augen. Kühllaster vor Leichen, explodierende Arbeitslosenzahlen und gesellschaftliche Spannungen.

So weit wollte es Christa in Deutschland nicht kommen lassen. Deshalb schmiss er seinen Job, deshalb fing er nochmals von vorne an. Christa, das muss man wissen, war angestellt in einem Planungsbüro in der Nähe Bambergs. Die Arbeit machte im Spaß. Christa kündigte trotzdem: "Mein Chef fiel aus allen Wolken." Auch Christas Frau verbarg ihre Bedenken nicht: "Sie sagte, ich solle mir das gut überlegen."

Aber zu überlegen gab es für Christa da schon nichts mehr. Anfang August begann Christa im Gesundheitsamt mit dem, was er "Dienst an der Gesellschaft" nennt. Seine Arbeitsmittel sind Telefon, Headset und Computer. Mindestens ebenso wichtig sind sein Einfühlungsvermögen im Umgang mit an Corona infizierten Menschen und sein Spürsinn bei der Verfolgung von Infektionsketten.

Christas Arbeit trennt Indexfälle von Kontaktpersonen.Ein Indexfall ist, wer an Covid-19 erkrankt ist. Es kann vorkommen, dass Menschen von ihrer Infektion zuerst aus dem Munde Christas erfahren. "Nicht alle Infizierten sind verängstigt: Aber verunsichert sind sie eigentlich alle", sagt er.

Manche sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, die meisten darum, Familienmitglieder angesteckt zu haben. Christa ordnet ein, macht Hoffnung und Mut. "Da bin ich als Psychologe gefragt." Christa erkundigt sich nach körperlichen Symptomen: Fieber? Kopfschmerzen? Abgeschlagenheit? Diese Fragen stellt er den Infizierten an möglichst jedem einzelnen Tag ihrer Quarantäne. Nach ihrem positiven Test dürfen Infizierte ihr Haus zehn Tage lang nicht verlassen. Ausgesprochen wird die Quarantäne von Christa und seinen Kollegen. Dass sie in Freiheitsrechte einschneidet, ist Christa bewusst. Für gerechtfertigt hält er die Quarantäne trotzdem. Sie helfe, das Virus einzudämmen. "Die meisten verstehen das auch. Es gibt da eigentlich keine Diskussionen am Telefon."

Quarantäne auch für Kontaktpersonen

Nach den Indexfällen rücken die Kontaktpersonen in seinen Blick. Als Kontaktperson gilt, wer in jüngster Vergangenheit mindestens 15 Minuten im direkten Kontakt zu einem Infizierten stand.

Auch Kontaktpersonen müssen sich testen lassen, auch über sie verhängt Christa eine zweiwöchige Quarantäne: "Im Übrigen unabhängig von ihrem eigenen Testergebnis."

Gemeinsam mit den Infizierten versucht Christa, die Namen und Telefonnummern möglicher Kontaktpersonen in Erfahrung zu bringen. Im besten Fall handelt es sich nur um Familienmitglieder und Arbeitskollegen. Komplizierter wird es, wenn die Infizierten Feiern und Kneipen besuchten oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren. Dann muss Christa zum Detektiv und Fährtenleser werden: "Die Zahl der Kontaktpersonen kann auch mal schnell dreistellig werden." Derzeit begleiten Christa und seine Kollegen 16 Infizierte und 75 Kontaktpersonen.

Immerhin, der Datenschutz schränkt die Recherchen nicht unverhältnismäßig stark ein. Auf der Suche nach Kontaktpersonen von Infizierten kann sich Christa die Gästelisten von Restaurants schicken lassen und auch von Ärzten erfragen, wer an einem bestimmten Tag in ihrem Wartezimmer saß.

Im CTT wähnt sich Detlef Christa am richtigen Ort. Er glaubt, seinen Beitrag zu leisten zur Eindämmung des Virus und zur Stabilisierung der Gesellschaft. "Wir sind hier ein tolles Team. Unsere Arbeit wirkt."

Ob er immer wirklich alle Kontaktpersonen ermittelt, weiß Christa gleichwohl nicht. Diese Ungewissheit nimmt der Mann, der für die Virusbekämpfung seinen alten Job kündigte, abends mit nach Hause.