Pflege am Limit: Was passiert, wenn ausländische Fachkräfte plötzlich fehlen?

2 Min
Im Gesundheitswesen herrscht Personalmangel.
Pflegeversicherung, Pflegeheim, Pflege, Altenheim
Kzenon/AdobeStock

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland würde kollabieren ohne Mitarbeiter aus dem Ausland. Migration ist ein Pfeiler des Gesundheitswesens – das zeigen Zahlen und eine Klinik.

Vom Krankenpfleger bis zum Rettungssanitäterausländische Fachkräfte lindern den Personalmangel im deutschen Gesundheitswesen. Sie sind ein zentraler Faktor dafür, dass Pflege und medizinische Versorgung in Deutschland gewährleistet sind. Gerade in einer alternden Gesellschaft wie der deutschen ist es wichtig, dass Krankenhäuser, Altenheime und andere Pflegeeinrichtungen ihren Betrieb aufrechterhalten können. Dafür braucht es in erster Linie Arbeitskräfte. Es ist deshalb gut, dass die Zahl der ausländischen Beschäftigten im Gesundheitswesen steigt. inFranken.de hat die Zahlen genauer analysiert und sich die Entwicklung am Beispiel des Sana-Klinikums in Offenbach angeschaut. 

Warum das Sana-Klinikum ohne Migranten nicht funktioniert

In einem Video zeigt Sana-Chefarzt André Althoff, warum Menschen mit Migrationshintergrund überlebenswichtig für das Sana-Klinikum in Offenbach (rund 2600 Beschäftigte) sind. Die Mitarbeiter wissen, dass man das Klinikum ohne Personal mit Migrationshintergrund "dichtmachen" könnte. Sie haben ein Video gedreht, das auf ihre Probleme aufmerksam macht.

Der Video-Clip verdeutlicht in wenigen Sekunden, welche Bedeutung Menschen mit Migrationshintergrund für ein funktionierendes Gesundheitssystem haben. Als Spielort hat der Sana-Chefarzt die große Treppe im Foyer des Sana-Klinikums ausgewählt. Im ersten Bild ist die Treppe pickepackevoll mit Beschäftigten der Klinik. Mit dabei sind Pflegekräfte, Ärzte und einige Chefärzte.

Dann verlassen alle Mitarbeiter mit Migrationshintergrund die Treppe. Übrig geblieben sind nur wenige Deutsche, die bei Weitem nicht ausreichen würden, um den Klinikbetrieb aufrechtzuerhalten. "In dem Video wird der Anteil der Migranten sofort greifbar und entfaltet beim Betrachter eine ganz andere Wirkung", meint Lungen-Spezialist Althoff.

Die Zahl der Migranten im Gesundheitswesen

Das Ausmaß von zugewanderten Fachkräften im Gesundheitswesen spiegelt sich in den offiziellen Zahlen der Branche wider. Jedes Krankenhaus beschäftigt ausländische Fachkräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Berufsgruppen. Pflegeheime ohne ausländische Fachkräfte wären undenkbar. Hinzu kommen Mitarbeitende im Gesundheitswesen mit ihrer Migrationsgeschichte, die inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft haben und deshalb gar nicht erfasst sind.

Rund 15 Prozent aller Ärztinnen, Ärzte und Fachpersonen in der Pflege sind demnach Migranten. Ausländische Beschäftigte sind längst unverzichtbar in der Gesundheitswirtschaft, insbesondere in der Pflege (insgesamt arbeiten hier 7,7 Millionen Erwerbstätige). Im Jahr 2025 waren laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) 526.200 Ausländer in Gesundheitsberufen beschäftigt, davon:

  • 204.700 in der Krankenpflege (16,4 Prozent aller Beschäftigten)
  • 143.100 in der Altenpflege (22,1 Prozent)
  • 72.400 als Arzt- und Praxishilfen (10,3 Prozent)
  • 60.900 als Human- und Zahnmediziner (18,1 Prozent)
  • 45.100 in sonstigen Berufen des Gesundheitswesens (7,1 Prozent)

Warum gibt es weniger deutsche Fachkräfte bei steigendem Bedarf?

Deutschland ist vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung auf internationale Zuwanderung angewiesen. Das seit 2013 anhaltende Beschäftigungswachstum in den Pflegeberufen konnte nur mithilfe der ausländischen Kräfte gelingen, während die Zahl der deutschen Beschäftigten in den Pflegeberufen seit 2021 rückläufig ist.

Es mangelt in allen Bereichen der Patientenversorgung, egal ob beim Pflegefachpersonal, den medizinischen Fachangestellten (MFA) oder den Ärztinnen bzw. Ärzten. Alle drei Berufsgruppen sind laut Bundesagentur für Arbeit (BA) als Engpassberufe eingestuft, und das, obwohl die Zahl der einschlägig Beschäftigten in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

Ausländische Pflegekräfte federn die ungünstige demografische Entwicklung in Deutschland ab. Ob das weiterhin gelingt, ist allerdings unklar. Schließlich sorgt die Demografie auch in den Gesundheitsberufen dafür, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre eine hohe Anzahl an Pflegebeschäftigten das Renteneintrittsalter erreicht. Gleichzeitig steigt der Pflegebedarf durch die alternde Bevölkerung.

Viele Herkunftsländer haben selbst zu wenig Personal im Gesundheitswesen

Durch die in den vergangenen Jahren gestiegene Entlohnung in den Pflegeberufen dürften zu niedrige Löhne nicht mehr die Hauptursache für die mangelnde Attraktivität dieser Berufe sein. Untersuchungen zeigen, dass die Pflegekräfte hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Auch die psychischen Anforderungen sind hoch. Beide Faktoren sind die Hauptgründe, warum Fachpersonal aus den Berufen abwandert. 

Viele Länder Europas haben mit Blick auf die demografische Entwicklung einen ähnlich hohen Pflegekräftebedarf wie Deutschland. Deshalb ist Anwerbung aus anderen Ländern ein sensibles Thema, wie Gesundheitsexperte Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln meint. Viele Herkunftsländer haben selbst zu wenig Personal im Gesundheitswesen.

Deshalb verweist er auf Initiativen wie das Programm "Triple Win" der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit zur nachhaltigen Gewinnung von Pflegekräften aus dem Ausland. Die Initiative unterstützt die Ausbildung von Pflegekräften, und zwar direkt in den Herkunftsländern. Nach erfolgreicher Berufsausbildung bekommen sie ein Angebot zur einfachen Einwanderung nach Deutschland.