Lichtenfels
Unser Thema der Woche // Auf- und Abstieg

Striwa-"S" steht für Industriegeschichte am Obermain

Die Firma Striwa war Lichtenfels' größter Arbeitgeber - bis sich die Kleidungsproduktion in Deutschland nicht mehr rentierte.
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Das sechsstöckige Hochhaus mit dem "Striwa"-Logo überragt selbst stattliche Villen und die Spitalkirche im westlichen Stadtbereich von Lichtenfels. Fotos/Repros: Popp
Das sechsstöckige Hochhaus mit dem "Striwa"-Logo überragt selbst stattliche Villen und die Spitalkirche im westlichen Stadtbereich von Lichtenfels. Fotos/Repros: Popp
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Das Striwa-Hochhaus könnte ein Industrie-Denkmal sein, ist aber keines. Zumindest wurde der sechsstöckige Bau bislang nicht offiziell in die Liste derer aufgenommen. Für Lichtenfels und viele Bürger der Region ist der sandfarbene Block an der Conrad-Wagner-Straße aber stete Erinnerung an ein im wahrsten Sinne des Wortes herausragendes Unternehmen, auch an Aufstieg und Niedergang der Bekleidungsproduktion in Deutschland. Die Striwa-("Striegel & Wagner)Werke gehörten jahrzehntelang zu den führenden Firmen der Branche. Das weiße "S" auf blauem Grund prangt noch heute oben am Aufzugsturm des längst anderweitig genutzten Gebäudes. Im sechsten Stock befindet sich das holzgetäfelte Zimmer, das einmal Grete Wagners Büro war. Dorthinein vorzudringen, war selbst für Anna Dippold, die vierunddreißigeinhalb Jahre ihres Arbeitslebens bei Striwa tätig war, etwas Besonderes. Eine strenge, aber den Mitarbeitern zugetane Chefin sei jene gewesen. Ihre breite Unterschrift, stets mit Füller ausgeführt, hat die langjährige kaufmännische Kraft noch vor Augen. Anna Dippold kam als Auszubildende 1965 in die Firma. Sie arbeitete als Industriekauffrau in der Exportabteilung. In rund 25 Länder, vornehmlich nach Belgien, Frankreich, Österreich und in die Schweiz, gingen die hochwertigen Jacken und Mäntel aus Leder oder Pelzvelours, erinnert sie sich. Die Lichtenfelserin hat vieles aufgehoben, was das Herausragende dieses Unternehmens dokumentiert: aufwendig gestaltete Broschüren für Geschäftskunden, hölzerne Kleiderbügel mit Aufdruck, ja sogar Speisekarten von Betriebsfesten, die jährlich stattfanden und für die große Hallen angemietet werden mussten. Ein Highlight war die Feier zum 50-jährigen Bestehen 1971, zu der 1200 Mitarbeiter mit Bussen nach Nürnberg gefahren wurden. In der Meistersingerhalle erlebten sie Auftritte von Rex Gildo und Max Greger, damals wirkliche Stars. Der Bericht über dieses Event füllte eine ganze Zeitungsseite, als PR-Anzeige.

Im gleichen Jahrzehnt zeigte sich bereits eine Abwärtsentwicklung durch den Konkurrenzdruck aus dem Ausland. Um 1990, bedingt durch die Öffnung der Grenze zur ehemaligen DDR, gab es zwar noch einmal ein Zwischenhoch. Der Trend zur billigeren Produktion im Ausland läutete jedoch das Ende des Unternehmens ein.

Die Stellen wurde immer weiter abgebaut. Produziert wurde in Lichtenfels ab 1994 nicht mehr. Auch wenn gemunkelt wurde - dass tatsächlich das Aus bevorstünde, war nicht so lange vorher klar, selbst Anna Dippold nicht, die Betriebsratsmitglied war. Ihr Bruder, Bezirksheimatpfleger Günter Dippold, beleuchtete die Firmengeschichte für diesen Beitrag mit dem Blick des Historikers.

Das mächtige Gebäude in Bahnhofsnähe, einst als Zeichen des Fortschritts bejubelt, ist heute ein Symbol für Industriegeschichte am Obermain.

Aus der Firmenhistorie

1921 gründeten Conrad und Grete Wagner in Lichtenfels eine Großhandlung für Rauchwaren (gegerbte Tierfelle). Striegel & Wagner, so der Firmenname - abgekürzt "Striwa" - produzierte ab 1925 Bekleidung. 1929 arbeiteten dort bereits 120 bis 150 Menschen, 1939 bis zu 500.

Expansion Die Errichtung neuer Fabrikationsgebäude in Bahnhofsnähe ab 1935 sowie die Gründung eines Zweigwerkes in Baunach 1942 sprechen für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens, das während des Krieges - auch durch Zwangsarbeiterinnen - Fliegermonturen herstellte.

Wirtschaftswunderzeit Nach dem Krieg florierte die Firma, die nicht mehr nur Leder- sondern auch Stoffbekleidung für Damen und Herren produzierte. Die beiden das Stadtbild prägenden Hochhäuser am Bahnhofsplatz wurden 1955 und 1959/60 errichtet. Zweigwerke in Maroldsweisach und Hof entstanden. Ende der 1950er-Jahre war Striwa mit Abstand der größte Arbeitgeber der Stadt. Geschäftsführung Conrad Wagner starb 1959. Seine Frau Grete und ihr Sohn Siegfried Wagner führten die Geschäfte. Grete Wagner, Jahrgang 1892 und gelernte Pelznäherin, wurde 1961 Ehrenbürgerin von Lichtenfels. Sie starb 1986, ihr Sohn Siegfried 2013.

Zuletzt war Karl Faaß Geschäftsführer, kein Familienmitglied. 1973 wurde auf dem Platz, wo das alte Stadtkrankenhaus stand (neben der Spitalkirche), ein neues Betriebsgebäude errichtet. Kaum war es fertig, baute die Firma ihre Belegschaft stark ab. Die Produktion konzentrierte sich auf Lederjacken und -mäntel. Das Zweigwerk Baunach, wo 1970 rund 150 Menschen arbeiteten, wurde 1982 geschlossen.

Insolvenz Im Juni 2000 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Im Rahmen einer Versteigerung wurde ein neuer Eigentümer für die Immobilie gefunden. In den Hochhäusern sind zwischenzeitlich alle Etagen vermietet. Im Erdgeschoss befindet sich das Jobcenter.

Quellen: Prof. Dr. Günter Dippold, FT-Archiv

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