LKR Kulmbach
Ausbildungsmarkt

3,3 offene Ausbildungsstellen pro unversorgtem Bewerber im Landkreis Kulmbach

Im Autohaus von Barbara Hahn ist jedes Jahr eine Azubi-Stelle zu besetzen. Bisher hatte der Betrieb dabei "Glück", sagt sie. Denn auf dem Ausbildungsmarkt ist die Anzahl der freien Stellen groß, die der Bewerber hingegen klein.
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Edgar Luthardt erklärt Hilfsarbeiter Chucks Smith das Arbeiten an der Wuchtmaschine. Smith beginnt im September eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Foto: Rebecca Vogt
Edgar Luthardt erklärt Hilfsarbeiter Chucks Smith das Arbeiten an der Wuchtmaschine. Smith beginnt im September eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Foto: Rebecca Vogt

Der elektronische Bildschirm auf der Wuchtmaschine zeigt "0 - 0" an. "Jetzt passt's", sagt Edgar Luthardt, Mitarbeiter bei der Kulmbacher Firma Autotechnik Hahn. Sein Gegenüber, Chucks Smith, reckt den Daumen nach oben und nickt. Unter der Anleitung von Luthardt hat Smith gerade einen Autoreifen ausgewuchtet. Der 32-jährige Nigerianer arbeitet im Moment als Helfer im Autohaus. Anfang September wird er dort eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beginnen.

Smith kam 2014 nach Deutschland. Hier sei sein Interesse für Technik geweckt worden, erzählt der 32-Jährige, der in seiner Heimat Betriebswirtschaftlehre studiert hat. "Das ich jetzt die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker machen darf, ist fantastisch."

Schon ein ganzes Stück weiter als Smith ist Nicolas Nährig. Der 20-Jährige aus der Nähe von Mainleus hat das erste Ausbildungsjahr bereits hinter sich gebracht. Im Zweiten steht dann schon die Zwischenprüfung an. Insgesamt dauert die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker dreieinhalb Jahre.

"Das erste Jahr hat Spaß gemacht", sagt Nährig und fügt mit einem Lachen an: "Aber wir hatten ein bisschen viel Schule, finde ich." Er sei auf jeden Fall lieber im Betrieb. Dort hat er im ersten Lehrjahr unter anderem gelernt, wie man die Bremsen repariert, Reifen und Radlager wechselt.

Nährig hatte während der Schulzeit bereits ein Praktikum im Autohaus gemacht. Ein guter Weg, um sich einen Ausbildungsplatz zu sichern, wie Autotechnik-Inhaberin Barbara Hahn bestätigt. "Die, die sich interessiert zeigen, am besten gleich verhaften", fügt sie an. Sprich, unter Vertrag nehmen. Denn Bewerber zu finden, werde "immer schwieriger".

Trend zu höheren Abschlüssen

Im Landkreis Kulmbach kommen aktuell rund 3,3 freie Ausbildungsstellen auf einen unversorgten Bewerber. Insgesamt standen in diesem Berichtsjahr jedem Bewerber rund 1,5 Ausbildungsstellen entgegen.

"Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Wir haben einen Bewerbermarkt, auf dem die Jugendlichen aus einer Vielzahl an Alternativen schöpfen können", sagt Thomas Hager, Teamleiter Berufsberatung bei der Arbeitsagentur Bayreuth-Hof. Der Trend gehe grundsätzlich "zum höchst möglichen Schulabschluss". Daran schließe sich dann eventuell noch ein Studium an.

Vor fünfzehn Jahren hätte man sich die Auszubildenden noch aus mehreren Bewerbern aussuchen können, berichtet auch Hahn. Davon sei heute "nur noch ein Bruchteil" übrig. Gleiches gelte für ausgelernte Fachkräfte. In Zukunft werde die Situation "definitiv nicht einfacher werden".

Als kleiner, familiengeführter Betrieb habe man nicht die Kapazitäten, durch außergewöhnliche Angebote oder Aktionen Bewerber anzulocken. Manche wüssten aber auch die Vorteile eines kleinen Betriebs gegenüber einer großen Firma, in der man nur Mitarbeiter X oder Y sei, zu schätzen.

Offene Kommunikation

Hager rät Betrieben, offen und ehrlich zu kommunizieren - zum Beispiel was eine mögliche Übernahme nach dem Ende der Ausbildung oder das anschließende Gehalt betrifft. Und: "Jede Firma muss sich des Wettbewerbs um die besten Köpfe bewusst sein. Der Betrieb muss realistisch einschätzen, was er bieten kann und welches Bewerberpotenzial er damit erreichen und überzeugen kann."

Noten nicht immer entscheidend

Betriebe sollten sich auch überlegen, Schülern mit einem etwas schlechteren Notenspiegel, die aber handwerkliches Geschick und Motivation zeigen, eine Chance zu geben. Das sieht Hahn ähnlich. Sie erklärt, dass sie nicht in erster Linie nach dem Abschlusszeugnis entscheide. Das Interesse und der Spaß an der Arbeit seien die entscheidenden Faktoren. "Damit geht vieles leichter, auch in der Berufsschule." Ebenso könne jemand, der vielleicht nur einen Dreier-Gesellenbrief habe, ein toller Praktiker sein.

Gleichzeitig würden in vielen Ausbildungsberufen jedoch hohe Anforderungen an die Lehrlinge gestellt, berichtet Hager. Die im Handwerk benötigten Qualifikationen würden oft eher unterschätzt, sagt Hahn. Mittlerweile laufe zum Beispiel sehr viel über Elektronik, etwa bei der Diagnose. "Das wissen viele gar nicht."

290 Ausbildungsstellen sind im Landkreis aktuell noch als unbesetzt gemeldet, wie aus der Juli-Statistik der Arbeitsagentur hervorgeht. Insgesamt 88 Bewerber haben zum Stichtag 30. September noch keine Stelle in Aussicht. Eine seriöse Schätzung, wie viele Betriebe und Bewerber hier noch zueinanderfinden sei kaum möglich, so Hager. "Zuerst einmal müssen die Wünsche der Bewerber und die Anforderungen der Betriebe zueinander passen."

Der Start einer Ausbildung sei noch bis Oktober möglich. "Junge Menschen, die bisher noch keinen Ausbildungsplatz haben, sollten daher noch nicht aufgeben."

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