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Insolvenz

Insolvenz bei Loewe: Entscheidung bei Kronacher TV-Hersteller gefallen: Das passiert mit den Mitarbeitern

Alle 460 Mitarbeiter des insolventen Kronacher TV-Herstellers Loewe werden entlassen. Einfach abfinden müssen sich die Angestellten mit dem Kündigungsschreiben allerdings nicht.
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Der Insolvenzverwalter hat allen Loewe-Mitarbeitern gekündigt. Foto: Archiv/Marco Meißner
Der Insolvenzverwalter hat allen Loewe-Mitarbeitern gekündigt. Foto: Archiv/Marco Meißner

Fernseher. Loewe. Kronach. Schneller als über die Unterhaltungselektronik wurde die Lucas-Cranach-Stadt wohl mit keiner anderen Branche in Verbindung gebracht. Seit 1948 gehörte Loewe so fest zu Kronach wie die Festung Rosenberg. Außerhalb Oberfrankens dürfte der TV-Hersteller sogar noch einmal deutlich bekannter gewesen sein als der Touristenmagnet.

Hinter einer Zukunft von Loewe in der Kreisstadt steht seit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens am 1. Juli aber ein immer größer werdendes Fragezeichen. Inzwischen ist der Dreiklang ein anderer. Und vor allem deutlich trauriger. Statt "Fernseher, Loewe, Kronach", heißt es nun "Insolvenz, Freistellung, Kündigung." Letzteres steht seit Freitag (19. Juli 2019) fest. Allen knapp 460 Mitarbeitern werde gekündigt, bestätigte das Büro des Insolvenzverwalters Rüdiger Weiß auf Anfrage des Fränkischen Tags.

Abschließende Gespräche

Schon kommende Woche sollen die Kündigungen ausgesprochen werden. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür schufen am Donnerstag der Betriebsrat und der Insolvenzverwalter in abschließenden Gesprächen. In diesen einigten sich beide Seiten sowohl auf einen Sozialplan als auch auf einen Interessensausgleich (wir berichteten). Wie bereits vermutet, wird die Abfindung die gesetzlich vorgesehenen maximal drei Monatsgehälter betragen - je nach Betriebszugehörigkeit.

Ein Großteil der Beschäftigten werde mit der Kündigung unwiderruflich freigestellt, erklärt die Insolvenzverwaltung. Ganz verwaist wird das Gelände in der Industriestraße damit aber nicht sein. Für "eine gewisse Zeit" verbleibe ein Rumpfteam von etwa 50 Personen, die noch mit Abwicklungsaufgaben beschäftigt sind. Zwar werden diese ebenfalls eine Kündigung erhalten, allerdings noch nicht freigestellt. Spätestens nach Ablauf der jeweiligen Kündigungsfrist werde dann auch diese Tätigkeit beendet sein.

Was nicht sehr wahrscheinlich ist

Einfach hinnehmen müssen Arbeitnehmer eine Kündigung allerdings nicht. Auch nicht bei einer Insolvenz. "Sie können eine Kündigungsschutzklage erheben", weiß die unter anderem auf Arbeitsrecht spezialisierte Kronacher Rechtsanwältin Sabine Gross. "Der Beklagte ist dann der Insolvenzverwalter." Behauptet werde in einem solchen Fall, dass der Betrieb weitergeht. "Denn der klassische Grund für eine Kündigung ist meist eine Betriebsstilllegung", erklärt Gross.

Werde diese von der Gläubigerversammlung beschlossen, liege ein Kündigungsgrund vor. "Als Mitarbeiter kann ich aber anzweifeln, dass der Betrieb tatsächlich stillgelegt werden soll", sagt die Anwältin. Der Beklagte müsse dann erst einmal das Gegenteil beweisen. "Manchmal hat das wirklich Erfolg", betont sie. Am Ende stehe dann zwar nicht der Erhalt des Arbeitsplatzes, aber zumindest eine höhere Abfindung - zusätzlich zu der, die im Sozialplan vereinbart wurde.

Allerdings ist es wohl nicht sehr wahrscheinlich, dass die Loewe-Mitarbeiter tatsächlich jene Euros sehen werden, die ihnen laut Sozialplan als Abfindung eigentlich zustehen. Von der vereinbarten Gesamtsumme wird nämlich nur ein Teil in die Insolvenzmasse eingestellt und verwendet. "Das war dann eigentlich immer sehr mickrig", sagt Gross. "Beim Sozialplan kann man dann rechtlich auch nichts machen - es sei denn, er wäre nicht ordnungsgemäß aufgestellt worden."

Drei Kategorien

Zwar wandert nur ein Teil der Abfindungssumme in die Insolvenzmasse, mit ihren Ansprüchen stehen die Arbeitnehmer allerdings deutlich vor den Gläubigern - gleich an zweiter Stelle. Denn sobald ein Interessensausgleich und ein Sozialplan geschlossen werden, handelt es sich bei der vereinbarten Summe um sogenannte Masseverbindlichkeiten. Und die werden aus der Insolvenzmasse gleich nach den Verfahrenskosten bedient.

Erst was danach übrig bleibt, geht nach einer Quote an die Gläubiger. "Die Ansprüche der Arbeitnehmer seit dem 1. Juli fallen in die Kategorie Masseverbindlichkeiten", bestätigt das Büro des Insolvenzverwalters. Mit den Verbindlichkeiten bis zum 30. Juni würden sie gleichzeitig in die unterste Kategorie eingeordnet. Der Arbeitnehmer wird somit also ebenfalls zum Gläubiger.

Das Problem: Im Moment kann Loewe nach Angaben der Insolvenzverwaltung nicht einmal die Zahlung der Masseverbindlichkeiten decken. Für Arbeitnehmer bedeutet das, dass selbst ihre Ansprüche nur nach einer gewissen Quote bedient werden könnten. "Wir bemühen uns, in den nächsten Monaten und Jahren, die Masse so hoch wie möglich zu generieren, sodass wir dann am Ende unterm Strich hoffentlich sämtliche Masseverbindlichkeiten voll befriedigen können", erklärt das Büro. "Sicher ist das aber eben nicht."

Adidas als Vorbild?

Ebenso unsicher bleibt auch der Standort Kronach. Selbst die Entlassung der gesamten Belegschaft bedeute noch nicht das Ende des traditionsreichen Standorts, meint der Küper Ralf Pohl, der an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Dozent für Wirtschaftswissenschaften ist: "Es scheint ja Interessenten zu geben. Wir wissen aber natürlich nicht, welche Konzepte die mitbringen."

Womöglich finde sich noch ein Investor, der Kronach nach wie vor als Produktionsstandort sieht. "Aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass das bisherige Stellen-Niveau sicherlich nicht mehr erreicht werden kann", betont er.

Am wahrscheinlichsten sei es, dass Abteilungen wie Marketing und Entwicklung in Kronach bleiben, die Produktion aber ins Ausland verlagert wird. Dabei würde es sich um ein ähnliches Modell handeln, wie es Adidas an seinem Unternehmenssitz in Herzogenaurach längst umgesetzt hat. "So könnte sich die Marke, die ja von Gewicht ist, eigenständig weiterentwickeln", sagt der Wirtschaftswissenschaftler.

Günstige Herstellungskosten

Das könne aber eigentlich nur ein großer Hersteller aus der Branche Unterhaltungselektronik gewährleisten, der Produkte "zu einem vernünftigen Preis herstellen" kann.

Vorbilder für einen erfolgreichen Neustart nach einer Insolvenz gebe es durchaus. Gelungen sei das den jeweiligen Unternehmen aber nur mit einer deutlich reduzierten Mitarbeiterzahl. "Allerdings werden sich die Angestellten jetzt natürlich neu orientieren und versuchen, bei anderen Arbeitgebern unterzukommen", weiß Ralf Pohl. "Und es ist schon ziemlich schwierig, die Produktion wieder hochzufahren, wenn die Mitarbeiter nicht mehr verfügbar sind."

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