HÜTTENHEIM

Vergangenes gemeinsam bewältigen

Kleine Orte schließen sich zusammen: Hauptamtliche Archiv-Fachkraft für die Allianz.
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Beim ersten Projekttreffen begrüßen die Bürgermeister die neue Archivkraft: Burkhard Klein (Rödelsee), Rainer Ott (Martinsheim), Heinz Dorsch (Seinsheim), Peter Kraus (Mainbernheim), Herbert Volkamer (Markt Einersheim), Ingrid Reifenscheid-Eckert (Willanzheim), Julia Halbleib und Kreisarchivpflegerin Barbara Steinberger. Foto: Foto: Hebert
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Das Archiv ist das Gedächtnis einer Gemeinde, seine Identität. Es zu pflegen, zu betreuen und fortzuführen, ist vor allem für kleinere Orte nicht einfach. Mehrere Gemeinden im südlichen Landkreis Kitzingen gehen jetzt neue Wege: Sie teilen sich eine hauptamtliche Archivkraft.

Mainbernheim, Markt Einersheim, Martinsheim, Rödelsee, Seinsheim, Willanzheim – sechs Orte, viele Ortsteile und eine Geschichte, die über 1000 Jahre zurückreicht: Es ist ein spannendes Feld, mit dem sich Julia Halbleib seit dem 15. März beschäftigt. Und es ist ein großes Feld, denn die Voraussetzungen, auf die sie trifft, sind völlig unterschiedlich.

2014 haben sich die sechs Gemeinden gemeinsam mit Iphofen zur Kommunalen Allianz 7/22 Südost zusammengeschlossen. Synergieeffekte nutzen, gemeinsam Projekte angehen und Probleme lösen: So lauten die Ziele der Zusammenarbeit. Schon bald nach der Gründung setzten die Gemeinden die Archivarbeit als eines der ersten gemeinsamen Projekte fest. Außen vor ist einzig Iphofen, denn die Stadt hat eine eigene Archivarin.

„Ohne Archiv gerät vieles in Vergessenheit.“
Julia Halbleib, Archivpflegerin Allianz 7/22 Südost

„Es besteht Handlungsbedarf“, sagt die Willanzheimer Bürgermeisterin Ingrid Reifenscheid-Eckert über die Archive, die eine kommunale Pflichtaufgabe darstellen. Ihre Gemeinde ist bei dem Projekt federführend, hat die 28-jährige Kunsthistorikerin Julia Halbleib angestellt, die anderen Gemeinden übernehmen einen Teil der Kosten. Eine ähnliche Zusammenarbeit gebe es in Nordbayern noch nicht, erklärt Allianzmanagerin Claudia Hebert. Bei der Umsetzung der Idee hat man sich an einem Zusammenschluss im Bayerischen Wald orientiert. Die Regierung von Unterfranken fördert das Archiv-Projekt mit 90 000 Euro, die Dauer des Projektes ist zunächst auf fünf Jahre begrenzt.

Dank der Zusammenarbeit können die Gemeinden qualifiziertes Fachpersonal einstellen. Eine Gemeinde alleine könnte das weder zahlen, noch wäre die Person ausgelastet. Bislang wurden die Archive unterschiedlich betreut. Manche hatten, wie Willanzheim, eine ABM-Kraft beschäftigt, andere, wie Rödelsee, arbeiten mit Ehrenamtlichen, wieder anderswo – wie in Mainbernheim – haben Altbürgermeister das Archiv übernommen. „In jedem Ort ist die Situation anders“, sagt Claudia Hebert. Und das betrifft nicht nur die Organisation, sondern auch den Zustand des Archivs und die Räume. Hier sind die Akten sortiert und weitgehend geordnet, dort sind sie nur mit Schnüren zusammengebunden und aufeinander gestapelt. Hier liegen sie in Registraturboxen, die nicht für die Archivierung geeignet sind, dort stehen sie schon in den richtigen Behältnissen. Hier ein sorgfältig geführter Altbestand, dort abgefallene Etiketten, so dass der Inhalt der Bücher und Ordner nicht mehr ersichtlich ist. Hier gibt es ordentliche Räume, dort ist es zu feucht, zu kalt oder zu warm, um die Unterlagen entsprechend der Vorschriften zu lagern. Schäden wie Schimmelbildung am Papier können die Folge sein.

Als „nicht bestens geeignet“ bezeichnet auch Bürgermeisterin Ingrid Reifenscheid-Eckert die Unterbringung des Archivs in ihrer Gemeinde. Mit dem Abriss der Schule in Hüttenheim ergibt sich die Möglichkeit, geeignete Räume für das Archiv zu schaffen, um dort dann die drei Archive von Willanzheim, Markt Herrnsheim und Hüttenheim unterzubringen. Auch andere Allianz-Gemeinden werden sich im Laufe der nächsten Jahre mit der Frage der Räumlichkeiten auseinandersetzen müssen.

Schriftstücke der Verwaltung, Unterlagen, Rechnungen, Urkunden, Dokumente, Fotos – in einer Gemeinde fällt vieles an. Seit der Gebietsreform 1978 hat die Dokumentenflut deutlich zugenommen. Über die Registratur wandern die Unterlagen nach einigen Jahren ins Archiv und müssen dort gesichtet werden. Was ist von Bedeutung, was muss aufgehoben werden? Julia Halbleib wird die Unterlagen anschauen und bewerten, in so genannte „Findbücher“ aufnehmen und dann in den Bestand eingliedern. Begonnen hat sie in Seinsheim, wo das Archiv recht gut sortiert ist, später wird sie in die anderen Orte wechseln. Die ehrenamtlichen Archivpfleger werden dabei auch weiterhin in die Arbeit und das Konzept eingebunden. „Die Ehrenamtlichen sind auch künftig sehr wichtig“, betont Ingrid Reifenscheid-Eckert. Ohne sie wird es nicht gehen.

Die Bürgermeisterin bezeichnet das Archiv als wichtige Basis für die gemeindliche Arbeit. Was wurde früher gemacht? Wie sehen die alten Pläne aus? Wo verlaufen Leitungen? Das sind nur einige wenige von vielen Fragen, bei denen ein Blick ins Archiv weiterhilft. Gerade bei Orten mit vielen alten, teils denkmalgeschützten Anwesen sei dies wichtig. Aber auch sonst stehe bei jeder Maßnahme erst einmal der Gang ins Archiv an. So hat Reifenscheid-Eckert in den vergangenen Tagen viel über die Entwicklung Hüttenheims, das Anfang Juni sein 1100-jähriges Jubiläum mit dem Kreisheimattag groß feiert, und über das 40-jährige Jubiläum der Gebietsreform Anfang Mai nachgelesen.

„Ohne Archiv gerät vieles in Vergessenheit“, sagt auch Julia Halbleib. Es dokumentiert das Gemeindeleben, das Wirken und Handeln wichtiger lokaler Persönlichkeiten, gesellschaftliche und politische Phänomene und Ereignisse mit lokaler Bedeutsamkeit. Zudem werden im Archiv Dokumente mit „bleibendem rechtswahrenden Charakter“ aufbewahrt, was der Gemeinde Rechtssicherheit gibt. Und schließlich ist es für die Geschichtsschreibung wichtig. „Was nicht aufgehoben wurde, wird vergessen und was vergessen ist, hat für spätere Generationen nicht existiert.“



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