Burgebrach
Bildung

Burgebracher Kinder programmieren ihre Zukunft

Unter digitalem Lernen verstehen die einen, am Computer Aufgaben zu lösen. Burgebracher Schüler steigen tiefer ein: Sie lernen, was im Computer passiert.
Artikel drucken Artikel einbetten
Noch macht Roboter Tobi nicht das, was Fiona, Angelina und Clara  (von links) von ihm wollen. Die drei machen sich auf die Suche nach den Fehlern -  und sind rasch auf der richtigen Fährte. Foto: Barbara Herbst
Noch macht Roboter Tobi nicht das, was Fiona, Angelina und Clara (von links) von ihm wollen. Die drei machen sich auf die Suche nach den Fehlern - und sind rasch auf der richtigen Fährte. Foto: Barbara Herbst
+3 Bilder
"Wieso fährt er nicht um die Kurve?" Clara schaut zuerst Tobi und dann ihre Klassenkameradinnen Angelina und Fiona fragend an. Tobi sieht aus wie ein ferngesteuertes Auto. Er ist blau und hat zwei Sensoren vorne, die an Augen erinnern, und ein freundliches "Lächeln". Auf seiner "Ladefläche" stapeln sich Platinen, Drähte und Lämpchen.
Die drei Viertklässlerinnen sammeln schwarze Streifen ein, die sie auf dem blauen Linoleum im Klassenzimmer zu einer kurvigen Straße gelegt haben. "Mist, die ist noch nicht rund genug", erklärt Fiona. "Wir haben ihn so programmiert, dass er nur auf Schwarz fahren darf. Wenn er auf Blau kommt, hält er an." Mit Klebeband formen die drei eine rundere Bahn - aber so, dass man die Klebestreifen nicht sieht.


Digitale Mündigkeit ist das Ziel

Jetzt kriegt Tobi die Kurve. Problem erkannt. Problem gelöst. Die Mädchen jubeln. Carina Neubauer, Lehrerin an der Grundschule Burgebrach und ihr Kollege Josef Hasselbeck, Lehrer an der Burgebracher Mittelschule und Fachberater für Informatik im Schulamtsbezirk Bamberg-Land, freuen sich mit ihnen: "Sie haben nicht nur erkannt, dass die Kurve zu steil war, sondern auch, dass der Klebefilm das Deckenlicht reflektiert und damit den Sensor gestört hat", sagt Hasselbeck und erklärt den Sinn der Übung: "Digitales Lernen heißt nicht, vor einem Computer zu sitzen und eine Aufgabe zu lösen, die das Gerät vorgibt, sondern dass ich verstehe, wie ein System funktioniert und ich die Strukturen erkenne."


Schon die Jüngsten lernen digital

Kein Problem für Carlos aus der 4a: Er programmiert einen anderen Tobi, indem er ihm am Laptop eine Kette aus "Wenn-Dann"-Befehlen schreibt, einen Algorithmus: "Beim Programmieren gibt man an einem Laptop oder einem anderen Computer Befehle ein. Die Befehle führt dann ein Gerät aus, das du mit dem Laptop ansteuerst", erklärt er und führt das Gesagte gleich praktisch vor.
Dieses zukunftsweisende Grundlagenwissen erarbeiten sich in Burgebrach alle Kinder, schon ab der ersten Klasse. Die Schule setzt praktisch um, was Bildungsforscher, Wirtschaft und Kultusministerium fordern. Das hat erkannt, dass schon kleinste Kinder mit digitalen Medien konfrontiert werden, und deshalb im neuen Lehrplan plus Folgendes festgelegt: "Ziel ist es, junge Menschen auf die digitale Welt vorzubereiten und sie zu kritischen und sachkompetenten Nutzern digitaler Angebote zu machen [...]"


Geld für die Hardware ist da - und dann?

Doch was heißt das konkret? "Es gibt nur Richtlinien, aber nichts Verpflichtendes", bringt es Ute Schmid auf den Punkt. Die Professorin für angewandte Informatik, insbesondere Kognitive Systeme, an der Universität Bamberg, kennt das Problem seit Jahren: "Wann immer ich einen Vortrag halte und es sind Lehrer im Raum, kriege ich einen Riesenapplaus, wenn ich sage: Es wird Geld in die Hardware gesteckt und die Lehrer werden alleingelassen."
Um das zu ändern, hat Schmid mit Vor- und Grundschulpädagogen die Forschungsgruppe Elementarinformatik (FELI) an der Universität Bamberg gegründet. Damit Kinder die "Black Box" Computer richtig verstehen können, hat das Projektteam Experimentierkisten entwickelt, hauptsächlich analoge Stationen, mit denen Vor- und Grundschulkinder spielerisch digitale Vorgänge in einem Computer im Wortsinn be-greifen können.


Burgebracher vernetzen sich

An der Grundschule Burgebrach drängeln sich die Jungen und Mädchen gerade um diese Stationen. Regieanweisungen von den "Großen" brauchen sie für die Experimentierstationen nicht: Am Pixel-Tisch untersuchen drei Schülerinnen, wie ein Computer ein Bild darstellt, und bauen dazu ein Foto mit Legosteinen nach. "Mit feineren Steinen kann ich viel detaillierter arbeiten", erklärt ihnen Carina Neubauer. "Ein kleiner Legostein steht für mehr Pixel." Und je kleiner der Baustein, desto schärfer das Bild. Neubauer hat zusammen mit ihren Kollegen Josef Hasselbeck und Andreas Schweibold von der Mittelschule das Burgebracher Digitalisierungskonzept ausgearbeitet. Über ihren Lehrauftrag an der Uni Bamberg knüpfte sie auch Kontakt zur FELI-Gruppe. "Wir hatten daher das Glück, die Medienkoffer in allen Klassenstufen einsetzen zu können", freut sich Direktorin Edith Kleber. Auch das Schulamt und Burgebrachs Bürgermeister Johannes Maciejonczyk (CSU) hätten bei der Einführung der innovativen Lerninhalte geholfen. Kleber begrüßt die neuen Lehrinhalte, möchte aber sicherstellen, dass der Unterricht "kindgerecht, handlungsorientiert, anschaulich gestaltet und dem Lernniveau der Kinder angepasst sein muss, um die neuen Kompetenzen aufzubauen."


Kinder lernen und lehren

Viertklässler Paul jedenfalls ist bereits Profi an der Pixel-Station und leitet selbstständig die Erstklässler am Pixelbrett an. Darauf sind jede Menge quadratische Felder, in denen "0" oder "1" steht. Der binäre Code, die "Sprache" des Computers. Um das Bild, das sich hinter den Nullen und Einsen versteckt, sichtbar zu machen, soll Erstklässlerin Emma weiße und grüne Holzwürfel aufs Brett legen. "Die Grünen müssen auf die Felder mit einer Eins, die Weißen auf die Null", erklärt Paul. Kurze Zeit später erscheint ein grünes Kleeblatt vor weißem Hintergrund.
Carina Neubauer lässt ihre Schüler sich bewusst gegenseitig fördern: "Kinder lernen von Kindern zuweilen viel besser, denn sie erklären oft gradliniger als Erwachsene." Nebenbei bauen die Kinder so ihre sprachlichen Fähigkeiten aus. Über das Programmieren sei eine aktivierende, herausfordernde und und motivierende Lernkultur entstanden, betont Neubauer. "Dabei werden Problemlösungsstrategien entwickelt und direkt angewandt." Ziel sei es, das Denken der Kinder in kausalen Zusammenhängen zu fördern "und digitale Mündigkeit zu vermitteln".


Mädchen haben den Dreh raus

Ein Zimmer weiter verkabeln Elena und Sophia gerade ihren Computer mit einem Calliope-Stern, einem Minicomputer. "Wir schreiben am Computer, was der Stern machen soll", erklärt Elena. Die Befehlskette ergibt wieder einen Algorithmus. "Wenn wir es hier am Computer programmieren, dann leuchten die Lämpchen am Stern", fügt Sophia hinzu, während sie tippt. Schon leuchtet der Stern auf und strahlt mit den beiden um die Wette.
Mädchen früh für informatorisch-logisches Denken zu begeistern liegt Informatikerin Ute Schmid, die als Frauenbeauftragte an ihrer Fakultät lange kaum Studentinnen zu betreuen hatte, sehr am Herzen: "In der Grundschule sehe ich bei Mädchen und Jungen noch keinen Unterschied beim Interesse für Informatik. Aber das ändert sich irgendwann. Das heißt, je früher man damit anfängt, desto eher schafft man es, das Interesse bei Mädchen auch über die Pubertät hinüber zu erhalten."


Ein ausführliches Interview mit der Bamberger Informatikprofessorin Ute Schmid lesen Sie hier:

Uni-Professorin: Programmieren soll Bildungsangebot in Grundschule werden


Kontakt zur Forschungsgruppe Elementarinformatik (FELI) der Universität Bamberg

www.uni-bamberg.de/kogsys/feli

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren