Bamberg

Raffinierte Betrüger

Ein 23-Jähriger und ein 24-Jähriger müssen sich wegen Betrugs in 667 Fällen vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Sie haben ihre Opfer um knapp 300 000 Euro gebracht.
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Fast drei Jahre lang sollen zwei Berliner, ein 23-jähriger BWL-Student und sein 24-jähriger "Angestellter", arglose Menschen in ganz Deutschland um insgesamt knapp 300 000 Euro betrogen haben. Darunter befinden sich auch Geschädigte aus Nürnberg, Bamberg und Forchheim. Bei weiteren 30 000 Euro scheiterten ihre Versuche. Nun müssen sich die beiden Angeklagten vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Dem Haupttäter drohen fünf Jahre Haft, wenn es nach Staatsanwalt Stephan Schäl geht.

Es wirkt ganz seriös: Auf einer Internet-Seite kann man sich als Produkttester bewerben und bekommt ein kleines Taschengeld für die Bewertung. Nicht Kosmetika, Elektrogeräte oder Lebensmittel sollen da ausprobiert werden, sondern Apps für Smartphones. Eine davon nennt sich "ID now" und dient zur Identifizierung per Chat.

Was die Testpersonen aber nicht wissen: Während sie ihr Gesicht zeigen und ihren Personalausweis in die Webcam halten, sprechen sie nicht mit der Herstellerfirma der App, sondern mit einer Bank irgendwo in Europa. Dorthin haben die Betrüger, ohne dass es die Testpersonen merken, eine Verbindung hergestellt. Mit dieser "ausgebufften Idee", sagte ein Ermittler, hätten die Gauner auf den Namen der "Testpersonen", die ihre persönlichen Daten zur Verfügung gestellt hatten, ein Konto eröffnet. Bislang hat die Kriminalpolizei Nürnberg 69 solcher Konten bei Direktbanken in Deutschland, Ungarn, Litauen und Irland feststellen können. Außerdem kam sie an vier PayPal-Konten.

Kunden bestellten in Fake-Shops

Dank dieser Konten war es den Tätern gelungen, unrechtmäßig Gelder von ahnungslosen Kunden zu erbeuten, die bei Online-Shops Werkzeuge, Haushaltsgeräte und Elektro-Artikel bestellt und im Voraus bezahlt hatten. Doch die Ware kam nie bei ihnen an. Bei den Einkaufsportalen handelte es sich nämlich um Fake-Shops, die es - außer in der virtuellen Fantasie - gar nicht gab. Auch bei Ebay und Ebay-Kleinanzeigen eröffneten die Täter mit den betrügerisch verschafften Identitäten Accounts, um dort Dinge zu veräußern, die sie nie liefern wollten.

Auf die Spur der beiden Betrüger kam man durch eine Bank, die sich wegen des Verdachts der Geldwäsche an die Polizei gewandt hatte, und durch zahlreiche Anzeigen betrogener Käufer. Auch Einwohner aus Bamberg und Forchheim sowie aus Nürnberg meldeten sich bei den Behörden, weshalb die bundesweit aktiven Angeklagten sich nun vor dem Landgericht Bamberg verantworten müssen.

Freilich sagten sie zu Beginn nichts zur Sache, um ihre Chancen auf eine für sie günstige Verständigung mit dem Gericht nicht zu mindern. Der von Vorsitzendem Richter Markus Reznik und seiner Kammer vorgeschlagene Deal lautet: Umfassendes Geständnis und dadurch deutliche Verkürzung des Prozesses gegen absehbare Freiheitsstrafen. So könnte der Komplize des Haupttäters mit einer Bewährungsstrafe von unter zwei Jahren rechnen, was erklärtes Ziel seines Rechtsanwaltes Thomas Drehsen aus Bamberg ist.

Da macht die Vorstrafe wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes keinen guten Eindruck. Der 24-jährige Mann hatte vor sechs Jahren im Kleist-Park in Berlin mit einem anderen Maskierten zusammen zwei Jugendliche überfallen. Mit einem Messer und einem Teleskop-Schlagstock hatten sie die beiden bedroht, sie geschlagen und ihnen Geld und Wertsachen entrissen. Das Amtsgericht Tiergarten hatte dafür die "Strafe" von 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit verhängt.

Der Haupttäter gab an, die hohen Summen nicht wegen der Finanzierung seines Drogenkonsums ergaunert zu haben. Obwohl sich die Liste seiner Rauschmittel eindrucksvoll las: Alkohol, wenn er einsam war, Cannabis, wenn er mit Freunden beisammen war, Testosteron, wenn er depressiv war, Ecstasy, wenn er auf einer Party war, Kokain, wenn er antriebslos war und Speed, wenn er Sex mit seiner Freundin hatte.

Seit acht Monaten in U-Haft

Dafür spricht, dass die Staatsanwaltschaft noch rund 130 000 Euro beschlagnahmen konnte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass der Angeklagte daran dachte, auszuwandern. Nun sitzt er seit acht Monaten in Untersuchungshaft in der JVA Bamberg. Dabei hatte er sich mit Wegwerf-Handys, einem Bot-Netzwerk, Darknet-Kontakten, VPN-Tunneln und Falschpersonalien große Mühe gegeben, seine wahre Identität zu verbergen.

Entsprechend aufwendig waren die Ermittlungen der Zentralstelle für Cybercrime bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, die nun 667 von mehr als 1400 Taten zur Anklage brachte. Sie verbergen sich in 180 Leitz-Ordnern, die darauf warten, im Gerichtssaal geöffnet zu werden.

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