Mieterbund schlägt Alarm: So viele Haushalte stehen am finanziellen Limit

Rund 6,6 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland gelten als finanziell überlastet – sie geben mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für Wohnen aus.

Wer in Deutschland zur Miete wohnt, kennt das Gefühl: Am Monatsende bleibt nach Kaltmiete und Heizkosten oft erschreckend wenig übrig. Doch was sich für viele wie ein persönliches Problem anfühlt, ist längst eine gesellschaftliche Schieflage – und neue Zahlen des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) machen das Ausmaß messbar: Etwa 3,2 Millionen Mieterhaushalte verwenden über 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für das Wohnen, wie die IWU-Untersuchung im Auftrag des Deutschen Mieterbunds zeigt. Weitere 3,4 Millionen Mieterhaushalte geben zwischen 30 und 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Kaltmiete und Heizkosten aus.

Besonders brutal ist die Lage in Großstädten wie Berlin, München und Frankfurt, wo neue Mietverträge die Wohnkostenbelastung in schwindelerregende Höhen treiben – und wo die Mietpreisbremse zwar auf dem Papier gilt, in der Praxis aber allzu oft ausgehebelt wird. Der Mieterbund fordert jetzt ein konsequentes Umsteuern: mehr Sozialwohnungen, härtere Bußgelder und eine dauerhaft wirkende Mietpreisbremse. Die Präsidentin des Deutschen Mieterbunds, Melanie Weber-Moritz, bezeichnete die Zahlen als alarmierend. "Die Bundesregierung muss jetzt Mieterinnen und Mieter vor weiteren Belastungen schützen."

Am "finanziellen Limit": Wohnen in Deutschland zu teuer?

Ein hoher Anteil von Geringverdienern ist betroffen. Der Studie zufolge gehören von den fast 20 Millionen Mieterhaushalten in Deutschland 42 Prozent oder 8,3 Millionen zum unteren Einkommensdrittel: Sie haben ein durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen von 1417 Euro pro Monat. Diese Gruppe steht mit ihren Wohnkosten am "finanziellen Limit".

"Besonders betroffen sind die untersten zehn Prozent der Einkommensverteilung. Sie haben eine durchschnittliche Wohnkostenbelastung von 60 Prozent", heißt es in der Studie, die auf Daten aus dem jüngsten Mikrozensus 2022 zu Einkommen und Mieten basiert. Die Zahlen wurden anhand von Angaben des Statistischen Bundesamts auf den neuesten verfügbaren Stand von 2024 fortgeschrieben.

Anders als der Mieterbund sieht das Statistische Bundesamt nur eine relativ kleine Minderheit der Bevölkerung von ihren Wohnkosten überlastet. Im Jahr 2025 waren davon 11,2 Prozent der Menschen in Deutschland oder rund jeder Neunte betroffen, hat die Behörde auf Basis früherer europäischer Statistikdaten errechnet. Das Statistische Bundesamt zieht die Grenze strenger und betrachtet Haushalte erst als überlastet, wenn sie mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnen ausgeben.

Kürzlich umgezogen? Neue Mieter zahlen deutlich mehr

Der Mieterbund schreibt, dass der Anstieg der Mieten die Wohnkostenbelastung vieler Haushalte erhöht, besonders für jene, die kürzlich umgezogen sind. So sind die Mieten in Verträgen ab 2020 durchschnittlich gut ein Fünftel höher, und Mieterhaushalte haben mit 33 Prozent eine deutlich höhere Wohnkostenbelastung als Haushalte, die vor 2020 eingezogen sind. Besonders betroffen sind Großstädte: In Berlin liegen die Mieten von Haushalten, die nach 2020 eingezogen sind, durchschnittlich 29 Prozent über dem Durchschnitt aller Mietverträge. In München sind es 26 und in Frankfurt 25 Prozent.

Dahinter steckt, dass viele Menschen, die einen bezahlbaren Mietvertrag haben, einen Umzug scheuen – das friert die Mietmärkte förmlich ein. Die Wohnkostenbelastung in Metropolen liegt bei über 30 Prozent und bei neuen Mietverträgen über 35 Prozent, so der Mieterbund.

Die Folgen sind weitreichend: Laut einer aktuellen PwC-Umfrage hat bereits jeder dritte Berufstätige in deutschen Großstädten wegen der hohen Mieten über einen Jobwechsel nachgedacht – ein wachsendes Problem auch für Unternehmen bei der Fachkräftegewinnung. "Die Spirale immer stärker steigender Mieten muss gestoppt werden."

Mieterbund fordert Mietpreisbremse und mehr Sozialwohnungen

Dazu muss die Bundesregierung die geplante strengere Ahndung von Mietwucher durchsetzen, die Mietpreisbremse verschärfen und Verstöße mit empfindlichen Bußgeldern ahnden, damit Mieterinnen und Mieter endlich vor illegaler Mietüberhöhung geschützt sind, fordert Weber-Moritz. Die Mietpreisbremse, die in angespannten Wohnungsmärkten gilt und nach ihrer Verlängerung nun bis Ende 2029 befristet ist, müsse dauerhaft entfristet werden und bundesweit wirken. Dass die Mietpreisbremse in der Praxis jedoch oft ausgehebelt wird – etwa durch Möblierungszuschläge, separate Kellerverträge oder angebliche Modernisierungen – zeigt, wie viele Vermieter trotz geltender Regelung höhere Mieten durchsetzen.

Der Mieterbund fordert ferner, dass der Bestand an Sozialwohnungen bis 2030 von zuletzt 1,1 Millionen auf mindestens 2 Millionen Wohnungen steigen soll. Auch müsse es mehr öffentliche Wohnungen geben, um im Mietwohnungsmarkt "ein dauerhaft preisgebundenes und bezahlbares Segment zu etablieren".

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