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Faktencheck

Nahrungsergänzungsmittel: Wie gesund sind sie wirklich? Diese Wechsel - und Nebenwirkungen gibt es

Egal ob Shakes, Pulver, Vitamin-Kapseln, Botanicals oder Mineralien-Präparate: Nahrungsergänzungsmittel boomen. Doch: Viele Menschen wissen gar nicht, was sie eigentlich genau zu sich nehmen - und welche Auswirkungen die Mittel auf ihren Körper haben können.
Wie gesund sind Nahrungsergänzungsmittel wirklich? Und: Können sie auch schaden?
Wie gesund sind Nahrungsergänzungsmittel wirklich? Und: Können sie auch schaden? Foto: Diana Polekhina / unsplash.com
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  • Schön, fit und leistungsstark: Nahrungsergänzungsmittel boomen
  • Unterschied von Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten
  • Wie wirken Nahrungsergänzungsmittel?
  • Wie gut sind sie wirklich? Betrachtung der Faktenlage
  • Von Inhaltsstoffen und jeder Menge Zucker
  • NEM und Kinder: Alles völlig unbedenktlich?

Sie machen schön, schlank, fit, wach und leistungsstark. Päckchen auf, Pulver ins Glas, umrühren, trinken, fertig. Nahrungsergänzungsmittel (NEM) boomen. Der Hype um die bunten Pulver-Päckchen und Super-Shakes, die nicht nur ein besseres Wohlbefinden, sondern gleich einen gesünderen Lifestyle versprechen, wächst und wächst. Nicht zuletzt, weil sich das Image vieler NEM geändert hat: Über Instagram, Influencer und über den Direktvertrieb im Freundes- und Bekanntenkreis über sogenanntes Multi-Level-Marketing spezieller NEM-Firmen erreichen die Mittel mittlerweile vor allem junge Leute. 

Näherungsergänzungsmittel boomen: Seit fünf Jahren wächst die Branche stetig

Laut ärzteblatt.de erfahren jegliche Nahrungsergänzungsmittel seit etwa fünf Jahren einen durchschnittlichen Zugewinn von rund sechs Prozent pro Jahr – Tendenz steigend. Im Jahr 2019 erwirtschafteten derartige Produkte einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro. Besonders beliebt: Vitamin- und Mineralstoffpräparate, Produkte wie Spurenelemente, Ballaststoffe, Pflanzen- und Kräuterextrakte. 

Doch, wo Erfolg herrscht, ist Kritik nicht weit: Nahrungsergänzungsmittel seien überflüssig, heißt es in etlichen Foren oder auf Websites. Eine ausgewogene Ernährung reiche aus, um gesund, fit und leistungsstark zu sein. Pulver, Shakes und Riegel könnten sogar gesundheitsschädlich werden. Wer nicht aufpasst, könne sich dopen, ohne es zu wollen. Doch, wie ist denn nun die Faktenlage? 

Beginnen wir von vorne: Bereits im Mai 2004 stimmte der Bundesrat einem Entwurf einer Verordnung zu, der die Richtlinien für Nahrungsergänzungsmittel festlegt. Wiedergegeben in der Deutschen Apotheker Zeitung definiert sich ein NEM-Produkt dadurch, dass es erstens dazu bestimmt ist, die allgemeine Ernährung zu ergänzen, zweitens ein Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung allein oder in Zusammensetzung darstellt und drittens, in dosierter Form – also in abgemessenen kleinen Mengen via Kapseln, Päckchen, Pastillen, Pillen oder dergleichen – in den Verkehr gebracht wird. 

Keine Zulassung: Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente

Da Nahrungsergänzungsmittel ebendieser Verordnung unterliegen, sind es keine Medikamente oder Arzneien. Diese unterliegen wiederum der Arzneimittelverordnung. NEM sind daher nicht geeignet, Krankheiten zu lindern oder gar zu heilen, sondern schlichtweg eine Ergänzung der allgemeinen Ernährung zu ermöglichen. Im Vergleich zu Arzneimitteln durchlaufen Nahrungsergänzungsmittel auch kein Zulassungsverfahren. Sie werden behandelt und gewertet wie alle anderen Lebensmittel auch und sind genauso gut oder schlecht geprüft, wie die Banane in Ihrem Obstkorb oder der Joghurt im Kühlschrank.

Die Mittel erwecken den Anschein, gesund zu sein. Betrachtet man allerdings die Liste der erlaubten Inhaltsstoffe, die durch die oben genannte Verordnung festgelegt wurden, könnten sich erste Zweifel breit machen: Süßungsmittel, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Konservierungsstoffe oder auch Stabilisatoren dürfen problemlos Verwendung bei der Herstellung finden. Sind die Inhaltsstoffe auf der Verpackung angegeben, dürfen diese bis zu 50 Prozent von der angegebenen Menge abweichen. Arzneimittel und Medikamente dürfen im Vergleich bei Inhaltsstoffen nur 5 Prozent abweichen. Das bestätigt unter anderem das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Ein weiteres Problem, das unter anderem auch vom Bundesinstitut für Risikobewertung – kurz BfR – genannt wird, stellen sogenannte isolierte Nährstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln dar. Dazu zählt beispielsweise Zucker. Aufgelistet auf Verpackungen heißt dieser dann "Glucose", "Fructose", "Dextrose" oder "Laktose". 

Die Verbraucherzentrale nennt hier ein klares Beispiel: Bei Untersuchungen von Produkten einer bestimmten Nahrungsergänzungsmittel-Marke ist in etlichen Fällen die Hauptzutat Zucker in einer der oben genannten Formen. "Der Verzehr von Zucker mit herkömmlichen Lebensmitteln ist in der Regel ohnehin hoch, Experten raten daher die Aufnahme von isolierten Zuckern stark zu senken", heißt es im diesbezüglichen Artikel der Verbraucherzentrale. Dass Zucker, vor allem in verarbeiteter Form, nicht gesund ist und Krankheiten fördern kann, ist allgemein bekannt. Dass Zucker in diversen Mengen eine aufputschende Wirkung hat, da er nur wenige Minuten nach Einnahme im Blut angelangt, den Insulinspiegel erhöht, zu einem kurzzeitigen Anstieg von Serotonin – also Glücksgefühlen – und unserer Konzentration führt: das machen sich wohl Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln zunutze. Kommen dann auch noch koffeinhaltige Inhaltsstoffe wie beispielsweise Guaranaextraktpulver hinzu, fühlen wir uns fit, wach und leistungsstark. Natürlich sind auch Vitamine in den NEM enthalten. Nur stehen diese laut Verbraucherzentrale, bei einer Vielzahl von Produkten eher am Ende der Zutatenliste. Wobei auch hier anzumerken ist, dass die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln den Zuckergehalt nicht angeben müssen.

"Kölner Liste": Orientierung in einem intransparenten Markt

Diverse Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln werben damit, dass namenhafte Leistungssportler ihre Produkte regelmäßig einnehmen und die jeweiligen Mittel auch auf der sogenannten "Kölner Liste" geführt werden oder ein TÜV-Siegel tragen. Bezüglich des TÜV-Siegels heißt es seitens der Verbraucherzentrale, dass dies nur "beweist", dass es ein Qualitätsmanagement gibt. Mehr aber auch nicht.

Die "Kölner Liste" ist hingegen eine Initiative aus dem Sport und führt Nahrungsergänzungsmittel und Sportlernahrung mit "minimiertem Dopingrisiko". Das Ziel der "Kölner Liste": "Sie bietet Athlet*innen Schutz und gibt Orientierung in einem intransparenten Markt mit tausenden von nicht kontrollierten Produkten." 

Doch, auch wenn die NEM, die Sie vielleicht gerade einnehmen, auf der "Kölner Liste" zu finden sind, weist die Initiative selbst darauf hin: "Dennoch der Hinweis, dass verfahrenstechnisch eine 100%ige Sicherheit von NEM nicht garantiert werden kann, sondern nur eine Minimierung des Dopingrisikos. Wer ganz sicher gehen möchte, sollte auf NEM und Sportlernahrung verzichten." Auf Nachfrage von inFranken.de bei der Verbraucherzentrale heißt es, dass nicht einmal Leistungssportler unbedingt NEM zu sich nehmen müssten, da sie meist in Sachen Ernährung geschult sind und verstärkt auf ihren Körper achten.

Nahrungsergänzungsmittel: Gibt es Risiken? 

Tatsächlich hätten es die meisten Menschen in Deutschland überhaupt nicht nötig Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Seitens der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt es, dass Deutschland kein Vitaminmangelland ist. Vitaminmangelkrankheiten kommen hierzulande nur äußerst selten vor, heißt es weiter. Demnach seien Nahrungsergänzungsmittel nicht nötigt. "Und damit nicht genug: Dem fehlenden Nutzen der Einnahme von Vitaminpräparaten steht sogar das Gesundheitsrisiko durch zu hohe Zufuhrmengen gegenüber, insbesondere dann, wenn hoch dosierte Präparate über eine längere Zeit eingenommen und zusätzlich angereicherte Lebensmittel verzehrt werden", erklärt diesbezüglich Prof. Dr. Helmut Heseker, Präsident der DGE. Hier sei nochmal erinnert, dass die Dosierung der Inhaltsstoffe um bis zu 50 Prozent abweichen kann und so eine Überdosierung nicht unwahrscheinlich ist.

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Da es bei Nahrungsergänzungsmittel, wie oben erklärt, keiner Zulassung bedarf, müssen Hersteller auch keinen "Beipackzettel" mit möglichen Neben- oder Wechselwirkungen beilegen.  Dr. Ulrike Thieme von ZAVA merkt an: "Grundsätzlich ist es immer wichtig, vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einem Arzt zu sprechen. Er kann nicht nur Empfehlungen zur Dosierung abgeben, sondern auch Präparate vorschlagen, die im individuellen Fall besonders gut geeignet sind. Eine Blutuntersuchung ermittelt den genauen Bedarf und gibt beiden Seiten mehr Sicherheit." Gerade bei Kindern sollte vorab unbedingt mit einem Arzt gesprochen werden. Manche jüngeren Kinder bekommen Vitamin-Präparate, allerdings handelt es sich dabei um Arzneimittel. Wo hier die Unterschiede liegen, können Sie einer Tabelle des LGL entnehmen.

Um sich ein Bild von Wechsel - und Nebenwirkungen durch NEM zu machen, hat die Verbraucherzentrale einige Beispiele aufgeführt, die durch vermeintlich ungefährliche Nahrungsergänzungsmittel auftreten können. Drei der Beispiele lauten:

  • Raucher sollten keine Beta-Carotin-haltigen NEM einnehmen. Bei Rauchern wurde unter Einnahme von Beta-Carotin ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko und eine erhöhte Sterblichkeit aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen beobachtet.
  • Bei Frauen kann sich nach der Menopause das Risiko für Hüftfrakturen und Osteoporose durch Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin-A bereits bei 1,5 Milligramm täglich verdoppeln.
  • Die Einnahme von Calcium durch NEM kann Nierenfunktionsstörungen, sowie Nieren- und Harnsteine zur Folge haben. 

Doch Neben- und Wechselwirkungen sind nicht die einzigen Risiken, die NEM bergen. Hinzu kommt, dass diverse Nahrungsergänzungsmittel aufgrund ihres Vertriebsweges über Instagram, Influencer, Freunde und Bekannte ein gewisses Suchtpotenzial aufgrund des sozialen Umfelds und Lifestyle-Versprechungen mit sich bringen. In diesem Zuge weist die Verbraucherzentrale daraufhin, sich vor "unqualifizierten Berater:innen" zu hüten und sich stattdessen in der Apotheke, bei Ernährungsberatern oder bei Ihrem Arzt zu informieren. Ein weiteres Suchtpotenzial haben NEM mit beispielsweise koffeinhaltigen Stoffen. Koffein kann süchtig machen. 

Um zu ermitteln, welche NEM Sie möglicherweise wirklich benötigen und wie viel davon, hat die Verbraucherzentrale eine Check-Liste zusammengestellt, die Ihnen dabei helfen soll.

Fazit

Es gibt kein Nahrungsergänzungsmittel, das vollkommen unbedenklich eingenommen werden kann. Bevor Sie sich dafür entscheiden, Nahrungsergänzungsmittel zu konsumieren, sollten Sie mit einem qualifizierten Ernährungsberater, einem Apotheker oder ihrem Arzt sprechen. Vor allem dann, wenn Sie regelmäßig Medikamente nehmen oder an chronischen Krankheiten leiden. Zu bedenken ist auch die Intention, weshalb Sie auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen wollen. NEM machen Sinn, sollten Sie aufgrund Ihrer allgemeinen Ernährung mögliche Mängel haben, zum Beispiel dann, wenn Sie auf Milchprodukte verzichten. Jegliche Informationen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel können Sie auch unter klartext-nahrungsergaenzung.de einsehen. 

 

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