In Europa sterben jedes Jahr mehr als 70.000 Männer an Prostatakrebs, ein Vielfaches mehr erkranken daran. Wie genau Prostatakrebs entsteht, ist dabei noch weitgehend unbekannt. Zumindest bislang. Denn einem Forschungsteam der University of East Anglia (UEA) ist es gelungen, einen Zusammenhang zwischen aggressiven Formen von Prostatakrebs und besonderen Bakterien in einer Studie festzustellen. Die Hoffnung der Forschenden ist, dass mit den neu gewonnenen Erkenntnissen der Weg für Behandlungen geebnet werden könnte, indem man die speziellen Bakterien behandelt und dadurch die Entwicklung von aggressivem Prostatakrebs verlangsamen oder verhindern kann. 

Der Leiter des Forschungsprojektes, Colin Cooper von der medizinischen Fakultät der UEA in Norwich, erklärte: "Wir wissen bereits von einigen starken Verbindungen zwischen Infektionen und Krebs." Bekannt sei, dass Helicobacter pylori-Bakterien im Verdauungstrakt zu Magengeschwüren führen können, die mit Magenkrebs in Verbindung gebracht werden. Einige Typen des HPV-Virus stehen zudem im Verdacht, Gebärmutterhalskrebs verursachen zu können.

Bakterien stehen in engem Zusammenhang mit aggressivem Prostatakrebs

"Wir wollten herausfinden, ob Bakterien mit der Art und Weise, wie Prostatakrebs wächst und sich ausbreitet, in Verbindung gebracht werden können", schilderte der Wissenschaftler. Laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die für die Studie verantwortlich sind, sei wenig darüber bekannt, was dazu führt, dass manche Prostatakarzinome aggressiver werden als andere. Mit der Verbindung der Bakterien zu Prostatakrebs habe man nun jedoch "einen kleinen Teil des Puzzles" entdeckt. 

Für die Forschung arbeiteten die Forschenden mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Norfolk und Norwich University Krankenhauses, dem Quadram Institute und anderen Kooperationspartnerinnen und Partnern zusammen. Sie analysierten Urin- oder Gewebeproben von mehr als 600 Patientinnen und Patienten mit oder ohne Prostatakrebs. Dabei gelang es den Forschenden Methoden zu entwickeln, mit denen die Bakterien ausfindig gemacht werden konnten, die mit aggressivem Prostatakrebs in Verbindung gebracht werden. Die Erstautorin der Forschungsarbeit und ebenfalls Wissenschaftlerin an der Fakultät UEA in Norwich, Rachel Hurst, sagte: "Um die Bakterien aufzuspüren, haben wir etwa das gesamte Erbgut der entnommenen Gewebeproben untersucht. Bei der Untersuchung wird vor allem das Erbgut des Tumors sowie des eventuellen Krankheitserregers untersucht. So konnten wir auch Bakterien nachweisen." 

Bei der Untersuchung haben die Forschenden mehrere Bakterientypen gefunden, die mit aggressivem Prostatakrebs in Verbindung stehen. Einige davon seien neue Bakterientypen, die noch nie zuvor gefunden worden seien. Zwei dieser neu entdeckten Bakterienarten wurden nach Unterstützerinnen und Unterstützern der Studie benannt. "Porphyromonas bobii" und "Varibaculum prostatecancerukia". Die entdeckten Bakterien sind "anaerob", können also auch ohne Sauerstoff wachsen. Rachel Hurst sagte: "Wenn eines dieser spezifischen anaeroben Bakterien in den Proben der Patientinnen und Patienten nachgewiesen wurde, war dies mit dem Vorhandensein eines höheren Grades von Prostatakrebs und einem schnelleren Fortschreiten der Krankheit verbunden. Allerdings wissen wir noch nicht, wie die Menschen diese Bakterien aufnehmen, ob sie den Krebs verursachen oder ob eine schlechte Immunreaktion das Wachstum der Bakterien ermöglicht."

Forschung könnte zu völlig neuen Therapieansätzen führen 

Das Forschungsteam hoffe jedoch, dass die gewonnenen Ergebnisse zu neuen Behandlungsmöglichkeiten führen, welche die Entwicklung von aggressivem Prostatakrebs verlangsamen oder verhindern können. "Unsere Arbeit könnte auch den Grundstein für neue Tests legen, die Bakterien nutzen, um die wirksamste Behandlung für den Krebs eines jeden Mannes vorherzusagen", erzählt Hurst. Wichtig sei für die Zukunft, nicht die nützlichen Bakterien, die den menschlichen Organismus unterstützen, mit anzugreifen. Laut Daniel Brewer von der medizinischen Fakultät der UEA in Norwich sei eine der größten Herausforderungen herauszufinden, man abwarten müsse und wann eine Behandlung gegen den Krebs begonnen werden müsse. Werde es möglich aggressive Krebsarten gezielt behandeln können, während anderen eine unnötige Behandlung erspart werde, könne das die Art und Weise wie man mit Prostatakrebs umgehe drastisch verändern.

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Robert Mills, Facharzt für Urologie am Norfolk und Norwich Universitätskrankenhaus, sagte: "Diese Forschung hat einen möglichen Zusammenhang zwischen aggressiverem Prostatakrebs und dem Vorhandensein bestimmter Bakterien in der Prostata und im Urin gezeigt. Ob es sich dabei um Ursache oder Wirkung handelt, ist nicht klar und wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein." Hayley Luxton, Forscherin der gemeinnützigen Aktion "Prostatakrebs Vereinigtes Königreich" sagte: "Die Entdeckung ist wirklich aufregend und hat das Potenzial, die Behandlung von Männern wirklich zu revolutionieren." Sie erklärte weiter: "Wir haben derzeit keine Möglichkeit, aggressiven Prostatakrebs zuverlässig zu identifizieren. Diese Forschung könnte dazu beitragen, dass Männer die richtige Behandlung erhalten. Wenn das Team nachweisen kann, dass diese identifizierten Bakterien aggressiven Prostatakrebs nicht nur vorhersagen, sondern sogar verursachen können, könnten wir zum ersten Mal in der Lage sein, das Auftreten von Prostatakrebs zu verhindern. Das wäre ein großer Durchbruch, der jedes Jahr Tausende von Leben retten könnte." 

Die Studie "Microbiomes of Urine and the Prostate are Linked to Human Prostate Cancer Risk Groups" wurde im Fachmagazin "European Urology Oncology" publiziert und von Bob Champion Cancer Trust und Prostate Cancer UK finanziert.

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