• Recherchen der "Zeit" ergaben: Ein Teil der Covid-Patienten ist nicht wegen einer Corona-Infektion auf der Intensivstation
  • Das DIVI äußert sich zu dieser Einschätzung kritisch
  • Was bedeutet dies für die Bewertung der Corona-Lage auf deutschen Intensivstationen?

Sind gar nicht so viele Menschen wie gedacht wegen Covid-19 auf deutschen Intensivstationen? Laut Recherchen der Wochenzeitung “Die Zeit” sind 20 bis 30 Prozent der Corona-Patienten auf Intensivstationen nicht wegen einer Covid-19-Erkrankung dort, sondern wurden nur “zufällig positiv getestet”. So seien Menschen etwa nach einem Unfall auf einer Intensivstation und würden standardmäßig beim Eintreffen getestet. Ist der PCR-Test bei ihnen positiv, gelten sie als Corona-Intensivpatienten.  

DIVI: Aussage der "Zeit" ist falsch

Da sich viele Einschätzungen über die Gefährlichkeit der Corona-Lage aber darauf stützen, klingt das schockierend: Ist es etwa gar nicht so schlimm, wie uns die veröffentlichten Statistiken glauben machen?  

Laut der “Zeit” ist die Zahl der Menschen, die wegen Corona behandelt werden, überschätzt. Die Zahlen stützen sich zum Einen auf die Nachfrage in 20 Krankenhäusern, zum Anderen beruft sich die Zeitung auf den deutschen Verband der Intensivmediziner (DIVI). Diese Meldung machte in den vergangenen Tagen die Runde, viele große deutsche Medien übernahmen die Zahlen ungeprüft. Beim DIVI jedoch widerspricht man dem Artikel in der Wochenzeitung vehement. Nina Meckel, Pressesprecherin des DIVI, erklärt, entgegen dem Bericht habe das DIVI niemals bestätigt, dass 10 Prozent der “als Corona-Fälle gemeldeten Patienten wegen einer anderen Ursache behandelt” würden. Diese Aussage sei eine ungefähre Einschätzung von Christian Karagiannidis, Sprecher der DIVI-Sektion "Lunge – Respiratorisches Versagen" sowie Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim gewesen.  

Die Zahlen aus den “Zeit”-Recherchen könne man gar nicht bestätigen, weil dazu keine belastbaren Zahlen vorliegen. Dem DIVI werden nämlich täglich lediglich Zahlen zu betreibbaren Betten, belegten Betten sowie positiven PCR-Tests gemeldet. Genauer: Liegt in einem Bett eine Person mit positivem PCR-Ergebnis oder nicht. Man verfolge keine Patientengeschichten und weitergehende Patientendaten – ob die Person mit positivem PCR-Test in einem Bett an Tag X die gleiche sei wie an Tag Y, geht aus den Daten des DIVI nicht hervor. Die Aussage im “Zeit”-Artikel, so die klare Aussage von Nina Meckel, sei schlicht falsch. Die Zahlen sind andererseits natürlich auch nicht völlig daneben, doch es gibt eben keine statistische Auswertung, die belastbar ist.  

Nur "nebenbei" an Corona infiziert? Risiko für Intensivpatienten ist hoch

Was bedeuten aber diese Zahlen, die von der “Zeit” recherchiert wurden? Ist die Lage in deutschen Krankenhäusern weniger angespannt als die veröffentlichten Daten des deutschen Intensivregisters es nahelegen?  

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Auch hierzu hat Nina Meckel eine eindeutige Einschätzung: Die Lage sei deshalb kaum eine andere, denn Menschen, die auf Intensivstationen behandelt werden und sich mit dem Coronavirus infiziert haben, haben ein deutlich höheres Risiko, an ihrer weiteren, bzw. Ursprünglichen Diagnose zu sterben und auch ein schwerer Verlauf von Covid-19 sei sehr viel wahrscheinlicher. “Diese Menschen haben nicht einfach nur ein gebrochenes Bein und nebenbei Corona”, erläutert Meckel. Hätten sie keine weitere Erkrankung, wäre ein leichter Verlauf wahrscheinlicher.  

Ein positiver PCR-Test bedeutet neben einem höheren Risiko für die Intensivpatienten außerdem, dass sie mehr Platz benötigen. Corona-Patienten müssen isoliert werden. Das führt dazu, dass insgesamt weniger Betten verfügbar sind. Ehemalige Zweibettzimmer werden so teilweise zu Einzelzimmern. Die Folge: Die Zahl der betreibbaren Betten sinkt.  

Die Datenlage zu Corona in Deutschland ist nicht gut

Die Erkenntnis, dass ein Teil der Patienten auf Intensivstationen zwar nicht ursächlich wegen einer Covid-19-Erkrankung eingeliefert wurden, aber dennoch schwer krank und mit Corona infiziert sind, hat nun in der Realität leider wenig Auswirkungen und ist wohl auch kein Argument, schneller zu Lockerungen zu kommen.  

Die Situationen auf deutschen Intensivstationen wird dadurch nicht entspannter, denn was Statistiken zu freien Betten nicht sichtbar machen: Für die laut DIVI verfügbaren Betten sind zwar Pflegekräfte nach dem üblichen Schlüssel vorhanden, die Mehrbelastung durch die Covid-Patienten wird dabei jedoch nicht berücksichtigt. Der Schlüssel besagt, dass pro 2,5 Patienten eine Pflegekraft bereitsteht (in Nachtschichten eine Kraft pro 3,5 Patienten). Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung benötigen zum Einen intensivere Pflege, außerdem wird für Maßnahmen wie das An- und Ausziehen von Ganzkörperschutzkleidung zusätzliche Zeit benötigt, die Pflegekräfte sowieso schon nicht haben. Die Arbeitsbelastung ist also weiter unverändert hoch.  

So wenig die Daten aus der “Zeit”-Recherche dazu geeignet sind, die Corona-Strategie in die eine oder andere Richtung abzuändern, so sehr zeigt sich durch die Beschäftigung mit den Daten doch: Die Datenlage zu Corona ist in Deutschland schlecht. So liegen keine dauerhaft belastbaren Daten zur Altersstruktur von Corona-Intensivpatienten vor. Das DIVI hat sie nicht, das RKI hat sie nicht. Diese Daten liegen bei Krankenkassen und bei den einzelnen Krankenhäusern. Hier gibt es zwar Studien,etwa von Christian Karagiannidis im vergangenen Juli veröffentlicht, aber die Auswertung der Daten (im obigen Fall lagen Daten der AOK zugrunde) ist langwierig und komplex.  

Altersstruktur: Neue Studie braucht noch Zeit

Zum durchschnittlichen Alter von Covid-Patienten auf deutschen Intensivstationen kann die Pressesprecherin des DIVI also auch nur eine Einschätzung abgeben, die auf Stichproben beruht: Laut dieser sind die Patienten etwa Anfang 60. Es lege die Vermutung nahe, dass nach der ersten Welle eine Vielzahl von sehr alten Menschen Patientenverfügungen abgeschlossen haben und schlicht nicht auf Intensivstationen landen, um dort beatmet zu werden. Nina Meckel betont aber, dass dies nicht auf statistischen Daten beruht, sondern ebenfalls auf Gesprächen, Stichproben und Erfahrungen beruht. Es gibt in Deutschland keine belastbaren Zahlen, die hierzu eine Aussage treffen können.  

Über eine etwaige Veränderung von Altersstruktur und Sterblichkeit von Covid-Patienten allgemein und in den einzelnen Altersgruppen wird es frühestens im Mai wieder eine Studie geben. Derzeit werde daran gearbeitet, entsprechende Krankenkassen-Daten auszuwerten, so Meckel im Gespräch.

Bei der letzten Studie hatte sich ergeben, dass das Durchschnittsalter der Covid-Patienten bei 68 Jahren lag. Die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen sowie der 70- bis 79-Jährigen wurden im Studienzeitraum häufiger beatmet als jünger, aber auch ältere Patienten. Es ist abzuwarten, ob und wie sich die Daten in der zweiten Welle verschoben haben.  

 

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