• Covid-19 kann schwerwiegende Folgen haben  - selbst bei leichtem Krankheitsverlauf
  • Psychosen, Lähmungen, Atemnot oder Hirnschäden können als Spätfolgen auftreten
  • Erfreulich: Lungenschäden bilden sich teilweise wieder zurück
  • Auch Hörverlust zählt mittlerweile zu den Langzeitfolgen

Die Langzeitfolgen der Krankheit "Covid-19" sind noch immer ungewiss. Gleichwohl ist durch neueste Erkenntnisse der Forschung inzwischen klar geworden: Das Virus beschränkt sich nicht auf die Lunge - vielmehr kann es sämtliche Organe angreifen. Zudem fanden Forscher heraus, welche Schäden das Coronavirus im Gehirn anrichten kann. Zuvor war bereits bekannt geworden, dass eine Infektion mit dem Coronavirus auch zu Psychosen führen kann.

Update vom 27.10.2020, 13.30 Uhr: Neue Langzeitfolge entdeckt - Mann verliert Gehör

Das Fachjournal British Medical Journal berichtet von einem Mann, der aufgrund einer Corona-Infektion sein Gehör verloren haben soll. Laut den Medizinern hab der 45-Jährige zehn Tage lang an den Symptomen von "Sars-CoV-2" gelitten, bis er ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Trotz schwerer Erkrankung schlug die stationäre Behandlung an, allerdings machte sich beim Patienten ein Tinnitus auf der linken Seite bemerkbar. Das dauerhafte Piepsen führte schließlich zum Verlust des gesamten Gehörs.

Eine ärztliche Untersuchung ergab, dass der Betroffene weder an einer Blockade, noch an einer Entzündung im Ohr litt. Mithilfe von Steroidtabletten und Injektionen konnten sich das Gehör zwar teilweise wieder erholen - eine vollständige Regeneration war allerdings nicht mehr möglich, berichten die Mediziner.

Update vom 10.09.2020, 8:30 Uhr:  Lungenschäden durch Corona sind reversibel

Neben langfristigen gesundheitlichen Beschwerden werden auch die Symptome einer Ansteckung analysiert. Darunter fällt auch Kurzatmigkeit beziehungsweise Atemnot. Einige Patienten berichten, dass sie auch noch lange nach der Genesung Beschwerden haben. Das Coronavirus bereitet Lungenärzten Sorge, da das Lungengewebe angegriffen wird. Eine Schädigung der Lungenflügel ist oftmals der Fall. Viele Infizierte leiden noch wochenlang nach der Entlassung unter den Beschwerden. Eine neue Studie zeigt jetzt aber, dass sich die Lungenschäden wieder zurück bilden, zumindest teilweise.

Eine neue Studie der medizinischen Universität Innsbruck hat erstmals die Langzeitfolgen von Patienten untersucht, die wegen einer Infektion mit dem Coronavirus im Krankenhaus behandelt wurden. Diese Untersuchung bestätigte einige Befürchtungen, fiel zum Teil aber auch positiv aus. Noch wochenlang nach der Entlassung  litten die Patienten unter Beschwerden. Trotzdem bildeten sich die Lungenschäden wieder zurück, zumindest teilweise, wie die Frankfurter Rundschau berichtet.

Die Studie untersuchte 86 Patienten zwischen 50 und 70 Jahren. 70 Prozent von ihnen waren Männer. Dies bestätigt die aktuelle Forschungslage, dass diese häufiger schwer an Covid-19 erkranken als Frauen. Auch die Risikofaktoren fanden ihre Bestätigung in der Studie. Viele der untersuchten Teilnehmer hatten Übergewicht oder Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und einen zu hohen Cholesterinspiegel. Fast die Hälfte der Teilnehmer rauchte. 

Grundsätzlich sprachen alle Teilnehmer von einer überdurchschnittlich langen Genesungsphase. Die Lungenspezialistin, Judith Löffler-Ragg berichtete, "55 Prozent der hospitalisierten Covid-19 Patientinnen und Patienten zeigten auch sechs Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus anhaltende körperliche Beeinträchtigungen." Dabei litt fast die Hälfte unter Kurzatmigkeit bei körperlicher Belastung, 15 Prozent klagten über anhaltenden Husten.

Mit der Zeit verbessere sich der Verlauf aber deutlich, betonte Löffler-Ragg. Sechs Wochen nach Entlassung konnte der Radiologe Gerlig Wildmann bei einer Untersuchung im Computertomografen "anhaltende leicht- bis mittelgradige strukturelle Veränderung der Lunge" erkennen. Bei den meisten bildete sich dies aber im Laufe der Zeit zurück. Lungenschäden wie zunehmende Vernarbungen der Lunge gebe es nicht, so Wildmann. Dies war lange eine Sorge der Mediziner gewesen.

Trotz der Erkenntnisse des österreichischen Forscherteams kann man sich nicht sicher sein, dass sich die beobachteten Veränderungen der Lunge komplett zurückbilden. Inwieweit danach noch Folgeschäden und Einschränkungen bleiben, müsse in weiteren Untersuchungen geklärt werden.

Eine Reha kann viel dazu beitragen, sagen die Mediziner. Im Zuge der Studie wurde mit einer Reha-Klinik zusammengearbeitet, in der Intensivpatienten nachbetreut werden. Die Probleme hätten sich nach einer langfristigen und spezialisierten Rehabilitationstherapie "deutlich verbessert", berichtet Sabine Sahanic aus dem Studienteam. Die Schlussfolgerung ist, dass ein Großteil der Lungenschäden reversibel sind.

Urpsrüngliche Meldung vom 29.07.2020: Atemnot durch Corona: Mediziner warnen vor Langzeitfolgen

Deshalb warnt die "Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin" vor einem zu lockeren Umgang mit "Covid-19". Zu viele Bilder aus Computertomografien hätten Lungenschäden bei Patienten gezeigt, die zuvor lediglich leichte Corona-Symptome verspürten.

Eine sogenannte Immunthrombose führt - so der aktuelle Erkenntnisstand - zu schweren Verläufen der Erkrankung. Diese Gerinnungsstörungen treten zwar auch bei einer gewöhnlichen Grippe auf und erscheinen behandelbar, doch bei einer Corona-Infektion sind sie um ein Vielfaches häufiger zu beobachten.

Ein Wissenschaftler, der sich regelmäßig mit dieser Thematik auseinandersetzt, ist Torsten Blum. Er ist Oberarzt in der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin und hat gemeinsam mit Kollegen zahlreiche Patienten untersucht, die an Atemnot litten. All diese Patienten vereint, dass sie eine "Covid-19"-Erkrankung überstanden haben, die nicht schwer verlaufen ist. Als zentrale Frage stellen sich Blum & Co., ob die Lungenschäden langfristiger Natur sind oder ob sie mit der Zeit verheilen. Dabei stehen insbesondere Infizierte im Fokus, die nicht im Krankenhaus durch Beatmungsgeräte behandelt werden mussten. Fälle, in denen eine Ansteckung unbemerkt bleibt und die keine Symptome mit sich bringen, sind gefährlich: "Da wissen wir, dass es Narben im Bereich der Lunge geben kann", so Blum. 

"Möglicherweise kann dieses neue Coronavirus auch bei ihnen länger anhaltende oder gar dauerhafte Folgeschäden in der Lunge auslösen" - Torsten Blum

Neben Landzeitschäden wie Atemnot kann das Coronavirus auch andere Organe, wie "Herzmuskel, Darm, Niere, Gefäßinnenhäute und das Nervensystem schädigen". Deshalb sei Vorsicht geboten, so Blum. Patienten aus Deutschland, die zunächst nicht schwer erkrankt schienen, erlitten beispielsweise Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Beinvenenthrombosen. "Ein Teil der Patienten wird langfristig Probleme entwickeln. Ich denke schon, dass wir hier sekundär durch Covid-19 auch neue Krankheitsbilder generieren", warnt auch Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie an der München-Klinik Schwabing.

Auch Hirnschäden möglich - bereits nach leichten Verläufen

Doch nicht nur die Lunge greift das neuartige Coronavirus an. Forscher aus Großbritannien haben in einer Studie gezeigt, dass Covid-19 bereits bei einem leichten Verlauf zu schweren Hirnschäden führen kann. Die Infektion mit dem Coronavirus muss dabei gar nicht zu einer Erkrankung mit schwerem Verlauf führen - beunruhigend für alle, die sich nach leichten Symptomen sicher wähnten. Wie die Viren in das Hirn kommen können, dafür haben die Experten des Bundesverbandes Deutscher Pathologen zweierlei Theorien. Einerseits sei es möglich, dass sich das  Virus entsprechend angepasst habe, um sich im Hirn festsetzen zu können.

Ein bemerkenswerter Vorgang, fehlt doch der für das Coronavirus eigentlich notwendige Rezeptor (ACE2) nahezu gänzlich im Gehirn. „Hier ist offenbar Neuropilin-1 der neue Eintrittsrezeptor“, schildert der Neuropathologe der Universität Gießen gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). 

Coronaviren als "Trojanisches Pferd" auf dem Weg ins Gehirn

Andererseits sind Experten der Yale School of Medicine davon überzeugt, dass sich das "SARS-CoV-2"-Virus im Stile eines „trojanischen Pferdes“ einen Weg durch den menschlichen Körper bahnt. Dadurch, das zeigte die Studie,  lasse sich vermehrt Gewebe des zentralen Nervensystems im Gehirn nachweisen. Infolgedessen, sei auch der Rezeptor ACE2 deutlich häufiger in Hirnzellen nachzuweisen, als bei einem Patienten ohne Corona-Infektion. 

Neurologen im Fachmagazin Brain berichten, dass die Hirnschädigungen meist viel zu spät erkannt werden. Das Forscherteam um Michael Zandi hat 43 "Covid-19"-Patienten untersucht: Bei neun der Betroffenen konnten die Wissenschaftler des "University College (UCL)" in London eine akute "demyelinisierende Enzephalomyelitis" diagnostizieren. Dabei handelt es sich um eine entzündliche Erkrankung, die eine degenerative Zerstörung des zentralen Nervensystems zur Folge hat. Zwölf weitere Patienten wiesen einzelne Entzündungen auf, zehn Menschen litten an einer vorübergehenden "Enzephalopathie", die mit einer Psychose verbunden sein kann. 

Noch nie zuvor beobachtete Folgen

"Die Art und Weise, wie Covid-19 das Gehirn attackiert, haben wir bei anderen Viren noch nie zuvor gesehen", erklärt Zandi. Er wundert sich insbesondere von den teils schwerwiegenden Hirnschäden bei Patienten, die zuvor lediglich leichte Corona-Symptome hatten. Das "UCL" hat seit Beginn der Pandemie einen massiven statistischen Anstieg der akuten entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems festgestellt. Zuvor war im Durchschnitt lediglich von einem Fall je Monat die Rede. Befällt das Virus beispielsweise das Gehirn, ist in den meisten Fällen vom Tod des Patienten auszugehen. Aktuelle Erhebungen belegen zudem: Bei einem Drittel aller Corona-Todesfälle konnte das Virus in den Hirnzellen nachgewiesen werden. Doch selbst wenn eine Hirn-Infektion nicht tödlich verläuft, so kann sie immensen Schaden anrichten. Dazu zählt auch das Auslösen von schweren Folgeerkrankungen.

Schon vor Monaten konnten Geruchs- sowie Geschmacksverlust als Folgen einer Coronavirus-Infektion festgestellt werden. Diese könnten laut aktuellem Kenntnisstand jedoch auch darauf hindeuten, dass die Hirnzellen befallen wurden. Die Experten sprechen in so einem Fall von „Neuro-Covid“. Doch selbst wenn man die Geruchs- und Geschmacksstörungen überwinden konnte, muss es nicht so glimpflich ablaufen. Vereinzelt konnte bei Covid-19-Patienten auch die Meningoenzephalitis festgestellt werden. Bei dieser Erkrankung ist sowohl das Hirn, als auch die Hirnhaut betroffen. Das kann zu anhaltenden Gedächtnisproblemen führen.

Selbst Lähmungen seien möglich. Diese verursache das Guillain-Barré-Syndrom, welches als Folgeerkrankung zum Coronavirus gilt. Sie löst Entzündungen der Nervenzellen aus. Die Folge: Schmerzen, Missempfindungen und Lähmungen der Hände und Füße. Eine weitere Befürchtung der Mediziner: Eine Ausbreitung des Fatigue-Syndroms.  Nachdem das SARS und MERS-Virus ausgebrochen war, konnten die Experten feststellen, dass Betroffene sehr schnell erschöpft waren und zudem mit andauernder Müdigkeit zu kämpfen hatten.