• Die Bilanz des 9-Euro-Tickets kann sich sehen lassen
  • Auf der Kippe: Notwendig oder nur Tribut an die Gratismentalität?
  • Die Grünen wollen das 29- und 49-Euro-Ticket
  • Das ist denkbar: das 365-Euro-Ticket für ein Jahr
  • Prozess zur Entwicklung eines Nachfolgeplans soll im Herbst starten

Damit hatte die Politik nicht gerechnet: 38 Millionen verkaufte 9-Euro-Tickets. Durch diese Zahl kommt sie in Zugzwang, eine attraktive Anschlusslösung zu finden. Lösungsideen gibt es. Der Knackpunkt ist die Finanzierung. Am Tag der offenen Tür im Kanzleramt (21. August 2022) hat Bundeskanzler Olaf Scholz jetzt Gespräche über eine Nachfolgeregelung angekündigt. Noch in diesem Jahr, soll die Frage nach einer Fortsetzung des günstigen Tickets in angepasster Form geprüft werden. 

Die Bilanz des 9-Euro-Tickets kann sich sehen lassen

Die Bilanz des 9-Euro-Tickets kann sich sehen lassen. Es ist eines der erfolgreichsten, aber ebenso umstrittensten Projekte der Ampelkoalition: das Neun-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr. Der Verband der Verkehrsunternehmen rechnet vor, dass seit dem Verkaufsstart Ende Mai bis heute bundesweit kumuliert etwa 38 Millionen 9-Euro-Tickets (Stand: 08.08.2022) verkauft wurden. 

Die Zahlen korrespondieren mit einer recht positiven Bewertung dieses Angebots in der Gesamtbevölkerung. Etwas weniger als die Hälfte aller erwachsenen Deutschen bewerten das 9-Euro-Ticket positiv. Dies hat eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey unter 10.000 Bürgerinnen und Bürgern im Auftrag der eon-Stiftung ergeben. Demnach sehen 43 Prozent der Befragten die Einführung positiv, 38 Prozent sehen darin eine negative Maßnahme der Bundesregierung. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Landbevölkerung besonders kritisch. Können sie doch kaum vom Sonder-Ticket profitieren, wie die FAZ berichtet.

Der Geschäftsführer der eon-Stiftung, Stephan Muschick, berichtete in der FAZ im Zusammenhang der Umfrage-Ergebnisse von einer Spaltung bei den unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnissen zwischen Stadt und Land. "Während Menschen in den Städten ihre Monatskarten für drei Monate geschenkt bekommen, kommt die gewollte Benzinpreis-Reduzierung auf dem Land nicht an." Die wissenschaftliche Gesamtauswertung des Projekts laufe noch, berichtete Verkehrsminister, Volker Wissing, im ZDF. Der Verkehrsminister schätzt aufgrund erster Zahlen, dass die erreichte Verkehrsverlagerung vom Auto in die öffentlichen Verkehrsmittel bei drei bis vier Prozent liegt.

Auf der Kippe: Notwendig oder nur Tribut an die Gratismentalität?

Eine der spannendsten Fragen in diesem Sommer ist, wie es ab September mit dem 9-Euro-Ticket weitergeht. Wie nicht anders zu erwarten: die Parteien der Koalition streiten.

Besonders ist bei vielen Bürger*innen die Äußerung vom Parteivorsitzenden der FDP und Finanzminister, Christian Lindner, aufgestoßen. Dieser sagte, er sei von einer "Gratismentalität à la bedingungsloses Grundeinkommen" auch im öffentlichen Nahverkehr nicht überzeugt und plädiere deshalb für Ende der Regelung. Das erklärte er im Interview mit der Augsburger Allgemeinen. Im Moment schießt der Bund 2,5 Milliarden Euro zu, um die Ausfälle der Bahn und der verschiedenen Verkehrsbetriebe durch die populäre, aber auf drei Monate beschränkte Rabattaktion im Nah- und Regionalverkehr zu kompensieren. Die negative Haltung von Lindner überrascht: Nutzen doch FDP-Wähler mehrheitlich und ausgiebig mit 53 Prozent das Ticket, wie das Forschungsinstitut INSA für die Bild-Zeitung herausgefunden haben will.

Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, hat in der Diskussion um das 9‑Euro-Ticket den FDP-Chef massiv kritisiert. "Menschen wissen nicht, wie sie über den Monat kommen sollen, Menschen sind verzweifelt, und dann von 'Gratismentalität' zu sprechen, ist eine Frechheit", sagte er in der Sendung "Frühstart" von RTL/N-TV.

Die Grünen wollen das 29- und 49-Euro-Ticket

Welche Nachfolge-Varianten liegen eigentlich auf dem Tisch? Zum einen steht die Verlängerung des 9-Euro-Tickets zur Debatte: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die FDP will keine Verlängerung. Bundesverkehrsminister, Volker Wissing, ist zwar noch nicht ganz entschieden, sein Parteifreund und Finanzminister, Christian Lindner, will aber unbedingt aussteigen. Die Linkspartei fordert angesichts hoher Gaspreise, das 9-Euro-Ticket bis Jahresende zu verlängern. Die Grüne Jugend macht sich sogar für ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket stark. 

Die Partei der Grünen schlägt gleich zwei Tickets als Nachfolgelösung vor. Erster Vorschlag: Das 29-Euro-Regional-Ticket, das sich an Pendler*innen wendet, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren. Es soll "mindestens landesweit, aber auch für Regionen wie Berlin-Brandenburg oder Bremen-Hamburg-Niedersachsen" gelten. Zweiter Vorschlag: Das 49-Euro-Ticket für ganz Deutschland: das soll ähnlich einfach funktionieren wie das 9-Euro-Ticket. Das Angebot eines 49-Euro-Tickets könne "den Tarifdschungel vollends durchbrechen", werben die Grünen. Die Beschäftigung mit der "oft unübersichtlichen Preisgestaltung hätte für viele Menschen ein Ende", wie das ZDF und andere Medien berichten.

Die Verbraucherzentralen wollen ebenfalls ein leicht buchbares Ticket für Busse und Bahnen im Nahverkehr. "Wir fordern eine Fortführung mit einem 29-Euro-Ticket ab September", sagte die neue Vorständin, Ramona Pop, des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) der Berliner Morgenpost

Das ist denkbar: das 365-Euro-Ticket für ein Jahr

Die wohl meistdiskutierte Option, schon vor dem 9-Euro-Ticket, ist das Jahresabo für 365 Euro. Ein Ticket also für einen Euro pro Tag. Auch BUND-Verbandsgeschäftsführerin, Antje von Broock, unterstützt die Idee eines 365-Euro-Jahrestickets in Deutschland. Für den massiven Angebotsausbau seien auch Bundesmittel notwendig. "Nur so wird der Verkehr seine Klimaziele überhaupt einhalten können." Der BUND hat eignen Vorschlag für ein Nachfolgeangebot zum 9-Euro-Ticket und deutliche Verbesserungen im ÖPNV vorgelegt.

Greenpeace ist für eine lückenlose Fortführung des 9-Euro-Tickets bis Jahresende und dann ab 2023 ein "Klimaticket" für maximal einen Euro pro Tag. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach sich für diese Option aus. Ob die Anschlussregelung dann wieder ein Monatsticket für neun Euro werde, werde sich zeigen, sagte Söder. Auch ein 365-Euro-Jahresticket würde helfen, erklärte er im Bayerischen Rundfunk. Für Azubis gibt es das 365-Euro-Ticket bereits in mehreren deutschen Städten und Regionen wie Berlin, Hamburg oder München.

Seit Oktober 2021 gilt das Klimaticket jetzt schon für Österreich. Wer ein Ticket nur für ein Bundesland braucht, bezahlt 365 Euro, wer in einem weiteren Bundesland mit dem ÖPNV unterwegs sein will, zahlt nochmal 365 Euro, also 730 Euro. Für ganz Österreich zahlen die Reisenden dann 1095 Euro pro Jahr.

Das gibt es: kostenloser Nahverkehr in Deutschland

Tatsächlich gibt es in Deutschland bereits kostenlosen ÖPNV. Die Stadt Monheim an Rhein im Kreis Mettmann bietet diesen seit 2020 an. Mit dem Monheim-Pass steht der ÖPNV kostenlos in Monheim am Rhein und Langenfeld, inklusive Anbindung S-Bahnhof zur Verfügung. 

Mit Luxemburg gibt es ein ganzes Land, das öffentliche Verkehrsmittel zum Nulltarif seit zwei Jahren anbietet. Seit 2020 ist der öffentliche Nahverkehr für alle kostenlos, sowohl für Einwohnende als auch für Tourist*innen. Der Gratis-Transport gilt für Züge, Straßenbahnen und Busse. Fahrgäste benötigen keinen Fahrschein mehr, egal ob es sich um einen Einzelfahrschein oder eine Dauerkarte handelt.

Aber erst einmal geht es wohl in die andere Richtung: Preiserhöhungen erwartet der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV). Ingo Wortmann, der Präsident der Verkehrsunternehmen, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), die Preise im öffentlichen Nahverkehr könnten nach Auslaufen des 9-Euro-Tickets Ende August zulegen. Hintergrund seien fehlende Ausgleichszahlungen des Bundes, etwa für höhere Spritpreise.

Fazit

Das 9-Euro-Ticket spaltet die Nation. Für die einen ist es pure Geldverschwendung, für die anderen eine gelungene Sache. Wichtig sind zwei Dinge; das zeigen die drei Monate: Wir brauchen mehr und attraktivere Öffis und den Rückbau des Autoverkehrs in den Städten. Dazu braucht es aber noch ganz andere Instrumente als sie bislang zur Diskussion stehen.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat angekündigt, dass Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) mit den 16 Bundesländern prüfe, wie die „Bequemlichkeit, Benutzbarkeit, vielleicht auch die Bezahlbarkeit“ im Öffentlichen Nahverkehr besser geregelt werden könne. Der Verkehrsminister habe den Prozess für Oktober auf dem Plan. Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Dorothee Martin, hält Oktober allerdings für zu spät: „Wenn wir zu Beginn 2023 ein neues bundesweites Ticket einführen wollen, muss der Prozess dafür jetzt beginnen und der Zeitplan klar sein. Im Oktober, wie vom Verkehrsminister avisiert, ist das zu spät", sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).