• Krieg der Sternchen
  • Rechtsschreib-Räte bleiben skeptisch
  • Volkswagen Manager klagt gegen Gender-Gap
  • Rechtsprechung ist noch uneinheitlich
  • So sehen die Deutschen das Gendern

Ein Prozessmanager von Volkswagen ist gegen Audi vor das Landgericht (LG) Ingolstadt gezogen, weil er nicht als "Audianer_in" bezeichnet werden will. Erfolg hatte er damit nicht. Die Debatte um die Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen Sprache ist damit aber nicht erledigt. Das generische Maskulinum ist noch lange nicht besiegt.

Krieg der Sternchen

Sprach­forschende sprechen sich in einem Aufruf gegen geschlechter­sensible Sprache bei den Fernsehsendern in Österreich und Deutschland aus und fordern eine klare Richtungs­vorgabe der Intendanzen für das generische Maskulinum. Initiator des Aufrufs, den bisher u.a. rund 80 Sprach­forschende aus beiden Ländern unterzeichnet haben, ist der Musiker und Autor Fabian Payr. Er ist bekennender Gegner des Genderns. 

Aber was ist das generische Maskulinum in der deutschen Sprache? Die männliche Form wird im allgemeingültigen Sinne für Männer, Frauen und Menschen diversen Geschlechts gebraucht. Der Autor Dirk Assendorf hat in SWR-Wissen dafür in seiner Sendung: Geschlechtergerechte Sprache – Was bringt das Gendern? zwei überzeugende Beispiele parat: Im Plural findet es sich, wenn von den 100 Sängern, von denen 99 Frauen sind, die Rede ist. Aber auch im Singular hat es seinen Platz, wenn es heißt, dass wir zum Arzt gehen oder uns beim Bäcker ein Brötchen kaufen. "Denken wir dann auch an eine Ärztin und eine Bäckerin?", fragt der SWR-Autor.

Oft ist die geschlechtliche Vielfalt der Sprache durch die Verwendung des generischen Maskulinums nicht sichtbar. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, schriftlich gendersensibel zu kommunizieren. Erste Strategie heißt Neutralisieren: mithilfe von neutralen Formulierungen, wie "Mitarbeitende" statt "Mitarbeiter" oder "Führungskraft" statt "Chef". Dabei entstehen zwar teilweise 'gewöhnungsbedürftige Wortkonstruktionen', aber trotzdem ist es viel leichter als du vielleicht denkst. Die zweite Strategie ist das Sichtbarmachen; entweder durch einen statischen Unterstrich, auch Gender-Gap genannt (Beispiel: Mitarbeiter_innen), oder durch die Sternchen-Form (Beispiel: Mitarbeiter*innen). Ergänzend dazu gibt zwei weitere Varianten: der Schrägstrich (Beispiel: Mitarbeiter/in) oder der Gender-Doppelpunkt (Beispiel: Mitarbeiter:in). 

Rechtsschreib-Räte bleiben skeptisch

Diese gendersensiblen Schreibweisen sind aber keineswegs unumstritten. So hat der Rat für deutsche Rechtschreibung in seiner Empfehlung "Die Entwicklung und Bewertung des Themas Geschlechtergerechte Schreibung" seine Auffassung bekräftigt, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden muss und sie sensibel anzusprechen sind.

Dies sei allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung zu lösen sei. Der Rat hat vor diesem Hintergrund die Aufnahme von Asterisk ("Gender-Stern"), Unterstrich ("Gender-Gap"), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung nicht empfohlen.

Ganz anderer Meinung ist der Autobauer Audi in Ingolstadt mit seinen 58.000 inländischen Beschäftigten. Um die geschlechtliche Vielfalt im Unternehmen sichtbar zu machen, führte Audi ab März 2021 die gendersensible Sprache ein und setzte so in der Kommunikation im Unternehmen ein Zeichen für Gleichberechtigung. Gendersensibel zu kommunizieren sei eine Frage des Respekts und Ausdruck einer Haltung gegen Diskriminierung und für Vielfalt, betonte Sabine Maaßen, die damalige Vorständin für Personal und Organisation. Konkret gefasst ist das in einer Unternehmensrichtlinie für alle "Audianer_innen". Das zeigt schon, welche Schreibweise bei Audi präsent ist: die sogenannten Gender-Gaps. Sie verbindet alle geschlechtlichen Formen mit einem Unterstrich. 

Volkswagen Manager klagt gegen Gender-Gap

Dass die gendersensible Sprache in der Belegschaft des Konzerns nicht nur auf Zustimmung stößt, zeigt die Klage eines Prozessmanagers von Volkswagen vor dem Landgericht (LG) in Ingolstadt. Er wehrte sich mit seinem Gang zum Gericht gegen die Unternehmensrichtlinie, inzwischen gefasst in einem Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache. Ihn störte immens, dass die Audi-Beschäftigten in der Kommunikation mit ihm die Gender-Formen mit Unterstrich ("Mitarbeiter_innen") nutzen. Das führe zu neuer Diskriminierung und verletze seine Persönlichkeitsrechte. Seine Forderung: Audi solle ihm keine Mails, Mailanhänge und Präsentationen mit diesen sogenannten Gender-Gaps mehr zuschicken - und bei Verstößen 100.000 Euro zahlen.

Die Klage hatte keinen Erfolg, (Unveröffentlichtes Urteil vom 29.7.2022, Az.: 83 O 1394/21, inFranken.de hat darüber berichtet). Der Fall fand eine breite öffentliche Resonanz. Die Begründung des Urteils liegt noch nicht vor, aber Richter Christoph Hellerbrand deutete schon an, wohin seine Argumentation geht: Der Mitarbeiter von Volkswagen sei nicht zur "aktiven Nutzung" der Gendersprache verpflichtet, führte er aus, weil der Leitfaden sich nur an die Mitarbeitenden von Audi richte.

Aber auch in einer passiven Nutzung, also etwa in Mails, Dokumenten oder Präsentationen, sah das Gericht keine Persönlichkeitsrechte des Klägers verletzt. Einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verneinte Hellerbrand ebenfalls. "Wir begrüßen dieses Urteil", kommentierte Audi in einem schriftlichen Statement den Ausgang des Verfahrens. Man sehe sich im Entschluss bestärkt, "gendersensible Sprache in der internen und externen schriftlichen Kommunikation eingeführt zu haben", wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Rechtsprechung ist noch uneinheitlich

Das Thema Gendern ging bisher vor Gericht meist in die andere Richtung: Menschen verklagten Unternehmen, weil sie sich durch eine nicht genderneutral formulierte Ansprachen diskriminiert fühlten.

Erst im Juni verurteilte das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt die Deutsche Bahn zu 1.000 Euro Schmerzensgeld, weil ein Fahrkartenkauf nur über die Auswahl zwischen "Mann" und "Frau" in der Anrede möglich war. Im konkreten Fall ging es um die Buchung einer Fahrkarte der Deutschen Bahn von Berlin nach Braunschweig über das Internet. Sowohl bei der Registrierung als auch beim Kauf gab es nur die Auswahl "Herr" oder "Frau". Ohne diese Zuordnung war ein Fahrkartenkauf nicht möglich. Eine nicht-binäre Person hatte gegen diese Festlegung geklagt und Recht bekommen (Urteil vom 21.6.2022, Az.: 9 U 92/20).

Bereits 2018 ging ein Streit um die richtige Ansprache sogar bis vor das Bundesverfassungsgericht (BVerfG). Das befand damals allerdings, die Sparkasse dürfe in ihren Formularen auch weiterhin "Kunde" schreiben und müsse der Klägerin keine explizit weibliche Formulierung anbieten (Urteil vom 26.5.2020, Az.: 1 BvR 1074/18).

So sehen die Deutschen das Gendern

Audi ist nicht das einzige Unternehmen, das eine gendersensible Sprache nutzt. 2021 gab jedes dritte Unternehmen in einer Randstad-ifo-Umfrage an, zu gendern. Angesichts dieses schwachen Werts verwundert es nicht, dass Gendern im Bekanntenkreis, im Büro und neuerdings sogar vor Gericht ausgesprochen strittig ist. In der Gesellschaft gibt es insgesamt wenig Zustimmung.

Knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland halten einer Umfrage zufolge, die 2020 stattfand, wenig von stärkerem Gendern in der Sprache.

  • 65 Prozent der Befragten lehnten Formulierungen wie "Zuhörende" statt "Zuhörer" und die Nutzung des großen Binnen-I ("WählerInnen") in der Schriftsprache ebenso ab wie eine Kunstpause vor der zweiten Worthälfte ("Pendler_innen") in der gesprochenen Sprache, berichtete eine Exklusiv-Erhebung von Infratest dimap
  • Insgesamt bewerteten Frauen eine "geschlechtergerechte" Sprache positiver als Männer, doch auch hier ist die Ablehnung von 59 Prozent mehrheitlich festzustellen.

Und wie bewerten junge Leute das Gendern? Bewerber*innen um einen Ausbildungsplatz kennen zu 98 Prozent die Bedeutung des m/w/d-Kürzels, berichten die AZUBI-RECRUITING TRENDS 2022. Sie erheben darüber hinaus mehrheitlich keine besonderen Ansprüche an eine gendergerechte Sprache in der Azubi-Ansprache. 36 Prozent ist es allerdings "wichtig" oder "sehr wichtig" dass alle Geschlechter in Stellenanzeigen angesprochen sind. Hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. 28 Prozent der Männer ist dieser Aspekt wichtig, aber 45 Prozent der Frauen.

Fazit

Als besonders bedeutsam schätzt weder die Bevölkerung, noch der Nachwuchs eine gendergerechte Sprache. Noch sind Gender-Sternchen oder Gender-Gap nicht der Mainstream in der Gesellschaft. Da bleibt also noch viel zu tun: Das gilt für die Sprache, aber natürlich genauso für die Abschaffung von immer noch gravierenden Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen.